Fulminant
"Über den Erinnerungen an die Vergangenheit liegt ein schrecklicher Schatten."
Es gibt Bücher, bei denen man während des Lesens fast ängstlich auf die Seitenzahlen schaut, weil man nicht möchte, daß sie ...
"Über den Erinnerungen an die Vergangenheit liegt ein schrecklicher Schatten."
Es gibt Bücher, bei denen man während des Lesens fast ängstlich auf die Seitenzahlen schaut, weil man nicht möchte, daß sie irgendwann enden. Solch ein Buch ist "Als das Leben vor uns lag". Was für eine unglaubliche Mischung aus Charakteren, Schicksalen, Geschichte!
Von Anfang an ist man ganz in der Geschichte drin. Wir befinden uns in einer spanischen Klosterschule des Jahres 1950. Fünf vierzehnjährige Schulkameradinnen, Freundinnen, spielen ein Pfänderspiel, das zu einer gravierenden Wendung in ihrer Leben führen wird. Die fünf Mädchen sind beeindruckend charakterisiert und die Autorin versteht es meisterhaft, nach und nach Informationen ins Geschehen einzuflechten, durch die wir die fünf besser kennenlernen. Genau dies behält sie auch während des Buches bei, so entblättern sich auf über 300 Seiten allmählich immer neue Aspekte, runden das Bild ständig neu ab. Unvorhergesehene Wendungen gibt es reichlich, alle gekonnt eingebracht. In den ersten Informationen über die Mädchen deutet sich auch schon der geschichtliche Einfluß an - wir befinden uns in Francos Spanien. Ich muß gestehen, daß ich über diese Zeit recht wenig weiß und so gab es viele geschichtliche Informationen, die mich überrascht und entsetzt haben. Ich wußte nicht, wie brutal die Diktatur auch noch nach dem Krieg war, wie groß die Macht des Klerus (sogar ein Frauengefängnis wird von Nonnen geführt). Die Andeutungen und ersten Blicke in das Leben der fünf Mädchen machen also sofort neugierig, der Abschnitt über 1950 endet zudem mit unerklärten Geschehnissen.
Die Geschichte springt vorwärts ins Jahr 1981 und nun ist jeder der fünf, die mittlerweile 45jährige Frauen sind, ein Kapitel gewidmet, welches einerseits die (Rahmen)Handlung weiter fortführt, andererseits aber auch ausführlichere Rückblicke auf das Leben jeder Frau in den Jahren seit 1950 bietet. Die fünf sind sehr verschieden, ihre Erfahrungen entfalten sich zu einem schillernden Panorama Spaniens. Manche sind ausgesprochen interessant, wie Olga, deren Leben absolut leer ist und die nur aus Schein und Selbstbetrug besteht. Obwohl bei ihr am wenigsten passiert, fand ich ihre Geschichte am spannendsten, was an ihrem von der Autorin so wunderbar gezeichneten Charakter liegt. Olga ist kein Sympathieträger, aber sie gehört zu den Unsympathen, über die man gerne liest. Ihre Schwester Marta ist der ruhige See, unter dessen Oberfläche sich viel abspielt. Während Olga uns zeigt, wie das Leben der höheren Tochter verläuft, erfahren wir durch Marta einen interessanten Überblick über die Situation einer berufstätigen Frau jener Jahre. Lola/Lolita dagegen bleibt über das ganze Buch hinweg etwas blaß und ihre Geschichte hat mich nicht so sehr überzeugt. Nina ist hauptsächlich schrille, laute, ordinäre Hülle und die Einzige, bei der sich bis zum Ende hin keine Substanz zeigte. Die fünfte im Bunde ist Julia, damals aufgrund ihrer einfachen Herkunft Außenseiterin und auch jetzt - wenn auch aus anderen Gründen - etwas außen vor. Ihr Schicksal ist am stärksten mit der Geschichte der Franco-Diktatur verwebt und mir stockte beim Lesen oft der Atem.
Es ist kein Buch der dramatischen Geschehnisse - die Handlung selbst findet an zwei Abenden in den Jahren 1950 und 1981 statt und abgesehen von Julias Geschichte sind auch die Lebensrückblicke nicht per se ungewöhnlich. Es sind Dinge, die Frauen dieser Generation - und auch anderer Generationen - häufig erlebten. Ungeplante Schwangerschaft, Vernunftehe, Entfremdung, Bestehen in der Arbeitswelt, Bilanzziehung in der Mitte des Lebens. Und doch kommt bei jeder dieser Frauen noch eine ungewöhnliche, unerwartete Note hinzu, spielt die Geschichte des Landes immer wieder mit hinein. Care Santos berichtet all dies unaufgeregt, manchmal mit einer Prise Humor, die Rückblicke größtenteils ohne Dialoge. Der Stil liest sich angenehm, kurzweilig (abgesehen von einer für meinen Geschmack zu langatmigen Szene im psychiatrischen Krankenhaus). Es gibt ein paar Dialoge, die ich nicht wirklich gelungen fand, ein paar Wiederholungen, aber letztlich habe ich das Buch gebannt gelesen, war gespannt darauf, was als nächstes ans Licht kommen würde, war fasziniert davon, was ich über Francos Spanien lernte. Zu gerne hätte ich diese fünf Frauen noch weiter begleitet, denn auch das Ende bleibt dem Stil des Buches treu und macht neugierig auf weitere angedeute Entwicklungen.
Gerade die Welt von Olga, Marta und Julia hat mir ausnehmend gut gefallen, mich in ihren Bann gezogen. Selten habe ich so viel inneren Anteil an Buchcharakteren genommen und ich kann die so lebensechte, fein gestaltete Charakterbescheibung der Autorin nur noch einmal hervorheben. Ein wahres Leseerlebnis!