Barrieren aufbrechen?
Ein Fest für den MeisterExzellenter und intimer Einblick in die schwule Szene des SM in den 80er Jahren. SM ist eben doch mehr als Unterwerfung und Schmerz.
John Preston lebte von 1945 bis 1994. Er war einer der bekanntesten ...
Exzellenter und intimer Einblick in die schwule Szene des SM in den 80er Jahren. SM ist eben doch mehr als Unterwerfung und Schmerz.
John Preston lebte von 1945 bis 1994. Er war einer der bekanntesten schwulen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er engagierte sich schon früh in der LGBTQI und arbeitete als Redakteur bei The Advocate. Mr. Benson, ein weiteres Highlight der SM-Literatur, stammt auch aus seiner Feder. Sein literarischer Nachlass befindet sich in Rhode Island, genauer Providence, der Lovecraftstadt.
Ich finde es klasse, daß der Verlag Bruno Gmünder, Salzberger, dieses Buch der Öffentlichkeit zugänglich macht.
Das Cover ist schon großartig mit dem offenbar männlichen Sub, dem schon der Schweiß sichtbar auf der Stirn steht und der schwarze Hintergrund kontrastiert superb, wie schwarzes Leder eben.
Ein Autor, dem ein legendärer Ruf vorauseilt und lange in San Francisco gelebt hatte ( in den 60er und 70er Jahren ) möchte zu Ehren einer Schriftstellerfreundin, die zwar über SM schreibt, aber es selber noch nie gemacht hat ( oder machen wird ) ein gediegenes SM - Fest schenken.
Er gibt eine dementsprechende Anzeige auf, daß er Sklaven für ein Fest sucht. Er selber ist ein schwuler Meister oder Dom, wie man es heute nennen würde, Ende Dreißig.
Spinner und Neugierige melden sich auf die Chiffre, aber ebenso ernstzunehmende Bewerber. Die, die er in die engere Auswahl zieht, prüft er höchstpersönlich auf Herz, Nieren, Hintern, Waden, Hand- und Fußgelenke.
Zu seiner Überraschung und Freude hört auch wieder von seinem ehemaligen Sub und große Liebe Martin wieder, der ihm beim Fest assistieren wird.
Christopher ist, wie Martin es ausdrückt, eine "Schrankschwester", Geschäftsmann und Bodybuilder mit massiven Muskeln, der devot und masochistisch ist. Er ist verheiratet und hat ein Kind, geht heimlich seinen Neigungen nach. Er erträgt Schmerzen und Demütigungen, aber kleine, harmlose Glöckchen treiben ihn schier in den Wahnsinn. Warum? Selber lesen! Durch dies und andere Vorkommnisse gibt es auch einen gewißen Humor im Buch. Es ist also nicht todernst.
Glen und Philipp lieben sich wahrhaftig, sind auch ein eingespieltes Dom/ Subpaar. Glen möchte aber erleben, wie es ist, ein Sub zu sein. Der Icherzähler tut ihm gerne den Gefallen und Phillip kommt bei der Session aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Der junge Schwule Keith, ursprünglich aus Ohio möchte mit dabei sein, weil er immerzu spitz ist. Aber wie wird er wohl auf die Premiere reagieren, gespankt zu werden?
Carl, ein ehemaliger Soldat of color, hat einen Fetisch fürs Militär, Disziplin und Uniformen, sehr zur Freude des Erzählers.
François ist ein Franzose an der Westküste, Flugbegleiter und Fußfetischist. So bekommt der Erzähler noch so nebenbei eine perfekte Fußmassage und formvollendete Pediküre. Jedem seinen ureigenen Fetisch, aber wie es geschildert wird, ist humorvoll, aber ohne François der Lächerlichkeit preiszugeben und ohne ihn zu verhöhnen.
Überhaupt werden die Protagonisten alle mit gebührendem Respekt und Ernsthaftigkeit dargestellt.
Der Erzähler berichtet auch von seinen utopischen ( erotischen ) Phantasien, die ihren ganz eigenen Sog generieren. Gesellschaftskritik übt John Preston scharfzüngig, hellsichtig und analytisch genau, mit all der Doppelmoral und allgegenwärtiger Heuchelei, vor allem in den USA.
Man merkt natürlich, daß das Buch von 1986 ist, wegen der Abwesenheit der modernen Technik und weil die HIV / Aidskrise da noch sehr frisch war. Konsequent tragen alle im Buch Kondom, auch bei oralen Freuden.
Das Buch ist kurzweilig und erlaubt einen intimen sowie erhellenden Einblick in die schwule SM - Subkultur. Die Erortik ist nicht platt, sondern auf hohem Niveau geschrieben, mit vielen subtilen Zwischentönen und welch große Rolle doch die Psyche spielt. Denn nicht jeder weint in diesem Buch wegen Schmerzen oder Demütigungen, sondern weil eine psychische Barriere aufgebrochen wurde. Wird das Fest des Meisters ein voller Erfolg?
Schmerz und Lust liegen eben doch dicht beieinander. Viele der gesellschaftskritischen Aussagen gelten noch heute. Ein intensives, exzellentes Buch. Wer vor dem Thema nicht zurückschreckt, aber wer das tut, weiß gar nicht, was er oder sie verpasst! John Preston ist klasse! Er könnte ruhig (wieder) entdeckt werden.