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Veröffentlicht am 21.04.2020

Tintenherz für Erwachsene

Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep
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Schon sein ganzes Leben versucht der 26-jährige Literaturprofessur Charley Sutherland seine besondere Gabe vor der Welt zu verbergen: Er kann Charaktere aus Büchern herauslesen und - wenn alles gutgeht ...

Schon sein ganzes Leben versucht der 26-jährige Literaturprofessur Charley Sutherland seine besondere Gabe vor der Welt zu verbergen: Er kann Charaktere aus Büchern herauslesen und - wenn alles gutgeht - sie auch wieder zurückschicken. Dies will ihm ausgerechnet bei Uriah Heep nicht gelingen, dem ultimativen Bösewicht aus Charles Dickens' "David Copperfield". Also ruft er mitten in der Nacht seinen älteren Bruder Rob zur Hilfe - ein Entschluss, der eine ganze Reihe an Ereignissen in Gang setzt. Denn was Uriah Heep den beiden unheilvoll angekündigt, bedeutet nichts anderes als das Ende der Welt, wie wir sie kennen.

Die Handlung wird hauptsächlich aus der Sicht von Rob erzählt, wenn auch einige Szenen Charleys und Millies Perspektive schildern. Die beiden Brüder könnten unterschiedlicher nicht sein: Charley hochbegabt, ein Wunderkind, das bereits mit zwei Jahren Charles Dickens las. Rob, der "normale" Sohn der Familie, der sich nicht einmal traute, einen Klassiker zur Hand zu nehmen - aus Angst, er könnte dem jüngeren Bruder unterlegen sein. Dieser Konflikt zwischen den beiden ist eines der großen Themen der Geschichte.

Eine besondere Rolle spielt natürlich auch die Welt der Literatur. Es sind hauptsächlich Klassiker der englischen Literatur, die hier zum Leben erwachen, aber auch Legenden der Maori: Handlungsort des Romans sowie auch Wohnort der Autorin ist Wellington, Neuseeland. Und so hat der Leser die Chance, sie alle zu treffen: Uriah Heep und den Artful Dodger, Lady Macbeth und Sherlock Holmes, Mr. Darcy und Heathcliffe. Allein das macht schon so unglaublich viel Freude, dass die Handlung fast zur Nebensache wird. Die ist jedoch von der ersten Seite an spannend und keinen Moment langweilig. Begleitet werden die beiden Brüder von der ehemaligen Kinderdetektivin Millie Radcliffe-Dix. Mit ihr lotet die Autorin die Frage aus, welche Entwicklung literarische Figuren wohl nehmen würden, wenn es für sie ein Leben nach bzw. außerhalb ihrer Geschichte gäbe.

Einziger Kritikpunkt, sofern es denn einen geben muss, ist vielleicht die Auflösung am Ende. Hier hat H.G. Parry gleich mehrmals in die Trickkiste gegriffen - dennoch ein Roman, der von der ersten Seite an Spaß macht!

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Veröffentlicht am 17.04.2020

Auftauchen aus der Depression

Marianengraben
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Nach dem Tod ihres kleinen Bruders Tim stürzt Protagonistin Paula in die Depression. Wie im 11.000 Meter tiefen Marianengraben, so fühlt sie sich, wo jeder Kubikzentimeter unter enormem Druck steht. Und ...

Nach dem Tod ihres kleinen Bruders Tim stürzt Protagonistin Paula in die Depression. Wie im 11.000 Meter tiefen Marianengraben, so fühlt sie sich, wo jeder Kubikzentimeter unter enormem Druck steht. Und so besucht sie, auf Anraten ihres Therapeuten, zum ersten Mal Tims Grab - nachts, um sich vor all den Blicken zu schützen. In dieser seltsamen Situation trifft sie auf Rentner Helmut, der auf ganz eigener Mission im Schutze der Dunkelheit auf dem Friedhof unterwegs ist. Und so starten die beiden ungleichen Charaktere auf einen skurrilen Roadtrip, begleitet von einem Hund, einem Huhn und mit jeder Menge seelischem Balast im Gepäck.

"Marianengraben" wird aus Paulas Sicht erzählt. Oft wendet sie sich dabei direkt an Tim oder denkt an gemeinsame Erlebnisse. Die Geschwister verband vor allem die Liebe zur Unterwasserwelt - umso bitterer ist es, dass Paulas kleiner Bruder ausgerechnet ertrinken musste. Sie fragt sich immer wieder, woran er wohl gedacht haben mag in seinen letzten Augenblicken und hofft, dass es nicht sie selbst war. Denn wie grausam wäre das bitte, wo sie doch nicht da war, um ihn zu retten?

Die Kapitel sind mit Zahlen überschrieben und starten bei 11000, der Tiefe des Marianengrabens - ein kleines, aber wirkungsvolles schriftstellerisches Detail. Von dort unten wird Paula im Laufe des Romans auftauchen, um wieder ins Leben zurückzufinden: ein anderes Leben, ohne Tim, aber immerhin eines, das sich zu leben lohnt. Wer nun aber glaubt, Jasmin Schreibers Roman sei einfach nur ein Buch übers Sterben, der irrt sich. Denn viel mehr ist es eine Ode an Beziehungen, vor allem eine an Bruder und Schwester. Tim, sehr aufgeweckt, neugierig und achtsam, Paula eher still, grüblerisch, tollpatschig - und dennoch beide ein Herz und eine Seele. Auf ihrer Reise mit Helmut wird Paula lernen, dass so viel Trauer in ihr auch gleichzeitig bedeutet, dass unglaublich viel Liebe vorhanden ist.

Für einen Roman, in dem oft über den Tod gesprochen wird, ist "Marianengraben" an vielen Stellen sehr witzig. Paulas tollpatschige Art, Helmuts trockener Humor, Erlebnisse mit Hund und Huhn - das alles lädt zum Schmunzeln und Lachen ein. Damit ist der Autorin der Spagat zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit wunderbar gelungen. Ein Buch, das schon jetzt zu meinen Jahreshighlights gehört und mich sicher lange nicht loslassen wird.

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Veröffentlicht am 29.02.2020

Mitreißende Adaption griechischer Mythologie

Das Lied des Achill
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Nach einem tragischen Unfall wird der junge Prinz Patroklos ins Exil nach Phthia geschickt, wo er mit dem gleichaltrigen Achill aufwächst. Auch wenn die beiden sehr unterschiedlich sind, werden sie doch ...

Nach einem tragischen Unfall wird der junge Prinz Patroklos ins Exil nach Phthia geschickt, wo er mit dem gleichaltrigen Achill aufwächst. Auch wenn die beiden sehr unterschiedlich sind, werden sie doch schnell zu besten Kameraden. Aus Freundschaft entsteht schließlich Liebe - eine Liebe, die immer wieder auf die Probe gestellt wird. Vor anderen müssen sie sich verstellen, Achills Mutter, der Nymphe Thetis, ist die Beziehung ein Dorn im Auge und ein altes Versprechen Patroklos' droht einem von ihnen den Tod zu bringen.

Schon "Ich bin Circe" von derselben Autorin konnte mich restlos begeistern und nicht anders ist es mit "Das Lied des Achill". Die Handlung wird aus Patroklos' Sicht erzählt und umfasst sein gesamtes Leben, von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Im Fokus steht natürlich die Beziehung zu Achill. Während der schneller, stärker und ein besserer Kämpfer als alle anderen ist - was ihm den Namen "Aristos Achaion", der "Beste der Griechen" einbringt - ist Patroklos aus weicherem Holz geschnitzt. Er ist sehr empfindsam, hat ein starkes Bedürfnis nach Gerechtigkeit und findet erst durch die Erziehung durch den Zentauren Cheiron zu sich selbst.

Da er kein Kämpfer ist, bleibt Patroklos nur die Möglichkeit, seiner großen Liebe Achill stets bedingungslos zu folgen - auch in die Trojanischen Kriege, wo er in dessen Streitwagen sein Leben riskiert. Nach und nach zieht er sich dann jedoch aus dem Kampfgeschehen zurück und wendet sich der Heilkunst zu. Achill hingegen steigt sein Ruhm immer mehr zu Kopf, so dass er schnell Feinde um sich schart. Wie wird Patroklos sich entscheiden, wenn er zwischen dem, was gut und richtig ist und seinem Geliebten wählen muss?

Mit "Das Lied des Achill" ist Madeline Miller erneut eine mitreißende Adaption griechischer Mythologie gelungen. Natürlich sind gewisse Teile der Handlung mit Vorkenntnissen in diesem Gebiet vorhersehbar. Da jedoch mehr wert auf die Entwicklung der beiden Helden und ihre Beziehung zueinander gelegt wird, tut dies dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Bleibt nur zu hoffen, dass Madeline Miller sich in Zukunft noch weiteren antiken Helden literarisch widmen wird.

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Veröffentlicht am 27.02.2020

Eines meiner Jahreshighlights 2019

Der Gesang der Flusskrebse
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Oktober 1969. Im Marschland entdecken zwei Jungen die Leiche von Chase Andrews, einem der beliebtesten Söhne der Stadt, ehemals Starquarterback und Frauenheld. Schnell fällt der Verdacht auf diejenige, ...

Oktober 1969. Im Marschland entdecken zwei Jungen die Leiche von Chase Andrews, einem der beliebtesten Söhne der Stadt, ehemals Starquarterback und Frauenheld. Schnell fällt der Verdacht auf diejenige, auf die schon immer herabgeschaut und die schon immer verspottet wurde: das Marschmädchen.

August 1952. An einem heißen Morgen verlässt Kyas Mutter mit einem großen Koffer in der Hand ihre Kinder und den prügelnden Ehemann. Während die sechsjährige Catherine, genannt Kya, fest an ihre Rückkehr glaubt, verlassen die älteren Geschwister nach und nach die ärmliche Hütte in den Marschen. Kya bleibt allein mit dem Alkoholikervater zurück. An guten Tagen gehen sie gemeinsam angeln und er bringt ihr alles über die Marschen bei, was er weiß. An schlechten Tagen muss Kya vor den brutalen Überraschungsattacken ihres Vaters fliehen und verkriecht sich tief in den Marschen.

Gekonnt verwebt Delia Owens in "Der Gesang der Flusskrebse" zwei Handlungsebenen miteinander: zum einen Kyas Kindheit und Erwachsenwerden seit dem Fortgang der Mutter, zum anderen den Erzählstrang, der mit dem Leichenfund beginnt und den ganzen Kriminalfall bis zum Gerichtsurteil verfolgt. Am Ende werden beide Stränge sich treffen und für den Leser ein stimmiges, wenn auch verstörendes Bild abgeben. Die Sprache der Autorin ist dabei zart und poetisch, vor allem dann, wenn sie Kyas geliebtes Marschland beschreibt. Vor den Augen des Lesers wird dieser Rückzugsort des jungen Mädchens lebendig. Immer wieder sind auch Gedichte in den Text eingebettet.

Überhaupt ist dieses Buch eine Geschichte der leisen Töne - abgesehen von dem Tod vom Chase Andrews sind es nur viele kleine Dinge, die die Handlung vorantreiben. Schon von Kindesbeinen an wird Kya mit der Abneigung der Menschen von Barkley Cove konfrontiert. Obwohl die Eltern aus durchaus angesehenen Familien stammen, landen sie mit ihren Kindern im Marschland und sind von nun an nur noch "das Sumpfpack". Mütter ziehen ihre Kinder von Kya fort, wenn sie ihr auf der Straße begegnen und so bricht sie auch nach einem einzigen Tag die Schule ab, weil sie die Hänseleien der anderen Kinder nicht ertragen kann.

Einzige Vertraute in diesem einsamen Leben sind der schwarze Ladenbesitzer Jumpin' und seine Frau Mabel, die allein aufgrund ihrer Hautfarbe in der Kleinstadt schon zu den Außenseitern gehören. Sie ermöglichen der kleinen Kya das Überleben, indem sie ihr Lebensmittel, Kleidung und Benzin für ihr geliebtes Boot eintauschen. Und dann ist da noch Tate, ein Freund von Kyas Bruder Jodie. Er besucht sie immer wieder in den Marschen, schenkt ihr die schönsten Federn, die er finden kann und bringt ihr außerdem das Lesen bei. Doch dann entscheidet er sich, aufs College zu gehen und Kya bleibt ein weiteres Mal allein zurück - eine Situation, die Chase Andresw für sich zu nutzen weiß.

Die Kriminalhandlung in "Der Gesang der Flusskrebse" spielt nur eine untergeordnete Rolle. In seinem Kern ist der Roman ein Buch über die Macht der Vorurteile und der Ausgrenzung. Was der Mensch nicht kennt, was er nicht versteht, das fürchtet er und so wird Kya schon lange vor dem Leichenfund in den Augen ihrer Mitmenschen zur Täterin. Was geschieht mit einem Kind, das in solcher Einsamkeit aufwächst? Und was wird aus einem Menschen, dem immer nur grundlos mit Ablehnung begegnet wird? Das sind Fragen, die Delia Owens in ihrer grandiosen Geschichte zu ergründen sucht. Denn Kya Clark ist nicht dumm oder schmutzig, nicht zurückgeblieben oder gefährlich - sie ist einfach nur ein wenig anders als die anderen. Ein Mädchen, das immer nur von allen verlassen wurde. Ob sie darüber hinaus auch noch zu einer Mörderin geworden ist, das muss der Lauf der Geschichte zeigen.

Fazit: "Der Gesang der Flusskrebse" ist definitiv kein einfaches, kein bequemes Buch, aber das muss Literatur ja auch gar nicht sein, oder?

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Veröffentlicht am 02.02.2020

Spannendes Kinderbuch mit wichtiger Botschaft

Das Wolkenschiff – Aufbruch nach Südpolaris (Das Wolkenschiff 1)
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Die Zwillinge Arthur und Marie leben mit der strengen Haushälterin Miss Wilder in Lontown. Ihr Vater ist zu einer Expedition nach Südpolaris aufgebrochen, um als erster den Pol zu erreichen und in die ...

Die Zwillinge Arthur und Marie leben mit der strengen Haushälterin Miss Wilder in Lontown. Ihr Vater ist zu einer Expedition nach Südpolaris aufgebrochen, um als erster den Pol zu erreichen und in die Geschichte einzugehen. Eines Tages kehrt ein gegnerisches Team mit einer furchtbaren Nachricht zurück: Ernest Brightstorm soll beim großen Rennen betrogen haben und ist seitdem im Eis verschollen. Ohne ihren Vater verlieren die Zwillinge alles; ihr Zuhause, ihren gesamten Besitz und das allerletzte Mitglied ihrer Familie - ihre Mutter ist bei der Geburt der beiden verstorben. Doch dann erfahren sie von einem erneuten Rennen zum Pol und der Chance, auf dem Luftschiff der Entdeckerin Harriet Culpfeffer anzuheuern. So könnten Arthur und Marie herausfinden, was mit ihrem Vater geschehen ist und vielleicht sogar seinen großen Entdeckertraum wahrmachen.

"Das Wolkenschiff" ist eine zauberhafte Abenteuergeschichte für Kinder ab etwa 10 Jahren. Die Zwillinge sind charakterlich sehr verschieden. Während Marie stets die Situation im Blick behält und bedacht handelt, ist Arthur ein impulsiver Hitzkopf. Er hatte es im Leben bisher nicht immer einfach, da ihm ein Arm fehlt, den Technikgenie Marie durch eine mechanische Konstruktion ersetzt hat. Zum Glück wird der Junge jedoch im Verlauf der Handlung die Erfahrung machen, dass es keine Rolle spielt, woher man kommt oder wie man aussieht, so lange man das Herz auf dem rechten Fleck hat. Eine wertvolle Botschaft!

Die Handlung ist spannend und bietet dank der Luftschiffe und anderer technischer Errungenschaften echte Steampunk-Atmosphäre. In Harriet Culpfeffer haben die Kinder eine Mentorin, die sie und ihre Pläne ernst nimmt, in Eudora Vane hingegen eine Antagonistin, die für Geldgier und Unehrlichkeit steht. Gewürzt wird die Geschichte noch mit einigen fantastischen Elementen wie zum Beispiel den so genannten Weisewesen; Tieren mit hoher Intelligenz und besonderen Fähigkeiten. Einziger Kritikpunkt ist vielleicht, dass Arthur und Marie oft nicht wie 12-Jährige sprechen und handeln, aber dieser Motor ist wohl notwendig, um die Handlung voranzutreiben.

Fazit: eine spannende Entdeckergeschichte mit wichtiger Botschaft

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