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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.02.2019

Betonhimmelwasserwind

Die Mauer
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Joseph muss wie alle erwachsenen Briten zwei Jahre auf der Mauer dienen, die Großbritannien vor der Außenwelt, den Anderen schützt. Viel gibt es hier nicht. Beton, aus dem die Mauer gefertigt ist. Himmel, ...

Joseph muss wie alle erwachsenen Briten zwei Jahre auf der Mauer dienen, die Großbritannien vor der Außenwelt, den Anderen schützt. Viel gibt es hier nicht. Beton, aus dem die Mauer gefertigt ist. Himmel, der am Horizont irgendwann in Wasser übergeht. Und der unbarmherzige Wind, der jede 12stündige Schicht zur Hölle macht. Doch es gibt auch Lichtblicke: den Tee, den die Köchin Mary vorbeibringt. Die Kameradschaft zwischen den einzelnen Verteidigern. Und die Zeit, die langsam aber sicher verstreicht, bis endlich, endlich die Zeit nach der Mauer gekommen ist.

John Lanchesters Dystopie spielt in der nahen Zukunft; der Klimawandel ist endgültig da, der Meeresspiegel gestiegen, viele Landstriche deswegen oder auch wegen ungewöhnlicher Dürre nicht mehr bewohnbar. Diese Informationen fließen nur am Rande ein, der Autor muss nichts erklären, die Fakten sind jedem Erwachsenen heutzutage bewusst. Und das macht seinen Roman auch so erschreckend, denn ganz unrealistisch erscheint sein Szenario nicht. Das arbeitet am Leser, der eigentliche Fortgang der Handlung nicht so sehr, denn wirklich viel passiert nicht. Man kann sich mit Joseph gut identifizieren, er wirkt etwas haltlos im Leben und so schrecklich der Dienst auf der Mauer ist, so gibt er ihm auch eine Stütze. Die anderen Figuren bleiben blass, nur wenige können überraschen, mit keinem der Nebenfiguren wurde ich richtig warm. Sprachlich bleibt immer eine Distanz zwischen Leser und Geschehen, das zwar als „Roman der Stunde“ betitelt wird, aber doch hinter meinen Erwartungen zurückbleibt. Den nahen Brexit und die Flüchtlingsströme vor Augen, kann man natürlich einen Bezug zur Gegenwart erkennen, trotzdem bleibt Lanchesters Roman nicht aktueller oder bedrückender als andere Dystopien. Die mir dann unterm Strich doch besser gefallen haben.

Veröffentlicht am 22.01.2019

Nicht ganz so gut wie Band 1

Der Hunger der Lebenden (Friederike Matthée ermittelt 2)
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Im Jahrhundertsommer `47 muss Friederike Matthée den Fall der ermordeten Ilse Röder lösen. Die ist auf ihrem Hof tot aufgefunden worden; pikanterweise hat sie früher bei der Polizei gearbeitet. Zwischen ...

Im Jahrhundertsommer `47 muss Friederike Matthée den Fall der ermordeten Ilse Röder lösen. Die ist auf ihrem Hof tot aufgefunden worden; pikanterweise hat sie früher bei der Polizei gearbeitet. Zwischen sengender Hitze und Staub macht sich Matthée auf Spurensuche.

„Der Hunger der Lebenden“ ist der zweite Band mit Friederike Matthée und spielt ca. ein halbes Jahr nach Band eins. Die Lage in Köln hat sich nur unwesentlich verbessert, Mangel an allem außer Trümmern ist nach wie vor Gang und Gäbe. Die Autorin gibt diese Situation ganz gut wieder, man kann sich nicht nur die Entbehrungen, sondern auch die unbarmherzige Hitze sehr gut vorstellen. Auch anhand des Anhangs kann man sehen, dass in diesem Krimi auch viel Recherchearbeit steckt. Friederikes Fall entwickelt sich recht spannend, so richtig fesseln konnte er mich aber nicht. Kleine Unstimmigkeiten haben mich sehr viel mehr gestört als sie das in Band 1 getan haben. Auch fehlte mir gerade zu Beginn das Wechsel spiel zwischen Friederike und Richard, sodass ich lange das Gefühl hatte, dass die Geschichte noch nicht richtig in Fahrt gekommen ist. Der Krimi ist sehr angenehm geschrieben, kurze Kapitel und Perspektivwechsel sorgen für ein flüssiges Lesen. Auch wenn mir „Der Hunger der Lebenden“ nicht 100%ig gefallen hat, bin ich doch auf weitere Fälle gespannt.

Veröffentlicht am 16.01.2019

Starker Einstieg, schwaches Ende

Stadt in Angst
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Ende des 19ten Jahrhunderts geht in London der Ripper um; bis die Taten plötzlich stoppen. Doch bereits nach einer kurzen Verschnaufpause geht das Morden weiter, allerdings in New York. Der „echte“ Ripper, ...

Ende des 19ten Jahrhunderts geht in London der Ripper um; bis die Taten plötzlich stoppen. Doch bereits nach einer kurzen Verschnaufpause geht das Morden weiter, allerdings in New York. Der „echte“ Ripper, oder doch nur ein Trittbrettfahrer? Argenti vom NYPD und Pathologe Jameson aus London müssen ihren ganzen Grips anstrengen um dem Mörder auf die Spur zu kommen.

Geschichten über Jack the Ripper gibt es viele, und so einige davon habe ich schon gelesen. Dementsprechend hoch auch die Erwartungshaltung an „Stadt in Angst“. Das Buch hat einen wirklich starken Start hingelegt: Atmosphäre stimmt, die Figuren sind glaubwürdig und spannend, der Fall entwickelt sich überraschend. Argenti und Jameson sind ein gutes Team, auch wenn sie sich erst mal ein bisschen zusammenraufen müssen. New York als neues Jagdgebiet des Serienkillers wirkt authentisch und echt. Doch irgendwann in der Mitte kippte bei mir die Stimmung, denn der Autor traute sich wohl nicht mehr zu, seine Story mit eigenen Ideen zu Ende zu bringen. Und so driftet ein wirklich toller historischer Krimi immer mehr zum Klischeefeuerwerk ab. Leider. Denn vorher war ich wirklich begeistert. Mit „Duell der Mörder“ ist bereits ein zweiter Teil mit Jameson und Argenti erschienen, ich bin mir noch unschlüssig, ob ich ihnen noch eine Chance einräumen will. Der Erzählstil hat mir sehr gut gefallen, wenn der Autor sich im zweiten Teil traut auf eigene Ideen zu bauen, könnte das Buch ein Volltreffer werden.

Veröffentlicht am 16.12.2018

Männer weinen heimlich

Wie hoch die Wasser steigen
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Auf einer Ölplattform mitten in stürmischer See verliert Waclaw unerwartet seinen besten Freund, seinen Mitbewohner, seine Liebe. So wie Mátyás sein Leben verliert, so verliert Waclaw seine Perspektive. ...

Auf einer Ölplattform mitten in stürmischer See verliert Waclaw unerwartet seinen besten Freund, seinen Mitbewohner, seine Liebe. So wie Mátyás sein Leben verliert, so verliert Waclaw seine Perspektive. Er macht sich auf die Suche nach Mátyás Wurzeln, seinen eigenen, seiner Herkunft. Und scheitert fast an dem Versuch sich wiederzufinden.

Anja Kampmanns Roman lebt oft vom Ungesagten, von subtilen Hinweisen versteckt zwischen den Zeilen. Das macht einerseits den Reiz des Buches aus, es andererseits dadurch aber auch anstrengend. Die Handlung wird chronologisch erzählt, dabei aber eher in einzelnen Szenen, die nur grob miteinander das große Ganze bilden. Emotionen, auch allgemein ein Blick in das Innere der Hauptfigur werden nur spärlich gewährt, es fällt schwer sich mit Waclaw zu identifizieren. Ich fand es schade, dass die Welt, die ihn prägt (die Bohrinsel nämlich) nur so wenig Raum in der Handlung einnimmt, stattdessen irrt Waclaw quasi atemlos durch die Welt. So reduziert die Gefühlswelt im Roman, so überladen Waclaws Reiseroute, hier hätte ich mir gerne etwas weniger Stationen gewünscht. Mir hat der Roman durchaus irgendwo gefallen, aber wirklich abgeholt hat er mich nicht.

Veröffentlicht am 18.11.2018

Kommt ein Vogel geflogen

Das Vogelhaus
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Vor einem kleinen Häuschen im englischen Sussex steht ein Schild „Bitte kein Besuch.“ Warum? Hier lebt und forscht Len Howard über die Vögel in ihrem Garten, die nach kurzer Zeit so zutraulich sind, dass ...

Vor einem kleinen Häuschen im englischen Sussex steht ein Schild „Bitte kein Besuch.“ Warum? Hier lebt und forscht Len Howard über die Vögel in ihrem Garten, die nach kurzer Zeit so zutraulich sind, dass sie es sich auch im Haus gemütlich gemacht haben. Die Beziehungen untereinander, ihr Gesang, der Charakter jedes einzelnen Tieres wird liebevoll und gleichzeitig akribisch erforscht und für die Nachwelt festgehalten.
Die niederländische Autorin Eva Meijer hat das Leben der Vogelkundlerin zur Vorlage für ihren Roman gewählt. Howards Bücher über ihre Vögel waren zu Lebzeiten sehr bekannt und geschätzt, sind heute aber eher in Vergessenheit geraten. Umso schöner, dass man auf diese Weise wieder ihrer erinnert. Schon allein der Werdegang von einer professionellen Geigerin hin zu jemandem, der abgeschieden ganz dem Hobby frönt, das er schon von Kindesbeinen an pflegt, war sehr faszinierend zu lesen. Howard war nicht etwa studierte Biologin, sondern hat sich einfach schon immer gerne mit den gefiederten Bewohnern ihres Gartens befasst. Auch die Widrigkeiten, die ihr als „Laie“ begegneten lässt die Autorin nicht aus, und so bekommt man einen sehr guten Einblick in Howards Leben und Wirken. Leider hat mir der Erzählstil nicht so richtig zugesagt, der ist sehr ruhig (wahrscheinlich um die Vögel nicht zu erschrecken), aber auch ohne echte Emotion. So war ich zwar von den Abschnitten über das Vogelverhalten gefesselt, der fiktive Teil über die Forscherin war aber eher schleppend zu lesen. Trotzdem bin ich froh auf „Das Vogelhaus“ gestoßen zu sein, denn so habe ich einiges über meine gefiederten Balkonbesucher gelernt.