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Veröffentlicht am 02.04.2024

Innen oder außen

Die Stadt und ihre ungewisse Mauer
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Entweder man lebt in der Stadt oder außerhalb. Ein Weg hinein ist schwierig, ein Weg hinaus nicht vorgesehen. Beim Betreten lässt man ein Stück von sich selbst zurück, seinen Schatten. Und trotz dieses ...

Entweder man lebt in der Stadt oder außerhalb. Ein Weg hinein ist schwierig, ein Weg hinaus nicht vorgesehen. Beim Betreten lässt man ein Stück von sich selbst zurück, seinen Schatten. Und trotz dieses Opfers zieht es den Protagonisten dorthin, denn er will Traumleser werden und eine vertraute Seele wiederfinden.
„»Die Stadt ist von einer hohen Mauer umgeben«, holst du die Worte aus der Tiefe der Stille herauf wie verborgene Perlen vom Meeresgrund. »Die Stadt ist nicht groß, aber so klein, dass man sie einfach überblicken kann, ist sie auch nicht.«“
Dadurch, dass den einzelnen Figuren immer nur Auszüge der Realität bekannt sind, entsteht ein mystisches Bild des Handlungsorts, an dem es Einhörner oder Formwechsel gibt, an dem neben Büchern eben auch Träume gelesen werden können. Es ist nicht schlimm, dass nicht jede Frage, die ich mir stellte, eindeutig beantwortet wird; vielmehr versteht es Murakami, auf seine ruhige Art mit einer außergewöhnlichen Geschichte zu fesseln und zu verzaubern. David Nathan tut als Sprecher sein Übriges, damit wir uns im Kopf des Ich-Erzählers nieder- und mit ihm diese Welt real werden lassen.

Veröffentlicht am 30.03.2024

Das Ende naht

Das späte Leben
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Der 76-jährige Martin hat nach einer medizinischen Diagnose nicht mehr lange zu leben und bereitet sich und seine Familie auf seinen Tod vor. „Wenn er nur nicht zum Arzt gegangen wäre! Was dort geschehen ...

Der 76-jährige Martin hat nach einer medizinischen Diagnose nicht mehr lange zu leben und bereitet sich und seine Familie auf seinen Tod vor. „Wenn er nur nicht zum Arzt gegangen wäre! Was dort geschehen war, wäre nicht geschehen, was er dort erfahren hatte, hätte er nicht erfahren. Was er nicht erfahren hätte, wäre nicht gewesen.“
In dieser Zeit wechseln sich gute und schlechte Tage ab, die mal zur Verleugnung des Todesurteils, mal zu Maßnahmen der Fürsorge und letzten gemeinsamen Aktivitäten mit seinen Angehörigen führen. Sein Hauptaugenmerk gilt dabei seinem 6-jährigen Sohn, dem er etwas hinterlassen will, eine Botschaft, väterlichen Rat, ein Vermächtnis.
Wir erleben den Protagonisten bei seinen Beobachtungen und Gedankenspielen, reflektierend, zweifelnd, aber auch ganz klar. So erzählt der Autor eine einfache Geschichte aus dem Leben eines Mannes, die durch den Ausdruck der Gefühle und seine Handlungen zu Herzen geht. Ich habe Ulrich Noethen gerne zugehört, der als Sprecher authentisch in diese Rolle schlüpft.

Veröffentlicht am 24.03.2024

Ein guter Freund

Der ehrliche Finder
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Jimmy interessiert sich für Sammelbildchen und für seinen Freund Tristan, dessen Familie aus dem Kosovo nach Belgien geflüchtet war. „Denn außer Tristans bestem Freund war er auch ein Sammler von Weltrang.“ ...

Jimmy interessiert sich für Sammelbildchen und für seinen Freund Tristan, dessen Familie aus dem Kosovo nach Belgien geflüchtet war. „Denn außer Tristans bestem Freund war er auch ein Sammler von Weltrang.“ „Der eheliche Finder“ erzählt die Geschichte einer besonderen Freundschaft zwischen den beiden Jungen, die durch das Schicksal der Einwandererfamilie geprägt ist.
Jimmy ist über den neu gewonnenen Freund derart erfreut, dass er sich besonders achtsam um ihn kümmert. Dabei zeigt er Kreativität und Engagement, was sich beispielsweise darin äußert, welche Methoden er anwendet, um Tristan und dessen Geschwistern die niederländische Sprache beizubringen. Das beidseitige Vertrauen führt zu einem Plan mit Jimmy in der Hauptrolle, der den Roman auf ein spannendes Ende zusteuern lässt.
Die Sorglosigkeit einer Kinderfreundschaft wird überschattet von Ängsten aufgrund der Flucht und des Verbleibs der Familie. Lize Spit findet eine sensible Art, kindliche Gedanken wiederzugeben, die Zerbrechlichkeit der Situation zu schildern und Nähe zu den Figuren aufzubauen.

Veröffentlicht am 13.03.2024

Familienzwist

Ein falsches Wort
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Die Geschwister streiten sich um das Erbe, während die Ich-Erzählerin ihr zusätzliches Päckchen zu tragen hat, weil sie sich bereits vor langer Zeit von ihren Eltern abgewandt hat. “Ich hatte ihr erklärt, ...

Die Geschwister streiten sich um das Erbe, während die Ich-Erzählerin ihr zusätzliches Päckchen zu tragen hat, weil sie sich bereits vor langer Zeit von ihren Eltern abgewandt hat. “Ich hatte ihr erklärt, dass es mich krank machte, mit Mutter und Vater zusammen zu sein. Sie zu treffen und so zu tun, als sei nichts geschehen, wäre Verrat an mir selbst und an allem, wofür ich stehe, es war unmöglich, ich hatte es doch versucht!”
Das Thema eines Konflikts zwischen Eltern und Tochter hat die Autorin ebenfalls in “Die Wahrheiten meiner Mutter” verarbeitet, und es passiert hier auf eine ähnliche Weise und eindringliche Art. Die Hauptfigur ist wie gefangen in einer Endlosschleife, in der sie sich immer wieder mit Vorfällen aus der Vergangenheit und ihrer Entscheidung des Abstandnehmens auseinandersetzt.
Die Dynamik zwischen den Geschwistern ist neu (wenn man mit dem vorigen Buch vergleicht) und spannend, weil sich Parteien bilden, die auf ihren Standpunkten beharren. Auch wenn die Wiederholung der Diskussion um das Erbe auf Dauer mitunter ermüdet, zeigt sie doch, was in den Köpfen vorgeht und wie schwierig und kleinteilig die Fragen sind.
“Ein falsches Wort” hat mich begeistert, weil es die Last der Situation durch eben jene langwierige Debatte greifbar macht. Die Autorin lässt uns zwischendurch aufatmen, indem sie dem auf mancher Seite nur einen philosophisch-zarten Satz gegenüberstellt. Das Ganze wirkt authentisch und ließ mich mitleiden, und mir ist klar, dass ich weiter nach Vigdis Hjorth Ausschau halten werde, deren Erzählweise einen solchen Sog auf mich ausübt.

Veröffentlicht am 10.03.2024

Essen und Explosionen

Liebe, Tod und viele Kalorien
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„Liebe, Tod und viele Kalorien“ handelt von einer Gruppe von Frauen, die mit unterschiedlichen Herausforderungen des Lebens kämpfen (tote Tante, untreuer Mann…) und die der Zufall zusammenführt. Sie vereint ...

„Liebe, Tod und viele Kalorien“ handelt von einer Gruppe von Frauen, die mit unterschiedlichen Herausforderungen des Lebens kämpfen (tote Tante, untreuer Mann…) und die der Zufall zusammenführt. Sie vereint die Bereitschaft zu Veränderung, aus der eine Freundschaft entsteht.
„Vielleicht lebt man ja viel gesünder, wenn man leicht bösartig ist.“ Die Figuren haben eigene Persönlichkeiten und Charme, da dürfen sie gerne mal über die Stränge schlagen (es gibt explosive Momente). Die turbulente Mischung spiegelt sich sprachlich in einem Mix aus Rheinländisch, Niederländisch und Französisch wider. Zentraler Handlungsort ist ein Gasthof, insofern kommen auch kulinarische Beschreibungen nicht zu kurz.
Es mag in der Natur der Sache liegen, dass in einem solchen „Wohlfühlroman“ einige Dinge vorhersehbar sind oder etwas dick aufgetragen werden, und doch habe ich ihn gerne gelesen. Es wurde bereits auf den ersten Seiten klar, wie viel Seele die Autorin in die Geschichte gesteckt und dass sie diese sprachlich ansprechend verpackt hat. Es fiel mir leicht, mich in die Protagonistinnen hineinzuversetzen; es fühlte sich an, als würde eine gute Freundin aus ihrem Leben berichten. Da ist es naheliegend, dass der Stoff verfilmt und so weiter verbreitet wurde.