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Veröffentlicht am 07.04.2018

Das wahre Gesicht des Krieges

Roter Herbst in Chortitza
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Tim Tachatzki hat hier ein sehr bewegendes Kriegs- und Familiendrama mit biografischemn Hintergrund verfasst. Darin enthalten sind die Lebenserinnerungen seiner Schwiegermutter, die auch im Buch eine Rolle ...

Tim Tachatzki hat hier ein sehr bewegendes Kriegs- und Familiendrama mit biografischemn Hintergrund verfasst. Darin enthalten sind die Lebenserinnerungen seiner Schwiegermutter, die auch im Buch eine Rolle spielt.
Wir schreiben das Jahr 1919. Der Zar ist gestürzt, der Erste Weltkrieg zu Ende. In Russland kommt die politische Situation allerdings nicht zur Ruhe. Nach der Oktoberrevolution tobt der Bürgerkrieg und die Anhänger Stalins sind knapp davor die Macht zu übernehmen.
Tim Tichatzki erzählt die Geschichte von Willi und Maxim, die als Kinder Freunde waren und sich durch die politische Situation auseinander entwickeln. Willi gehört zur deutschstämmigen Mennoistengemeinde in Osterwick in der Ukraine. Maxim und sein Vater Juri wurden als Flüchtlinge von der Gemeinde aufgenommen. Die Mennoisten lehnen Gewalt generell ab und üben auch ihren Glauben trotz Verbot aus. Die Angelegenheiten der Gemeinschaft regelt ein Brüderrat. Die Gemeinschaft und das friedliche Zusammenleben stehen an erster Stelle, was die Menschen in Osterwick allerdings bald in große Schwierigkeiten bringt. Beim Einmarsch der deutschen Truppen hoffen sie auf Hilfe, doch der Traum platzt sehr schnell...
Maxim geht den gegensätzlichen Weg und wird zum Handlanger des Regimes. Als Mann ohne Familie und ohne Skrupel wird er zum Spielball der Mächtigen. Und am Ende treffen sich auch wieder die Wege von Willi und Maxim in Sibirien...

Anhand von Willis Lebensgeschichte wird dem Leser diese schlimme Zeit näher gebracht. Sie steht für Hunderttausende, die in dieser Zeit vertrieben und getötet wurden. Nur in groben Zügen war mir bisher die russische Geschichte kurz nach dem Sturz des Zaren bekannt. Die Grausamkeit, der die Bevölkerung ausgesetzt wird, ist brutal. Die Anhänger Stalins holen sich willkürlich Menschen mitten in der Nacht aus den Häusern, die nie wieder gesehen werden. "Politische" Säuberungen und Massenexekutionen sind Gang und Gäbe. Hier geht der Autor auch näher auf Wassili Blochin ein, den Henker mit der Lederschürze, ein Handlanger Stalins. In einer Nacht exekutierte er eigenhändig 200-300 Kriegsgefangene...und dies wochenlang! Der Autor erzählt schonungslos über die Grausamkeiten dieser Zeit von 1919 bis 1947, die leider nicht seiner Fantasie entspringen, sondern Tatsache sind.

"Meine ganze Hoffnung ist, dass dieses Buch einen Beitrag leisten kann, die Geschehnisse von damals nicht zu vergessen, sondern für nachfolgende Generationen am Leben zu erhalten" - Tim Tichalski

Besonders nahe gegangen ist mir die Situation der deutschstämmigen Russen, als sie als Flüchtlinge in Thüringen ein neues Leben beginnen wollen und durch die Willkür der Allierten wieder den Russen übergeben werden. Durch die Teilung Deutschlands fällt Thüringen in die russische Zone. Die nun als Deutsche gebrandmarkten Russen kommen nach Sibirien ins Arbeitslager, das die meisten von ihnen nicht überleben. Was für eine absolute Fehlentscheidung der Kriegsgewinner, die damit Hunderttausende in den Tod schickten!

Dieser Roman geht unter die Haut und zeigt doch nur das wahre Gesicht des Krieges.

Schreibstil:
Tim Tichatzkis Schreibstil ist geradlinig und ohne Schnörkel und weckt doch so viele Emotionen beim Lesen. Über den meisten Kapiteln stehen Ort und Datum oder ein Name bzw. das Thema des nächstesn Abschnittes. Neben der hervorragenden Recherche, die der Autor über diese Zeit gemacht hat, verknüpft er die Familiengeschichte seiner Schwiegermutter mit ein. So bekommt der (Kriegs-)Roman mehr Gesicht und hat nicht nur anonyme Täter und Opfer vor Augen.
Am Anfang befindet sich eine Karte der Ukraine, am Ende ein Foto der Familie Bergen.

Fazit:
Ein erschütternder Bericht über eine grausame Zeit, die durch die Familiengeschichte der Familie Bergen ein Gesicht bekommt. Grandios recherchiert und eine Mahnung an die Menschen, diese Geschehnisse nicht zu vergessen. Ein grandioses Debüt!

Veröffentlicht am 18.03.2018

Berufung oder Liebe?

Die Vergessenen
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Unter dem Pseudonym Ellen Sandberg hat die bekannte Krimiautorin Inge Löhnig ihr Herzensprojekt veröffentlicht. Das bemerkt man, denn mit dieser Geschichte, die ein Mix aus Spannungsroman, Krimi und Familiengeschichte ...

Unter dem Pseudonym Ellen Sandberg hat die bekannte Krimiautorin Inge Löhnig ihr Herzensprojekt veröffentlicht. Das bemerkt man, denn mit dieser Geschichte, die ein Mix aus Spannungsroman, Krimi und Familiengeschichte ist, ist ihr ein wahrlich brillianter Roman gelungen. Sandberg/Löhnig hat sich hier dem Thema der Euthanasie während des Zweiten Weltkrieges angenommen und hat es mit einer spannenden Rahmenhandlung perfektioniert.

Der etwas ruhige Beginn dient zur Einführung, denn wir haben es mit zwei Zeitebenen und eigentlich drei Hauptprotagonisten zu tun.
Wir lernen zuerst Manolis Lefteris kennen. Offiziell ist er Autohändler, inoffiziell nimmt er geheimnisvolle Aufträge seines Mentors Köster an, der ihm als Jugendlicher das Leben gerettet hat. Der Deutsch-Grieche soll diesmal alte Akten für seinen Auftraggebener auftreiben. Die Besitzerin ist kürzlich wegen eines Schlaganfalles ins Krankenhaus eingeliefert worden.
Ihre Nichte Vera Mändler ist Journalistin und arbeitet im Moment eher lustlos bei einem Frauenmagazin. Sie würde sich gerne wieder seriöseren Themen widmen, doch ein Umstieg erweist sich schwieriger als erwartet. Als sie in der Wohnung ihrer Tante nach persönliche Unterlagen für das Krankenhaus sucht, stößt sie auf ein altes Fotoalbum. Darin entdeckt sie ein Bild ihrer Tante mit einem Nazi-Anstecker am Revers vor der Heil- und Pflegeanstalt Winkelberg. Diese Pflegeanstalt war bekannt für ihre Grausamkeit. Vera ist entsetzt, möchte allerdings mehr darüber wissen und wittert gleichzeitig einen guten Stoff für einen Artikel und einen eventuellen Job. Dabei lässt sie völlig außer Acht, dass jemanden daran interessiert ist, dass die Vergangenheit keinesfalls ans Licht kommt.....

Im Vergangenheitsstrang rund um das Jahr 1944 lernen wir die junge Kathrin Mändler kennen. In Winkelberg macht sie schockierende Entdeckungen. Viele Patienten scheinen systematisch getötet zu werden. Kriegsversehrte, die keiner Arbeit mehr nachgehen können, weil sie der Krieg psychisch und phyisch zerstört hat, werden dem Hungertod überlassen und behinderte Kinder, die ebenfalls keinen Beitrag für die Gesellschaft leisten können, werden still und heimlich ermordet. Der Kopf der Klinik ist Chefarzt Karl Landmann, doch gerade in diesem Mann verliebt sich die junge Kathrin. Was wird Kathrin tun und was ist ihr wichtiger? Ihre eigentliche Berufung als Krankenschwester oder die Liebe zu Karl ?

Im Wechsel lesen wir die Abschnitte aus der Gegenwart rund um Manolis und Vera, die beide hinter den Akten her sind, als auch diese aus der Vergangenheit, die in einem anderen Schriftbild erscheinen. Das zentrale Thema im Roman ist die Gerechtigkeit und die Rechtssprechung, was leider nicht immer das Gleiche ist.
Manolis, "der Mann fürs Grobe", trägt eine schwere Vergangenheit mit sich herum, mit der er immer wieder hadert. Sein Vater war der einzige Überlebende eines Übergriffes der deutschen Wehrmacht in seiner Heimat Giechenland. Im Dorf wurde damals ein Blutbad an Frauen und Kindern verübt, das sein Vater sein ganzes Leben lang belastete, weil die erhoffte Gerechtigkeit ausblieb. Nur Manolis hat er diese Geschichte als Kind erzählt und auch bei ihm ein Trauma hinterlassen. Als er durch Vera langsam den Verdacht bekommt, worüber die Akten, die er besorgen soll, handeln könnten, steht er vor einem Gewissenskonflikt....

Schreibstil:
Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und sehr bildhaft. Die Orte und Personen werden authentisch dargestellt und es wurde akribisch recherchiert. Man erkennt auch den kriminalistischen Touch der Autorin, die hier eine sehr spannende Geschichte geschrieben hat. Der Spannungsbogen nimmt kontinuierlich zu und die Handlung aus der Vergangenheit erschüttert. Beide Protagonisten aus der Gegenwart sind nicht immer positive Figuren, haben Ecken und Kanten, aber auch Sinn für Gerechtigkeit. Das macht sie trotz ihrer Eigenheiten sympathisch.
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Wer meinen Blog verfolgt weiß, dass ich gerne Geschichten über die Weltkriege lese. Trotz der vielen Lektüre zu diesem Thema, erfahre ich immer wieder neue Fakten, die ich zuvor nicht wusste. Deswegen finde ich es auch so wichtig, dass Autoren dazu recherchieren und historische Fakten mit einer fiktiven Geschichte den Lesern näher bringen.
Wie weitreichend das Thema Euthanasie im Dritten Reich war, hat Inge Löhnig alias Ellen Sandberg hier sehr detailliert dargestellt. Es macht auch heute noch betroffen und wütend.

Fazit:
Ein äußerst bewegender Roman mit Krimielementen, der das Thema Euthanasie im Fokus hat und von den Schrecken des zweiten Weltkrieges berichtet. Dabei bleibt die Spannung nicht auf der Strecke und mit Vera und Manolis hat die Autorin zwei Protagonisten mit Ecken und Kanten geschaffen. Von mir gibt es hier eine absolute Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 15.03.2018

Grandioser Roman, der erschüttert

Die geliehene Schuld
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Mit den neuen Roman von Claire Winter kann man einfach nichts falsch machen! Dies ist mein drittes Buch der Autorin und alle drei habe ich mit 5 Sterne bewertet. "Die geliehene Schuld" wird aber diesmal ...

Mit den neuen Roman von Claire Winter kann man einfach nichts falsch machen! Dies ist mein drittes Buch der Autorin und alle drei habe ich mit 5 Sterne bewertet. "Die geliehene Schuld" wird aber diesmal auch das Prädikat "Lieblingsbuch-Status" erhalten.

Wir sind in Berlin im Jahr 1949. Deutschland ist im Umsturz. Die zukünftige Bundesrepublik hat noch keine Verfassung und die Menschen sind verunsichert. Viele Teile des Landes sind noch von den Aliierten besetzt, die Nürnberger Prozesse laufen, doch viele Nazisverbrecher sind noch auf freiem Fuß oder untergetaucht. Schon nach den ersten Seiten taucht man völlig in die Handlung ein.

Mit Vera, einer jungen Journalistin, lernen wir eine toughe Frau kennen, die im Krieg ihre Eltern und ihren Mann verloren hat. Einzig ihr Job beim Echo, als auch ihr Jugendfreund und Kollege Jonathan, geben ihr in dieser schweren Zeit Halt. Doch dann kommt Jonathan bei einem Unfall ums Leben. Als sie mysteriöse Unterlagen erhält, die er ihr kurz vor seinem Tod geschickt hat, beginnt Vera nachzuforschen. Schon bald weiß sie, dass er an einer Recherche über Kriegsverbrecher gearbeitet hat. Es scheint als hätte Jonathan etwas herausgefunden, was ihm letztendlich das Leben gekostet hat. In einem Brief bittet er Vera niemanden zu trauen und weiterzuforschen. Ihre Wege führen sie daraufhin nach München und Südtirol und wieder zurück nach Berlin. Lange ahnt sie nicht, wonach sie suchen soll, doch ihre Feinde sind ihr schon auf den Versen...

Die Geschichte wird aus der Sicht von Vera, Jonathan, Lina und Marie erzählt. Man erhält aber auch einen kleinen Einblick in die Gedanken anderer Figuren wie Karl, Margot oder Helmut. Die Handlung wechselt zwischen August 1948 und Mai 1949 und schließt mit einem Epilog sieben Jahre später.
Während Vera auf den Spuren von Jonathan nach Hinweisen sucht, die zu seinem Tod geführt haben, begegnen wir Marie. Sie ist Sekretärin im Stab Adenauers und lernt bei den Nürnberger Prozessen die Jüdin Lina, als auch Jonathan kennen, der für den Echo berichten soll. Durch Lina erfährt die eher wohlbehütete Marie mehr über den Schrecken des Krieges und hinterfragt nach und nach die Situation in ihrem eigenen Elternhaus. Ihr Vater Hermann Weißenburg arbeitete für das Reichssicherheitsamt. Doch ihre Mutter schweigt und ihre beiden Brüder Fritz und Helmut ermahnen sie nicht wegen dem Vater nachzufragen, der in Russland gefallen ist. Daraufhin bittet Marie Jonathan nachzuforschen.

Im Wechsel zwischen Gegenwart und der Vergangenheit erzählt die Autorin immer ein kleines Stück mehr der kompakten Handlung. So erschließt sich erst nach und nach das ganze Ausmaß der Geschichte. Die Autorin hat hier eine wahre Freundschaft zwischen einer Jüdin und einer jungen Frau aus nationalsozialistischem Elternhaus als Vorlage für Marie und Lina genommen.

Der Roman verliert zu keiner Zeit an Tempo - im Gegenteil. Es bildet sich ein Sog, der einem in die Geschichte hineinzieht und aus der man sich kaum mehr befreien kann. Ich wollte nicht aufhören zu lesen.
Die Charaktere sind sehr lebendig gezeichnet. Obwohl Vera Angst bei ihren Nachforschungen hat, gibt sie ihr Ziel nie auf. Sie möchte Jonathans Bitte unbedingt erfüllen. Durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven erhält man einen guten Einblick in die Gefühle und Gedanken der einzelnen Figuren.
Zu Beginn des Buches findet man eine Karte von Deutschland mit den Zonen der Aliierten, die noch immer Besatzungsmacht waren. Außerdem gibt es ein Interview der Autorin und Fotos aus dieser Zeit, die historischen Bezug nehmen. Am Ende des Buches gibt es noch ein Personenverzeichnis und einen Epilog mit der Überschrift "Wahrheit und Fiktion", in dem die Autorin noch Erklärungen zum Buch gibt.

"Die geliehene Schuld" hat mich tagelang beschäftigt. Die fiktive Geschichte, die Claire Winter mit historischen Fakten und Personen zu einem Ganzen geformt hat, ist ergreifend. Gleichzeitig macht sie aber auch wütend, wenn man Fakten über die katholische Kirche und die Aliierten erfährt, die Nazis auf den Flüchtlingsrouten zur Flucht verhalfen oder Männer der SS, wie Gehlen, der in den Sechziger Jahren sogar Präsident des Bundesnachrichtendienstes wurde. All dies hinterlässt mehr als nur einen bitteren Nachgeschmack!

Schreibstil:
Ich liebe den Schreibstil der Autorin, der bildgewaltig und mitreißend ist. Es entsteht ein hervorragendes Kopfkino. Die Autorin ließ mich bangen und hoffen und ich konnte den Roman kaum aus der Hand legen. Die menschlichen Schicksale gehen sehr zu Herzen und man fiebert mit den Protagnisten mit. Man hat das Gefühl direkt in die Seele der einzelnen Figuren zu blicken. Claire Winter versteht es großartig die Situation dieser Zeit einzufangen.

Fazit:
Ein Roman mit Suchtpotential! Wahnsinnig authentisch, hervorragend recherchiert und erschütternd. Schon länger hat mich kein Roman so gefesselt, schockiert und ernüchtert wie "Die geliehene Schuld". Bis jetzt das beste Buch der Autorin. Meine absolute Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 26.01.2018

Tolles Buch - grandioser Schreibstil!

Blut schreit nach Blut
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Mein erster historischer Fantasyroman und ich begeistert! Die Geschichte ist eine gelungene Verknüpfung aus Mittelalterroman und Fantasy. Da ich sonst eher im historischen Genre anzutreffen bin, war ich ...

Mein erster historischer Fantasyroman und ich begeistert! Die Geschichte ist eine gelungene Verknüpfung aus Mittelalterroman und Fantasy. Da ich sonst eher im historischen Genre anzutreffen bin, war ich schon sehr neugierig auf den Roman, der mir bereits vor einiger Zeit aufgefallen ist. Die Leseprobe konnte mich damals schon für die Geschichte gewinnen...
Aikaterini Maria Schlösser konnte mich nicht nur mit ihrer Erzählung rund um Luna, der einzigen Tochter des Burgherrn der Schwarzburg, überzeugen, sondern vorallem durch ihren außergewöhnlichen Schreibstil. Dieser ist wirklich etwas ganz Besonderes - voller Stimmung und Atmosphäre.

Das mittelalterliche Leben auf der Schwarzburg im Schwarwald wird sehr realistisch dargestellt. Auch für die Tochter des Burgherrn beginnt der Tag frühmorgens und ist durchsetzt von schwerer Arbeit. Söldner und Raubritter durchstreifen das Land - es wird gemordet und gebrandschatzt. So fällt auch die Schwarzburg in die Hände von Räubern und Lunas Eltern werden grausam ermordet. Einzig Luna gelingt die Flucht. Im Wald trifft sie auf zwei leuchtende Sterne, die sie bereits seit ihrer Kindheit vom Fenster aus beobachtet und die ihr das Gefühl geben, nach ihr zu rufen. Doch diese Sterne entpuppen sich als ein Augenpaar....

Nach dem Tod der Eltern und ihrer Flucht in den Wald, entdeckt Luna plötzlich merkwürdige Veränderungen an ihrem Körper, die ihr Angst einflößen. Sie fühlt sich immer unwohler in ihrem Zuhause, das seit dem Tod der Eltern ihr Onkel Hanco und seine Frau Binhildis übernommen haben. Bald offenbart ihr Hanco, dass er die Burg nicht übernehmen möchte und für Luna so schnell wie möglich einen geeigneten Heiratskandidaten finden möchte. Doch wenn dieser Lunas Geheimnis entdeckt, ist ihr der Tod sicher...

Der Fokus des Romans liegt eindeutig bei Luna und ihren Gefühlen. Nach dem Überfall vermittelt die Autorin äußerst eindringlich die innere Zerissenheit, die Trauer um ihre Eltern und die Ängste betreffend ihrer körperlichen Veränderungen. Man verfolgt großteils die Gedanken von Luna und ihre inneren Kämpfe. Der Spannungsbogen bleibt eine Weile auf gleicher Ebene, bis er im letzten Drittel deutlich ansteigt. Der Leser ist nicht mehr in Lunas Gedankenwelt gefangen, sondern die Geheimnisse werden nach und nach aufgedeckt. Ab diesem zeitpunkt kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Das Ende hat dann nochmals eine Überraschung parat, mit der man nicht wirklich rechnet.

Die Autorin hat uns verraten, dass es einen Nachfolgeband geben wird. Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wie der aussehen könnte....aber Aikaterini Maria Schlösser hat mich schon einmal überrascht ;)
Die Nebencharaktere sind sehr bildhaft beschrieben, auch wenn wir hier nicht an deren Gedankenwelt teilhaben. Ich hatte jeden Einzelnen vor Augen. Die Figuren sind nicht einfach schwarz-weiß gemalt, sondern konnten mich des Öfteren im Laufe der Geschichte mit ihren Handlungen überraschen.
Mich hat dieser historische Fantasyroman in den Bann gezogen und vollkommen überzeugt.

Erwähnen möchte ich noch zwei Dinge: Der Schriftsatz tut leider in den Augen weh...dafür entschädigen die wunderschönen Illustrationen im Buch.

Schreibstil:
Der Schreibstil von Aikaterini Maria Schlösser ist das ganz Besondere an diesem Buch! Er ist detailliert, poetisch, atmosphärisch und sie versteht es exzellent die Gefühlswelt der Protagonistin zu beschreiben. Als Leser fühlt und leidet man mit Luna. Man kann sich mit ihren Gedanken und Ängsten identifizieren. Die Autorin verfügt außerdem über eine sehr bildhafte Beschreibung. Manche Gerüche oder Taten waren so eindringlich beschrieben, dass es mich beim Lesen wirklich ekelte.

Fazit:
Plot und Schreibstil überzeugten mich zu 100% bei diesem historischen Fantasyroman....ein Genre, das ich eigentlich sonst kaum lese. Tolle Atmosphäre und überraschende Wendungen runden diese Geschichte perfekt ab. Ich kann diesen Roman eindeutig weiterempfehlen!

Veröffentlicht am 15.01.2018

Sind es diese Träume wert?

Kleine Stadt der großen Träume
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Eigentlich hatte ich nicht wirklich vor den neuen Roman von Fredrik Backman zu lesen. "Ein Mann namens Ove" hat mit gut gefallen und hatte einen bösen Humor und einen schrulligen Protagonisten. Ein Buch, ...

Eigentlich hatte ich nicht wirklich vor den neuen Roman von Fredrik Backman zu lesen. "Ein Mann namens Ove" hat mit gut gefallen und hatte einen bösen Humor und einen schrulligen Protagonisten. Ein Buch, das mich gut unterhalten hat. Bei der Verfilmung habe ich allerdings nach der Hälfte den TV abgedreht....
Dann las ich "Oma lässt grüßen und sagt es tut ihr leid", das ich fast abgebrochen habe. Der Roman hat mir überhaupt nicht gefallen. Da ich es normaler Weise dreimal mit einem Autor versuche und mich Ole ja großteils überzeugen konnte, habe ich dann auch noch "Britt-Marie war hier" gelesen, das gerade noch 3 Sterne absahnte. Da alle drei Romane einen satirischen Touch hatten, war ich überrascht diesen bei "Kleine Stadt der großen Träume" NICHT zu finden und das war für mich ein großes Plus.

Dieser wundervolle Roman enthält sehr viel Gesellschaftskritik und hat mich erst so wirklich nach den ersten 70 - 100 Seiten gepackt. Zuerst werden Personen und Charaktere vorgestellt und welche Bedeutung das Eishockey für die kleine Stadt hat. Dies zog sich etwas in die Länge, doch ist rückblickend notwendig. Doch das Durchhalten hat sich gelohnt, denn danach konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen. Das Hauptthema, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht, ist der Eishockeysport...der mich noch nie wirklich interessiert hat. Warum es mir trotzdem super gefallen hat?
Das Drama, das sich rund um die Einwohner entwickelt, beginnt nämlich nach diesen ersten hundert Seiten. Denn danach steht Eishockey zwar immer noch im Mittelpunkt, doch die Story entwickelt sich zu einem Gesellschaftsdrama....und das so spannend, dass man mit den Einwohnern der Stadt richtig mitfiebert.

Björnstadt ist eine kleine schwedische Stadt, die man eher verlässt, als zuzieht. Die Infrastruktur ist schlecht, die meisten großen Firmen sind bereits umgesiedelt. Das Einzige, was die Björnstädter gut können, ist Eishockey spielen. Die Hoffnungen und Träume einer ganzen Gemeinschaft richten sich auf den Erfolg der Junior-Hockey-Mannschaft, die im Viertelfinale steht. Würden es die Jungs ins Halbfinale schaffen und danach sogar gewinnen, würde Björnstadt die Unterstützung von Sponsoren und Politikern erhalten, die sie sich jahrelang gewünscht haben....und jahrelang übergangen wurden. Doch dann passiert etwas Unvorhergesehenes in der kleinen Stadt und es beginnt eine Hexenjagd, die mich wahrlich schockiert hat. Wie hoch darf der Preis sein, um die gewünschte Unterstützung zu erhalten und den Sieg nach Björnstadt zu holen? Steht der Club über einem einzigen Menschenleben oder dem einer Familie?

Fredrik Backman hat hier ein hochbrisantes Thema aufgegriffen. Moral und Gerechtigkeit stehen in diesem Roman im Vordergrund. Es geht ihm dabei nicht nur um die Menschen in der Stadt, die Eishockey lieben, sondern auch um diejenigen, die damit wenig anfangen können, nicht gut genug sind oder aus der falschen Gesellschaftsschicht kommen. Diese Menschen haben oft gar keine Chance und sind sehr schnell ausgeschlosssen. Es geht um soziale Ausgrenzung und moralische Prinzipien. Dieses Buch war eine emotionale Achterbahnfahrt. Manchmal fühlte ich mich inspiriert, oftmals war ich absolut empört. Es machte mich froh und traurig zugleich.

Die Charaktere sind authentisch und vielschichtig gezeichnet. Es gibt kein schwarz und weiß. Alle entwickeln sich weiter und sind nicht stereotyp. Backman erzählt aus vielen Sichtweisen und lässt den Leser die Gedanken seiner Protaginisten mitteilen. Wir lernen Peter kennen, ein ehemaliger Profispieler, der nun der Sportdirekor des Clubs ist, seine Frau Mira, eine Juristin, die nur ihm zuliebe von Kanada in seine Heimatsatdt gezogen ist, ihre 16-jährige Tochter Maya und deren Freundin Ana, sowie einige Spieler der Juniorenmannschaft: Kevin, Benji, Bobo und Amat, wie auch deren Trainer David, um nur einige aufzuzählen Durch die eher düstere Stimmung des kalten schwedischen Winters, der dunklen Wälder und der oftmaligen Hoffnungslosigkeit der Björnstädter, hat die Geschichte auch etwas Dunkles. Sie zieht aber den Leser nicht hinab - im Gegenteil. Man bekommt hier eine geballte Dosis vieler Gefühlseben: Wut, Verzweiflung, Unglauben, Trauer, Überlegenheit, Freude und Tragik.

Fredrik Backman hat mir nicht nur die Faszination des Eishockey näher gebracht (auch wenn ich kein Fan geworden bin, aber dieser Enthusiasmus für eine Sportart lässt sich auf jede X-beliebige ummünzen!), sondern mich mit diesem Gesellschaftsdrama wirklich überzeugt. Facettenreiche Charaktere, unvorhersehbare Wendungen und ein Schreibstil der seinesgleichen sucht, haben mir hier wunderbare und aufwühlende Lesestunden bereitet.

Fazit:
Fredrik Backman kann auch anders! Sein neuer Roman ist ein sozialkritisches Gesellschaftsdrama, das einer emotionalen Achterbahn gleichkommt. Es ist nicht unbedingt leichte Kost, aber spannend und mit viel Sensibilität erzählt. Ich bin absolut positiv überrascht und vergebe hier eine eindeutige Leseempfehlung!