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Veröffentlicht am 11.07.2024

Ein Familienroman, wie ich ihn liebe

Treibgut
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Der Roman spielt auf Cape Cod, einer wunderschönen Halbinsel in New England mit endlosen Stränden im Einzugsgebiet von Boston. Bei dem Setting könnte man sofort die Koffer packen…. , passt leider nicht, ...

Der Roman spielt auf Cape Cod, einer wunderschönen Halbinsel in New England mit endlosen Stränden im Einzugsgebiet von Boston. Bei dem Setting könnte man sofort die Koffer packen…. , passt leider nicht, aber hin träumen das geht dann doch mit diesem Roman ganz hervorragend.

Wir begleiten die Familie Gardner, 5 Menschen deren Perspektive abwechselnd die Geschichte eines Sommers von April bis Oktober vorantreibt. Es beginnt mit dem Vater Adam, einem Wissenschaftler, der sich sein Leben lang mit Walen beschäftigt hat. Er leidet unter einer bipolaren Störung, hat diese aber dank seiner guten Medikamenteneinstellung im Griff. Kurz vor seinem 70sten Geburtstag , an dem er eine große Entdeckung mit der Welt teilen möchte, trifft er die fatale Entscheidung seine Pillen abzusetzen, um wieder leistungsfähiger zu sein.

Adam hat 2 Kinder, Abby und Ken, die er seiner Meinung nach ganz großartig alleine großgezogen hat. Nach Meinung seiner Kinder lief das Aufwachsen nach dem Tod der Mutter weniger optimal ab. Die Geschwister waren sehr oft in ihrer Kindheit auf sich alleine gestellt, weil der Vater immer mal wieder ohne Vorankündigung verschwand.



Abby ist die Künstlerin der Familie und seit kurzem schwanger von ihrem Jugendfreund David, der aber verheiratet ist und nichts von dem Baby ahnt.

Ihr Bruder Ken wirkt nach außen hin sehr erfolgreich, hat ein lukratives Einkommen , zwei wohlgeratene Teenietöchter und eine Ehefrau, auf die er sich verlassen kann, die ihn sowohl bei der Organisation der Geburtstagsparty für den Vater unterstützt als auch bei seinen politischen Ambitionen. Doch die Ehe steckt in der Krise und ein Kindheitstrauma lässt ihn nicht los.

Jenny ist eigentlich Abby‘s beste Freundin, doch nach der Hochzeit mit Ken hat sich die Freundschaft verändert. Die Frauen sind nicht mehr so ehrlich zueinander. So ahnt Abby nichts von der Ehekrise und Jenny‘s wachsendem Alkoholproblem.

Die 5. Person ist eine Fremde die sich der Familie annähert. Auch Steph sind eigene Kapitel gewidmet. Was sie von den Gardner‘s will erfährt man dann nach und nach .



Ich mochte diesen Familienroman sehr. Die Autorin beschreibt eindrucksvoll das Auseinanderbrechen einer Familie , erzählt von dunklen Familiengeheimnissen und unbearbeiteten Kindsheitstraumata und seinen Folgen. In die Gefühlswelt der Charaktere konnte ich mich sehr gut einfühlen und auch der Sprachstil von Adrienne Brodeur hat mich sofort gecatcht .Zeitlich ist der Roman eingebettet kurz vor der Präsidentschaftswahl 2016, dem Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump, was ich auch sehr spannend fand.

Das Buch war eine tolle tiefgründige, unterhaltsame Sommerlektüre und ein Highlight für mich, dass ich sehr gerne weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 09.06.2024

Verführende Technik

Hundert Augen
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Innerhalb kürzester Zeit bin ich durch das Buch „Hundert Augen“ der argentinischen Autorin Samantha Schweblin geflogen.

Es hört sich zunächst nach einer Dystopie an, bei genauerer Beleuchtung fällt jedoch ...

Innerhalb kürzester Zeit bin ich durch das Buch „Hundert Augen“ der argentinischen Autorin Samantha Schweblin geflogen.

Es hört sich zunächst nach einer Dystopie an, bei genauerer Beleuchtung fällt jedoch auf, dass es das technische Spielzeug ,um das es hier geht zwar nicht gibt, aber durchaus geben könnte. Die Geschichte ist also gegenwartsnäher als uns lieb sein kann.



Im Fokus des Buches stehen unschuldig wirkende kleine Plüschtiere wie Pandas, Kaninchen, Drachen und weitere, ausgestattet mit Kameras und Mikrofonen sowie Rädern, damit sie sich überall gut bewegen können.

Das Besondere an dieser technischen Spielerei ist, dass man sich entscheiden kann ein solches Kentuki zu kaufen und damit Herrin oder Herr zu werden oder das Kentuki zu sein, dass am anderen Ende sitzt und durch ein fremdes Zuhause steuert. Auch der Zugangscode um das Wesen zu sein ist käuflich erwerbbar. Zugangscode und Kentucki werden per Zufall miteinander verbunden. Man weiß also überhaupt nicht, wo auf der Welt der Kentuki zum Einsatz kommt oder wer auch immer ihn steuert. Sprechen können die Kentukis nicht. Wie zu erwarten gibt es von den Besitzern aber einfallsreiche Ideen doch eine Kommunikation zu ermöglichen.



S.44 „ Man könne ja wohl kaum auf die Vernunft der Menschen bauen, und einen Kentuki zu haben, der frei bei einem herum lief, war, als würde man einem Fremden seine Haustürschlüssel geben.“



Der Roman ist episodenhaft erzählt. Wir begleiten 5 Personen, erfahren ihre Beweggründe zum Kauf eines Kentuckis, bzw. warum sie jetzt eines dieser Plüschtiere steuern wollen, und welche Erfahrungen sie daraufhin machen.

Unabhängig davon gibt es kurze, verstörende Kapitel mit Personen, die nur einmal auftauchen.

Man spürt unterschwellig immer einen leichten Horror und kommt natürlich ins Grübeln wie über die Fazination neuer Technik, die eigene Privatsphäre schnell mal ins Hintertreffen gerät. Auch Neugier, Einsamkeit oder einfach Voyeurismus sind natürlich Gründe dass die Kentukis in der Bevölkerung immer beliebter werden.

Dann lässt man sie mit den kleinen Kindern durch die Wohnung spazieren und hat vielleicht einen Pädophilen, der das Ding steuert.

Das Gedankenexperiment der Autorin hat etwas Beunruhigendes, weil man einfach merkt wie nah es an uns dran ist.

Vom mir gibt es eine große Leseempfehlung. Ich habe das Buch wirklich gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 21.05.2024

Großes Highlight

Lügen, die wir uns erzählen
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Helene ist eine Frau in den mittleren Jahren, die Karriere gemacht und Kinder bekommen hat, die beides sein wollte, Mutter und erfolgreich im Beruf. Jetzt hat ihr Mann Georg sie für eine jüngere Frau verlassen, ...

Helene ist eine Frau in den mittleren Jahren, die Karriere gemacht und Kinder bekommen hat, die beides sein wollte, Mutter und erfolgreich im Beruf. Jetzt hat ihr Mann Georg sie für eine jüngere Frau verlassen, eigentlich ein Klassiker. Anne Freytag‘s Roman ist emotional und bringt die Gefühle ihrer Protagonistin Helene auf den Punkt. Viele der geschilderten Situationen kamen mir bekannt vor, und ich konnte mich gut in Helene hineinfühlen, auch wenn meine eigene Biografie eine andere ist. Teenagertochter Anna kommt im Roman ebenfalls zu Wort und man erlebt manch eine Situation aus ihrer jugendlichen Perspektive, die die Mutter zuvor völlig anders bewertet hat.

Wenn eine Beziehung in die Brüche geht leiden natürlich besonders die Kinder. Sohn Jonas ergreift Partei für Helene, während Tochter Anna auf der Seite ihres Vaters steht und der Mutter vorwirft den Vater erst in die Arme einer anderen getrieben zu haben. So dividieren sich auch die Geschwister auseinander und Anna zieht letztendlich zu Georg und seiner Freundin, wogegen Jonas bei Helene bleibt.

Helene merkt plötzlich, dass sie eine Getriebene ist,die immer nur gefallen wollte, erst der eigenen Mutter, dann dem Ehemann. Sie hat das Gefühl gar nicht wirklich zu wissen wer sie ist und was sie wirklich vom Leben will. Ein schwieriger Weg liegt vor ihr, auf dem sie sehr ehrlich ihr bisheriges Leben analysiert, um genau das herauszufinden.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Auch die Sprecherinnen Stefanie Wittgenstein und Lara Hoffmann hatten beide sehr angenehme Stimmen, denen ich gerne gelauscht habe.

Anne Freytag schreibt sowohl emotional, als auch tiefgründig und konnte mich vom ersten Satz an fesseln. Für mich war das Buch ein Jahreshighlight, dass ich ohne Einschränkungen empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 10.05.2024

Vererbte Wut

Verbrenn all meine Briefe
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Alex Schulman hat mit seinem Roman „Verbrenn all meine Briefe“ einen sehr persönlichen Roman über die eigene Biografie geschrieben. Über sich selbst erschrocken bemerkt der Autor, dass nicht nur seine ...

Alex Schulman hat mit seinem Roman „Verbrenn all meine Briefe“ einen sehr persönlichen Roman über die eigene Biografie geschrieben. Über sich selbst erschrocken bemerkt der Autor, dass nicht nur seine Frau nicht länger gewillt ist seine Wutausbrüche zu ertragen, sondern dass er auch seinen Kindern Angst zu machen scheint. Er beginnt den Ursprung seiner Wut zu ergründen und sucht sich therapeutische Hilfe.

Jetzt möchte er mehr über den jähzornigen Großvater erfahren und beginnt intensiv zu recherchieren.

Neben Berichten über seine Recherche, gibt es immer wieder Kindheitserinnerungen des Autors in Bezug auf seine Großeltern und ein weiterer Erzählstrang wird durch das gefundene Recherchematerial wie z.b Briefe und Tagebücher gefüllt.

Es ist die Geschichte einer Dreiecksbeziehung ohne Happy End, soviel kann man vorwegnehmen. Die blutjunge Übersetzerin Karin heiratet den bekannten Schriftsteller Sven Stolpe, der sie immer mehr einengt und demütigt. Sie lernt Olof, einen jungen, aufstrebenden Schriftsteller kennen und verliebt sich in ihn. Ich mochte die vorsichtige Annäherung zwischen Karin und Olof, der ein ganz anderer Typ als ihr Ehemann ist. Karin gewinnt zunehmend an Selbstbewusstsein und blüht in ihrer Affaire auf.

Doch Sven in seiner Eifersucht lässt keinen Zweifel offen, dass man ihn nicht verlässt ohne selbst vernichtet zu werden.

Diese Familiengeschichte kommt wirklich einem Thriller nah und hat mich sehr erschüttert. Man kann sich natürlich fragen, ob es ethisch vertretbar ist die eigene sehr persönliche Familiengeschichte post mortem zu veröffentlichen, zumal sowohl der Schriftsteller Sven Stolpe als auch sein Konkurrent Olof Lagercrantz sehr bekannt waren. Ich denke aber schon, da sich der Autor das Einverständnis der Familien eingeholt hat und es sich um einen Roman handelt, der natürlich auch fiktionale Momente hat.

Ich finde Alex Schulman hat die tragische Geschichte seiner Familie sehr ehrlich, sensibel und respektvoll erzählt. Der Erzählstil hat mir ausgesprochen gut gefallen. Seine Geschichte macht es sehr nachvollziehbar, dass die toxischen Wesenszüge des Großvaters auch die nachfolgenden Generationen vergiftet hat.


S. 178 der Autor über seine Großmutter Karin :

„ und so ist sie mir in Erinnerung geblieben – selbst nach all den Jahren der Demütigungen durch Sven. Sie hatte Selbstachtung. Sie wurde zwar von ihm klein gemacht, erhielt sich aber eine Art Würde. Sie schrumpfte mit geradem Rücken.“

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Veröffentlicht am 05.05.2024

Ein bisschen Wahnsinn

Salt and Silver am Meer
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Mich begeistern immer wieder Menschen, die sich tatsächlich ihren Lebenstraum erfüllen und eine Sache, die sie lieben mit aller Kraft und Leidenschaft umsetzen.

Cozy und Jo sind zwei unzertrennliche ...

Mich begeistern immer wieder Menschen, die sich tatsächlich ihren Lebenstraum erfüllen und eine Sache, die sie lieben mit aller Kraft und Leidenschaft umsetzen.

Cozy und Jo sind zwei unzertrennliche Freunde, die in diesem Buch über ihre Reisen durch die Küchen der Welt und die Umsetzung ihres Traums ein Restaurant am Meer zu eröffnen, erzählen.

2022 ist es endlich soweit, das Salt &Silver in St.Peter-Ording, eine traumhafte Location, die wir im Urlaub schon kennenlernen durften, wird mit großem Erfolg eröffnet.

Neben den innovativen Rezepten mochte ich auch die vielen Geschichten hinter die Kulissen, die einen intensiven Einblick in die Gastroszene vermitteln. Um den täglichen Druck und das Tempo aushalten zu können, muß man wohl ein Stück weit wahnsinnig sein, sagen die Jungs selbst, und ich kann dem beim Lesen nur zustimmen. Die beiden Freunde und ihr Team sind aber mit soviel Leidenschaft bei der Sache, dass man sich sofort auf den Weg machen möchte, um bei ihnen zu speisen. Großen Wert legen sie auf regionale Produkte von hoher Qualität.

Das Buch hat eine sehr hochwertige Ausstattung mit Leineneinband und Lesebändchen. Den Text und die vielen tollen Fotos fand ich sehr inspirierend . Vom Frühjahr bis zum Winter finden sich zunächst wunderschöne Fotos des Strandrestaurants und im Anschluss dann auch entsprechende jahreszeitlich abgestimmte Rezepte.

Ich freue mich darauf das ein oder andere Rezept einmal auszuprobieren. Mit den pfiffigen Grundrezepten am Ende des Buches kann man sicherlich so manch ein eigenes Rezept auch ein bisschen aufpeppen. Die Köche nennen diese Grundrezepte treffend Geschmacksbooster. Die Salzzitronen z.b. scheinen so vielseitig einsetzbar, dass sie wohl als erstes Einzug in meine Küche nehmen werden.

Wer gutes Essen liebt und sich durch kreative ungewöhnliche Rezepte inspirieren lassen möchte, wer darüberhinaus auch eine spannende Lebensgeschichte von zwei leidenschaftlichen Weltenbummlern lesen mag, der wird mit diesem Buch mit Sicherheit lange viel Freude haben.

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