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Veröffentlicht am 26.02.2019

Etwas unscharf

Worauf wir hoffen
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Welche elterlichen Erwartungen und Wünsche kann oder muss ein Kind erfüllen? Und was erhoffen sich die Kinder selbst? Das sind nur zwei von vielen Fragen, die Fatima Farheen Mirza in ihrem Debutroman ...


Welche elterlichen Erwartungen und Wünsche kann oder muss ein Kind erfüllen? Und was erhoffen sich die Kinder selbst? Das sind nur zwei von vielen Fragen, die Fatima Farheen Mirza in ihrem Debutroman aufwirft.
Zum Inhalt: Laila folgt dem Wunsch ihrer Eltern und verlässt ihre indische Heimat, um mit Rafik, dem Ehemann, den ihre Eltern für sie bestimmt haben, in Amerika zu leben. Beide gehen in ihrem muslimischen Glauben auf und erziehen die drei Kinder in traditioneller, gottesfürchtiger Weise, wie sie es gelernt haben. Während die Töchter Hadia und Huda sich den Regeln der Gemeinschaft fügen, hat der jüngste Spross der Familie, Amar, Probleme: er zweifelt an seiner Gläubigkeit und der Religion, die das Leben seiner Familie bestimmt, stellt Verbote in Frage und bricht mit Konventionen. Das Unverständnis und die Strenge seiner Eltern entfernen ihn innerlich immer weiter von ihnen; er versucht, wenigstens zeitweise der Realität durch den Rausch von Alkohol und Drogen zu enfliehen…
Es sind vielerlei recht schwierige Themen, die Fatima Farheen Mirza in ihrem Debutroman aufgreift. Da ist einmal der Generationenkonflikt, der in fast jeder Familie entsteht, in einer konservativ muslimischen jedoch unterdrückt wird. Die problematischen Beziehungen der Familienmitglieder untereinander werden thematisiert. Wie schwierig es für die drei (in Amerika geborenen) Kinder ist, sich in die westliche Gesellschaft zu integrieren und ihren Klassenkameraden/innen anzupassen, wird nur kurz angedeutet; eine große Kluft besteht zwischen Elternhaus und Umwelt. Inwieweit lassen sich die Traditionen und Regeln der ursprünglichen Herkunft mit den Erfordernissen eines erfolgreichen Lebens in Amerika vereinbaren? Im Mittelpunkt jedoch scheint der Glaubenskonflikt zu stehen.
All diese Probleme will die Autorin aus unterschiedlichen Sichtweisen beleuchten. Aus diversen Szenen setzt sie ihre Geschichte zusammen, Gegenwart, vergangene Episoden und Erinnerungen einzelner Familienmitglieder ergänzen sich für den Leser zu einem deutlicher werdenden Bild. Hadia, Amar und ihre Mutter Laila kommen zu Wort. Was mir fehlte, ist ein Statement des „Sandwichkindes“ Huda; ihr Charakter erscheint nur am Rande in den Äußerungen der übrigen und bleibt recht schemenhaft. Nach etwa zwei Dritteln des Romans
gibt es eine deutliche Zäsur: nun endlich erwartet uns die Schilderung der Gedanken des Familienoberhauptes - und überraschende Erkenntnisse. Es wird deutlich: jedes Familienmitglied hat seine eigenen Hoffnungen und Vorstellungen vom Leben. Aber wie sind sie untereinander vereinbar?
Die 27jährige Mirza, die eigenen Aussagen zufolge acht Jahre an ihrem ersten Buch schrieb, hat sich meiner Meinung nach zuvielen komplizierten Problemen zugleich gewidmet, jedoch nicht alle gleichermaßen konsequent und überzeugend dargestellt. Vieles blieb mir leider zu vage und unbestimmt.

Veröffentlicht am 29.10.2018

Wie der Vater so die Kinder?

Mein Name ist Trump – Hinter den Kulissen von Amerikas First Family
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Vielleicht hätte Emily Jane Fox die Erläuterungen zu der Entstehung ihres Buches besser als Vorwort drucken lassen, anstatt sie im nachhinein folgen zu lassen. So würde deutlicher, dass sie diese Aufgabe ...

Vielleicht hätte Emily Jane Fox die Erläuterungen zu der Entstehung ihres Buches besser als Vorwort drucken lassen, anstatt sie im nachhinein folgen zu lassen. So würde deutlicher, dass sie diese Aufgabe eher mit gemischten Gefühlen anging.
Auch meine Gefühle als Leserin waren gemischt: Ein weiteres Buch über Amerikas umstrittenen Präsidenten? Der Untertitel „Hinter den Kulissen“ ist es, der neugierig macht. Und so schildert die Autorin auf gut fundierte Recherchen gestützt Trumps Privatleben aus der Perspektive seiner Kinder. Der Leser erfährt dabei einiges - ob neu oder bereits in den Medien ausgewalzt - über das öffentliche und private Dasein der „Mini-Voltrons“. Wie sah eigentlich ihre Kindheit aus? Wie haben sie ihre Eltern erlebt und wie gingen sie als Kinder mit dem Medienrummel um, der um Trump´sche Erfolge wie auch Skandale gemacht wurde?
Fox bemüht sich um sachliche Schilderung, dennoch sind (leise) Untertöne von Kritik oder Skepsis zu spüren. Ihr unterhaltsamer Stil, leicht und schnell zu lesen, ebenso wie die Beschreibungen zahlreicher (mir nicht so wichtig erscheinender) Details weisen auf ihren Beruf als Journalistin hin. So fühle ich mich etwa bei Berichten über Hochzeiten der Trump-Nachkommen in die Yellow Press versetzt. Immerhin glaubt der Leser nach dieser Lektüre, Donald Trump und seine Kinder etwas besser zu kennen - wenn auch nicht zu verstehen oder gar zu mögen.
Mit einer Feststellung hat die Autorin absolut recht: ohne so viel neugieriges Publikum und dessen Aufmerksamkeit fiele nur halb soviel Glanz auf diese Familie.

Veröffentlicht am 29.10.2018

"Wir sind nie allein"

Hallo, Jenseits
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Personen wahrnehmen, die nicht (mehr) im realen Leben existieren und die andere Menschen nicht sehen können - ein Albtraum. Kann man trotzdem ein normales Leben führen?
Dolly Röschli schreibt in Hallo, ...

Personen wahrnehmen, die nicht (mehr) im realen Leben existieren und die andere Menschen nicht sehen können - ein Albtraum. Kann man trotzdem ein normales Leben führen?
Dolly Röschli schreibt in Hallo, Jenseits über die Erfahrungen mit ihren speziellen Fähigkeiten, die sie als Kind und während des Prozesses des Erwachsenwerdens gemacht hat.
In ihrem „autobiografischen Sachbuch“ beschreibt sie ihren bisherigen Lebenslauf, die Entwicklung und Schulung ihrer besonderen Begabung im Londoner Arthur Findley College. In gut verständlicher Weise und mit einfachen Worten behandelt sie das Thema Sterben und Tod, das sicher jeden von uns beschäftigt, und gibt Auskunft über Begriffe wie Lebensplan und Inkarnation. Zudem erhält der Leser Einblicke in ihre Arbeit als Medium für Rat- und Trostsuchende. Mit einem Kapitel über praktische Grundübungen zu Meditation im Alltag beschließt die Autorin ihr Buch.
Was ist dran an Medialität? Eine befriedigende Antwort auf diese Frage kann Röschli in ihrem Buch nicht geben, nichts von alledem, was sie berichtet, ist wissenschaftlich nachweisbar. Sie beruft sich auf Sensitivität und das „Bauchgefühl“, das den meisten Erwachsenen abhanden gekommen ist. Ob beim Leser Skepsis überwiegt oder ob er sich überzeugen lässt: Röschli bemüht sich, ihm mit ihren Schilderungen die Angst vor dem Tod zu nehmen.

Veröffentlicht am 12.08.2018

Früher war nicht alles besser

Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker
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Renate Bergmann ist 82 Jahre alt, vierfache Witwe und leidet unter „Ossiporose“. Dennoch ist die rüstige Seniorin äußerst lebenslustig und interessiert an technischen Errungenschaften. Immerhin ist sie ...

Renate Bergmann ist 82 Jahre alt, vierfache Witwe und leidet unter „Ossiporose“. Dennoch ist die rüstige Seniorin äußerst lebenslustig und interessiert an technischen Errungenschaften. Immerhin ist sie auf „Fäßbuck“ aktiv, twittert lebhaft und kennt sich bestens mit dem „Händi“ aus. Bei Problemen ist Neffe Stefan behilflich. Einem aufmunternden Korn ist die alte Dame auch nie abgeneigt, und was sie so mit ihren Freunden oder dem Seniorenverein erlebt …
So plaudert sich Renate Bergmann alias Torsten Rohde durch viele Themen, die den Alltag von Senioren bestimmen. Sie erzählt aus ihrer Vergangenheit, Krieg und Wiederaufbau („Wir hatten keine Zeit für Börnout“), freut sich über die Neuigkeiten in der Yellow Press, erwägt das Für und Wider des Mauerfalls, hatte aber „mit Politik … noch nie was am Hut“. Sehr ehrlich beschreibt sie ihre Mitmenschen, ihr Verhältnis zu ihnen und übt auch mal Kritik. Frei von der Leber weg, oft mit unfreiwilliger Komik, kommentiert die alte Dame Menschen, Ereignisse und Probleme und kommt dabei vom „Hölzchen aufs Stöckchen“.
Ein Büchlein aus der Feder einer Oma, die fest mit beiden Beinen im Leben steht; eine vergnügliche, unkomplizierte Lektüre für zwischendurch.

Veröffentlicht am 20.02.2018

Das Ende?

Die Geschichte des verlorenen Kindes
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Von vielen sehnlichst erwartet, liegt nun der vierte und letzte Teil der „Neapel-Saga“ vor.
Aus den beiden kleinen Mädchen Lenù und Lila, die in dem neapolitanischen Arbeiterviertel Rione aufwuchsen, ...


Von vielen sehnlichst erwartet, liegt nun der vierte und letzte Teil der „Neapel-Saga“ vor.
Aus den beiden kleinen Mädchen Lenù und Lila, die in dem neapolitanischen Arbeiterviertel Rione aufwuchsen, sind nun selbstbewusste Frauen und Mütter geworden, die sich im Berufsleben durchsetzen und als recht erfolgreich erweisen. Elena Ferrante erzählt aus der Sicht ihres Alter Ego Lenù von wichtigen Ereignissen und dramatischen Situationen aus weiteren dreißig Lebensjahren der Freundinnen, deren Verhältnis zueinander sehr schwierig und widersprüchlich ist.
Damit bringt Elena zu einem Abschluss, was sie im ersten Teil ihrer Tetralogie bereits angekündigt hat: sie will die Geschichte ihrer komplizierten Freundschaft mit Raffaela, genannt Lila, für die Nachwelt festhalten. Lila, die angekündigt hatte, sie wolle „sich in Luft auflösen … nichts von ihr sollte mehr zu finden sein“, ist im Alter von 60 Jahren tatsächlich spurlos verschwunden - genauso, wie viele Jahre zuvor ihre kleine Tochter Tina. Was ist mit Tina passiert? Wird jetzt vielleicht das Geheimnis um Lilas Verschwinden gelüftet?
In ihrem bildhaften, leicht lesbaren Stil thematisiert Ferrante den Prozess des Sich-Lösens ihrer Protagonistinnen von einem traditionellen, aber überkommenen Frauenbild. Sehr realistisch und intensiv schildert sie ihre Emanzipationsbestrebungen und die damit verbundenen Probleme.
Während jedoch in den ersten Teilen der „Neapel-Saga“ die historischen Gegebenheiten und politischen Bedingungen einen hohen Anteil in Ferrantes Roman ausmachen, wird der geschichtliche Hintergrund in diesem letzten Band leider etwas vernachlässigt. Hier nimmt Lenùs persönliches Schicksal, verbunden mit dem ihrer Freundin Lila, den größten Raum ein. Auch die südlich-turbulente Atmosphäre Neapels wirkte meines Erachtens in den ersten Büchern der Serie viel lebendiger und unmittelbarer. Dennoch: mit der „Geschichte des verlorenen Kindes“ ist Ferrante wiederum ein sehr unterhaltsames und interessantes Buch gelungen.