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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.10.2019

sorgfältig gemacht

Der Ursprung der Welt
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Der für sein anspruchsvolles Spiel bekannte Schauspieler Ulrich Tukur hat schon Erzählungen und einen Novelle geschrieben. Und jetzt mit großer Ambition sein erster Roman.
Ein Mann namens Paul Goullet ...

Der für sein anspruchsvolles Spiel bekannte Schauspieler Ulrich Tukur hat schon Erzählungen und einen Novelle geschrieben. Und jetzt mit großer Ambition sein erster Roman.
Ein Mann namens Paul Goullet findet ein Photoalbum mit alten Fotos. Obwohl die Fotos 90 Jahre alt sind, erkennt er sich selbst darauf. Rätselhaft! Eine Spurensuche beginnt.
Der Romantitel spielt auf das berühmte Gemälde von Gustave Courbet an. Um das zu sehen begibt sich Goullet nach Frankreich.

Ungewöhnlicherweise ist der Zeitpunkt der Ausgangssituation 2033 angelegt, also in der nahen Zukunft und Europa ist zerbrochen. In der Türkei herrschte Bürgerkrieg, viele flüchten. In Frankreich hat die nationalistische Koalition die Macht,´. In Deutschland sind Unruhen und Gewalt an der Tagesordnung. Also ein überaus pessimistische Prognose für unsere Zukunft.

Ulrich Tukur hat Niveau und er schreibt sehr fein, fast vornehm. Diese Haltung verleiht er auch seiner Figur und setzt sie der Düsternis seines Plots entgegen. Ich schätze außerdem Tukurs Sorgfältigkeit beim Formulieren und das Bewahren der Rätsel.

Veröffentlicht am 22.09.2019

128 Strophen Miroloi

Miroloi
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Mit Miroloi hat die Hamburger Schriftstellerin Karen Köhler einen außergewöhnlichen, parabelhaften Debütroman geschrieben. Es gab vor ihr vorher schon ein erfolgreicher Band mit Erzählungen.

Die Handlung ...

Mit Miroloi hat die Hamburger Schriftstellerin Karen Köhler einen außergewöhnlichen, parabelhaften Debütroman geschrieben. Es gab vor ihr vorher schon ein erfolgreicher Band mit Erzählungen.

Die Handlung von Miroloi wird von einer jungen Frau in einer rückwärtsgewandten, sektenartigen Gemeinschaft, die ihre eigenen Regeln haben und auf einer Insel fern den Rest der Menschheit leben. Da jedoch eine von dieser Gemeinschaft ausgeschlossen erzählt und reflektiert wird, werden die Mängel offensichtlich. Die Gemeinschaft ist ein Patriarchat. Keine Freiheit. Ablehnung von Technologie. Beschränkung von Rechten, Willkürliche Bestrafungen. Und es wird mit der Zeit immer schlimmer!

Die Icherzählerin ist ein Findelkind auf der Insel, daher wird ihr nicht einmal ein Name zugestanden. Grund auch, dass sie die Gesellschaft in Frage stellt und aufbegehrt.
Sie ist eine gelungen Hauptfigur, die den Roman tragen kann. Sie führt den Plot auch zu einem packenden Finale!

Stilistisch liest es sich gut, wie eine Litanei in 128 Strophen. Der Titel Miroloi heißt Totenklage.
Dass die Autorin diesen Stil konsequent durchhält, schätze ich an dem Roman.
Kritisch könnte man sagen, dass der Roman zu sehr ausformuliert und letztlich zu lang ist.
Die Zeitungskritik war sich uneinig über das Buch. Die Botschaft des Romans ist so simpel wie richtig. Ich finde, wenn man es thematisch nicht zu hoch hängt, ist es ein gutes Buch.

Veröffentlicht am 20.09.2019

Lesegewohnheiten aufbrechen

Mutter brennt
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Schon das expressionistische Cover verrät, dass Mutter brennt kein allzu gemütliches Buch sein wird.
Die österreichische Schriftstellerin Sophie Reyer entwirft hier eine ungewöhnliche Familiengeschichte, ...

Schon das expressionistische Cover verrät, dass Mutter brennt kein allzu gemütliches Buch sein wird.
Die österreichische Schriftstellerin Sophie Reyer entwirft hier eine ungewöhnliche Familiengeschichte, bei der lange unklar ist, was real, was eingebildet ist.
Louise ist eine Frau mit 2 Kindern, Ina und Clemens. Aber gibt es diese wirklich? Ihr Exmann bestreitet, das sie Kinder haben.
So ist man als Leser schon früh irritiert und aus gerade diese Unsicherheit ergibt sich eine Spannung. Die Geschichte bezieht auch Sophie Mutter Eva mit ein, die vor ein paar Jahren gestorben ist und dich noch so allgegenwärtig scheint. Vor ihrem Tod war sie schon nicht mehr zurechnungsfähig.
Auch Sophies magersüchtige Tochter Ina gerät irgendwann in einen katatonischen Zustand.

Manche Passagen vermögen zu faszinieren, andere sind aber fast abstoßend geschildert. Ein wohlfühlen beim Lesen sollte man nicht erwarten, aber dieses Unbehagen ist gewollt, um Lesegewohnheiten aufzubrechen.
Es ist ein Roman auf den man sich einlassen muss.

Das Buch ist für den österreichischen Buchpreis nominiert. Man darf gespannt sein, wie es von der Jury aufgenommen wird.

Veröffentlicht am 18.09.2019

Der Himmel in Kobaltgrün

Was machen Tagträumer nachts?
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Dieses Buch ist ein Versuch, der Neugier auf die Spur zu kommen. Die Autorin Susanne Niemeyer unterscheidet dabei zwischen Neugier und Voyeurismus. Das halte ich für wichtig, denn das eine zeugt von Anteilnahme, ...

Dieses Buch ist ein Versuch, der Neugier auf die Spur zu kommen. Die Autorin Susanne Niemeyer unterscheidet dabei zwischen Neugier und Voyeurismus. Das halte ich für wichtig, denn das eine zeugt von Anteilnahme, das andere ist purer Eigennutz und schädlich.

Die gesunde Neugier kann auch verloren gehen, zum Beispiel im Alltag.
Susanne Niemeyer ist daher dem Lebensgefühl auf der Spur, in der Neugier positiv besetzt ist und viele kurze Abschnitte sind mit richtungsweisenden Schlagwörtern besetzt. Ihr eigenes Leben nutzt sie als Pfad für die Suche und gelangt dann auch in die Lebensabschnitte der Vergangenheit, der Kindheit und der Familie.

Wieder ein sehr schönes Buch vom Herder-Verlag!

Veröffentlicht am 17.09.2019

Unterhaltung mit Anspruch

Und doch fallen wir glücklich
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Der italienische Lehrer Enrico Galiano erzählt in seinem Debütroman von einem sensiblen Teenager mit Problemen. Die sechszehnjährige Giola lebt mit ihrer kranken Großmutter und versoffenen Mutter alleine ...

Der italienische Lehrer Enrico Galiano erzählt in seinem Debütroman von einem sensiblen Teenager mit Problemen. Die sechszehnjährige Giola lebt mit ihrer kranken Großmutter und versoffenen Mutter alleine und ziemlich ärmlich. Der gewalttätige Vater ist nur manchmal da. In der Schule wird sie gemobbt, unter anderem auch, weil sie sich nicht anpasst. Folglich ist sie sehr alleine. Sie hat sogar eine imaginäre Freundin erfunden, mit der sie sich unterhält. Dieser Aspekt wird später in der Handlung noch die Frage aufwerfen, was ist Realität, was stellt sie sich vielleicht nur vor.
Als sie den 18jährigen Lo kennen lernt und sich verliebt, scheint es eine Wende in ihrem Leben zu geben. Doch Lo ist auch rätselvoll und verrät nicht viel von sich selbst.
Als er eines Tages verschwindet, will Giola das nicht ohne weiteres hinnehmen und forscht in der Vergangenheit.
Der Roman geht den Weg zwischen Anspruch und Unterhaltung, was natürlich okay ist. In der ersten Hälfte ist der Roman meiner Meinung nach brillant, da er den Zustand eines isolierten Mädchens so eindringlich und originell darstellt. es wird auch klar, wie sensibel, fantasievoll und künstlerisch begabt Giola ist, zum Teil wird das durch die Gespräche mit Philosophie-Prof. Bove deutlich, die sich auf einem hohen Niveau bewegen. Was ist wichtig im Leben, was nicht.
In der zweiten Hälfte ist das Buch zwar tempovoller, aber nicht mehr ganz so zwingend.
Die Handlung um Lo wirkt doch zu konstruiert.
Es bleibt aber eine interessante Geschichte um die Weiterentwicklung der Protagonistin und es hat Spaß gemacht, das Buch zu lesen.