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Veröffentlicht am 08.04.2023

- herzzerreißender und investigativer Roman über innige Freundschaft und die zermürbende Qual des Verlustes -

Dinge, die wir brennen sahen
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Hayley Scrivenor - Dinge, die wir brennen sahen
(Eichborn Verlag)

- herzzerreißender und investigativer Roman über innige Freundschaft und die zermürbende Qual des Verlustes -

In der sterbenden Kleinstadt ...

Hayley Scrivenor - Dinge, die wir brennen sahen
(Eichborn Verlag)

- herzzerreißender und investigativer Roman über innige Freundschaft und die zermürbende Qual des Verlustes -

In der sterbenden Kleinstadt Durton, im ländlichen Australien, herrscht flirrenden Hitze. Als sich die beiden zwölfjährigen Mädchen Ronnie und Esther am frühen Freitagnachmittag des 30. Novembers 2001 gemeinsam von der Schule auf den Nachhauseweg machen, kommt eines der beiden Mädchen nicht zu Hause an. Ob sie einem Verbrechen anheimgefallen ist oder sich lediglich einen bösen Scherz erlaubt hat, wissen ihre Familie und ihre Freunde anfangs nicht. Und so werden aus einer anfänglichen Hoffnung heraus schnell Misstrauen, Verzweiflung und Trauer geboren. Verdächtigungen werden laut, welche die kleine verschrobene Gemeinde, wie auch die einzelnen Bewohner auf eine harte Probe stellen.

Die australische Schriftstellerin Hayley Scrivenor ist eine wahnsinnig gute Erzählerin. Mit viel Gefühl und psychologischem Feingefühl hat sie ein ausgeklügeltes, exzellent arrangiertes, atmosphärisch dichtes und komplexes Storyboard konstruiert, in welchem sie dem Leser ganz bewusst Informationen vorenthält, um die Spannung ins Unermessliche zu treiben. In ihrem herzzerreißenden Debütroman "Dinge, die wir brennen sahen", seziert die Doktorin in Kreativem Scheiben, die bis dato unbeschwerte Kindheit der besten Freundinnen Esther Bianchi und Veronica "Ronnie" Elizabeth Thompson, sowie ihres gemeinsamen Freundes Lewis Kennard. Der 368 Seiten umfassende Bestseller, der im australischen Original den wesentlich adäquateren Titel "Dirt Town" (als Assoziation für die heruntergekommene Ortschaft Durton) trägt, ist modern und einfühlsam verfasst, aber auch ziemlich endgültig. Je nachdem, durch welche Situation der Leser gerade manövriert wird. Lediglich die Figuren hätten einer nachhaltigeren Zeichnung bedurft. Die Autorin fügt Nebensächlichkeiten wie selbstverständlich in ihren Plot ein, die ihren Zeilen Authentizität und Lebendigkeit verleihen. Die vielen, vagen Anspielungen, die Scrivenor macht, wirken dabei wie hartnäckige Cliffhanger.

Detective Sergeant Sarah Michaels, von ihren eigenen Dämonen gejagt, macht sich gemeinsam mit ihrem Kollegen Detective Constable Wayne "Smithy" Smith und dem Ortspolizisten Officer Lacey Macintyre an die Ermittlungen. Als der anfängliche Verdacht auf Steven Bianchi, den Vater des verschwundenen Mädchens fällt, bricht für seine Ehefrau Constance eine Welt zusammen. Constance Bianchis durcheinandergewirbelte Gefühlswelt bekommt einen zusätzlichen Riss, als sie über ihre beste Freundin Shelly Thompson von einem unentschuldbaren Verbrechen erfährt, das Steven in seiner Jugend begangen haben soll. Derweil macht sich Ronnie auf die Suche nach ihrer besten Freundin Esther.

Aus unterschiedlichen Blickwinkeln berichtet Hayley Scrivenor, die in einer kleinen Ortschaft an der Ostküste Australiens, in der Region des Dharawal-Stamms lebt, über das Leben und Sterben in Durton. Über deren Einwohner, den Erwachsenen und den Kindern, mit ihren Stärken, ihren Schwächen und all ihren dunklen Geheimnissen. Scrivenor legt falsche Fährten, streut kleinere Twists ein und bringt die getrübte Stimmung des Augenblicks auf perfekte Weise zu Papier. Auf der einen Seite wird das Leben der Familien Bianchi und der Thompsons beleuchtet, auf der anderen Seite liegt die Gewichtung natürlich auf den Ermittlungen der Polizei. Der Suche nach Esther, den Befragungen, sowie dem Miteinander und Gegeneinander in einer Gemeinschaft aus verhärmten, misstrauischen Einwohnern. "Dinge, die wir brennen sahen" besitzt eine mitreißende Dynamik, die wahrlich tief unter die Haut geht. Hayley Scrivenor ist hier offensichtlich mit Leichtigkeit ein wahnsinnig gutes Erstlingswerk aus dem Ärmel gerutscht, das einfach alles hat. Thrill, Emotionen, Spannung, Atmosphäre, ein geniales, wie im Laufschritt erzählte Storyboard, Action, Empathie und das alles mit einem immensen Unterhaltungswert. Selten habe ich eine solch berührende Geschichte aus Gewalt, Unterdrückung und Tod gelesen! Ich bin absolut begeistert!!!

(Janko)

https://hayleyscrivenor.com
https://www.facebook.com/hayleyscrivenorwrites/
https://www.instagram.com/hayley.scrivenor

Brutalität/Gewalt: 31/100
Spannung: 89/100
Action: 49/100
Unterhaltung: 96/100
Anspruch: 55/100
Atmosphäre: 87/100
Emotion: 89/100
Humor: 07/100
Sex/Obszönität: 09/100

LACK OF LIES - Wertung: 94/100

Hayley Scrivenor - Dinge, die wir brennen sahen
Eichborn Verlag
Literarische Unterhaltung
ISBN: 978-3-8479-0115-0
368 Seiten
Hardcover
Originaltitel: Dirt Town (2022)
Aus dem Englischen von Andrea O'Brien
Erscheinungstermin: 31.03.2023
EUR 22,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-7517-4264-1
Erscheinungstermin: 31.03.2023
EUR 19,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

ISBN Hörbuch (Download) ungekürzt: 978-3-7540-0753-2
Erscheinungstermin: 31.03.2023
EUR 19,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Dinge, die wir brennen sahen" beim Eichborn Verlag: https://www.luebbe.de/eichborn/buecher/literarische-unterhaltung/dinge-die-wir-brennen-sahen/id_8942751

Leseprobe: https://books.google.de/books?id=MY6ZEAAAQBAJ&lpg=PP1&hl=de&pg=PP1#v=onepage&q&f=false

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Veröffentlicht am 01.03.2023

- immersive Mystery-Horror-Story mit bedrohlicher Aura -

Old Country – Das Böse vergisst nicht
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Irgendwo in der ländlichen Abgeschiedenheit der Berge Idahos, in einem ruhigen Tal im Teton County. Der 35-jährige Kriegsveteran Harold "Harry" Blakemore und seine fünf Jahre jüngere Frau Sasha haben sich ...

Irgendwo in der ländlichen Abgeschiedenheit der Berge Idahos, in einem ruhigen Tal im Teton County. Der 35-jährige Kriegsveteran Harold "Harry" Blakemore und seine fünf Jahre jüngere Frau Sasha haben sich für ein Einsiedlertum, auf einer abgelegenen Ranch entschieden. Hier wollen sie ein für alle Mal ihrem stressigen und arbeitsreichen Leben entfliehen. Es ist eine traumhafte Gegend, direkt vor den westlichen Ausläufern der Tetons (einer Bergkette in den Rocky Mountains). Mit ihren Nachbarn Dan und Lucy Steiner, einem älteren Ehepaar, das eine Ranch etwa eine Meile entfernt bewohnt, verstehen sie sich von Anfang an. Doch als die Steiners Harry und Sasha über die Besonderheiten des Grundstücks, des Tals, sowie der sie umgebenen Flora und Fauna aufklären, kippt die Stimmung. Harry fühlt sich mächtig veräppelt, als ein uralter Fluch, der auf dem Tal lasten solle, zur Sprache kommt. Er wirft die Steiners, die ihm und seiner Frau einen Haufen Notizen dalassen, daraufhin achtkantig von seinem Grundstück. Die Blakemores nehmen sich die durchaus ernstgemeinten Ratschläge ihrer Nachbarn nicht so recht zu Herzen, tun sie als Unsinn ab und machen sich sogar lustig darüber. Ein Umstand, den sie noch bitter bereuen werden und der sie alle teurer zu stehen kommen soll.

Den immersiven Mystery-Horror-Thriller "Old Country – Das Böse vergisst nicht", der 2022 im amerikanischen Original unter dem Titel "Old Country" veröffentlicht wurde, umgibt eine subtile, bedrohlich-düstere Aura. Das Brüderpaar Matt und Harrison Query baut seinen 432 Seiten umfassenden Plot über Charakterbeschreibungen, eine komplexe Spannungs- und Bedrohungslage, sowie ein "cozy feeling" mustergültig auf. Die heimelige Erzählweise, der beiden in Colorado geborenen Autoren, sorgt für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen nervenaufreibender Inszenierung und intelligentem Aufbau. Die Perspektiven, die kapitelweise zwischen Harrys und Sashas Blickwinkel hin und her wechseln, sind in der Ich-Form verfasst. Sie lassen die Erzählung menschlich, authentisch, lebendig und eingängig erscheinen. Auch der ausführlich und empathisch beschriebene Background der beiden Hauptprotagonisten, sowie deren Charakterdarstellungen untermalen die sogähnliche Atmosphäre, die dieser kurzweilige Horrorroman zu verströmen vermag.

Harry und Sasha Blakemore fragen sich durchaus, warum ihnen ihre Nachbarn solch einen ausgemachten Blödsinn über einen Fluch und die verschiedenartigen Manifestationen eines Geistes weismachen wollen. Und obwohl die skurrilen Anweisungen der Steiners, wie darauf zu reagieren sei, in ihren Ohren mehr als nur lächerlich klingen, kriecht allmählich die Angst tief in sie beide hinein. Als sich dann tatsächlich diverse Erscheinungen manifestieren, die gewissermaßen in Gemetzel, Blut, Knochen, Tod und in weiteren grausamen Konsequenzen ausarten, können die Blakemores die Phänomene mit all ihren Sinnen absorbieren. Doch Harry, der immer ungehaltener reagiert, sieht sich provoziert und beginnt, mit den extraordinären Entitäten zu "spielen", sie herauszufordern und sie zu verhöhnen. Wenn er sich da, mit seinem ungebührlichen und provokanten Verhalten, mal nicht ordentlich in den Finger schneidet!

Als Leser ist man ad hoc in der fesselnden und unheimlichen Geschichte der Gebrüder Query drin. Die relativ detailreich geschilderte Brutalität, die sich stellenweise gegen Tiere richtet, könnte sich für Zartbesaitete durchaus als harter Tobak herausstellen, wirkt sie doch stellenweise regelrecht schockartig. Die Gewaltdarstellungen werden aber nicht vordergründig als Stilmittel oder zur Effekthascherei ausgenutzt und erfüllen lediglich ihren vorgesehenen Zweck, innerhalb der authentischen bis mysteriösen Horrorstory, die phasenweise an Stephen King erinnert. Ich habe mich von dem mitreißend strukturierten Mystery-Horror in jedem Fall astrein unterhalten gefühlt. Matt und Harrison Query haben mit "Old Country" einige extraordinäre und intensive Ideen verarbeitet, die in ihrer weitreichenden Konsequenz regelrecht bösartig sind. Vor lauter Nervenkitzel konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Ein gelungener Horrorroman ganz nach meinem Geschmack!

(Janko)

https://www.instagram.com/harrisonquery

Brutalität/Gewalt: 56/100
Spannung: 81/100
Action: 79/100
Unterhaltung: 89/100
Anspruch: 23/100
Atmosphäre: 80/100
Humor: 06/100
Sex/Obszönität: 05/100

LACK OF LIES - Wertung: 87/100

Matt Query, Harrison Query - Old Country – Das Böse vergisst nicht
Heyne Verlag
Horror
ISBN: 978-3-453-32231-8
432 Seiten
Paperback, Klappenbroschur
Originaltitel: Old Country
Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Pfingstl
Erscheinungstermin: 15.02.2023
EUR 15,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-641-29362-8
Erscheinungstermin: 01.02.2023
EUR 11,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Old Country – Das Böse vergisst nicht" beim Heyne Verlag: https://www.penguinrandomhouse.de/Paperback/Old-Country-Das-Boese-vergisst-nicht/Matt-Query/Heyne/e589171.rhd

Leseprobe: https://www.penguinrandomhouse.de/leseprobe/Old-Country-Das-Boese-vergisst-nicht/leseprobe_9783453322318.pdf

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Veröffentlicht am 14.08.2024

Stephen King - Ihr wollt es dunkler

Ihr wollt es dunkler
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Stephen King - Ihr wollt es dunkler
(Heyne Verlag)

- Horroranthologie aus zwölf düsteren Kurzgeschichten -

Wenn man als Fan der ersten Stunde, das erste Mal ein frisches Werk des 1947 in Portland geborenen ...

Stephen King - Ihr wollt es dunkler
(Heyne Verlag)

- Horroranthologie aus zwölf düsteren Kurzgeschichten -

Wenn man als Fan der ersten Stunde, das erste Mal ein frisches Werk des 1947 in Portland geborenen Schriftsteller Stephen King in den Händen hält, bekommt man immer diesen ganz speziellen Chill voller Aufregung und Spannung, der einem eiskalt den Rücken herauf und herunterläuft. Der King of Horror schafft es immer wieder eine große Vorfreude in mir hervorzurufen, die ich nun nicht länger bändigen kann. Die 736 Seiten umfassende Horroranthologie "Ihr wollt es dunkler", die im Mai 2024 im amerikanischen Original unter dem Titel "You like it darker" erschien, beinhaltet zwölf düstere Kurzgeschichten, in die der geneigte Leser direkt einzutauchen vermag. Obschon Kurzgeschichten in der Regel nicht so mein Fall sind, mache ich bei dem Meistererzähler Stephen King gerne eine Ausnahme.

1. Die erste Novelle "Zwei begabte Burschen" ist eine ansprechende und spannende Mixtur aus Familien-, Fantasy-, Abenteuer- und SciFi-Geschichte. Sie spielt in und um die fiktive Ortschaft Castle Rock, einer im Stephen King-Universum häufig auftauchenden Kleinstadt in Maine, in der das Unheil herrscht. Die Story handelt von den beiden langjährigen und mittlerweile verstorbenen Freunden Laird Carmody und David "Butch" LaVerdiere. Noch auf dem Sterbebett überreichte der erfolgreiche Bestsellerautor Laird seinem Sohn Mark einen Schlüssel zu einer Schublade seines Schreibtischs, in dem sich ein Spiralnotizbuch mit einer unglaublichen Geschichte verbirgt. Einer unglaublichen Geschichte, die sich vor über vierzig Jahren im 30-Meilen-Wald des Castle County ereignete und welche zum nachhaltigen Erfolg der beiden damaligen Mittvierziger, in ihren jeweiligen Metiers führte.

2. "Der fünfte Schritt" beschreibt einen Anonymen Alkoholiker, der im New Yorker Central Park, dem etwas widerwillig zuhörenden Ruheständler Harold Jamieson, sein Herz ausschüttet. Der Mann, der sich Jack nennt, hat jedoch ein unangenehmes Geheimnis, das Harolds Leben grundlegend verändern wird. "Der fünfte Schritt" ist eine kurzweilige Geschichte, die sich für Harolds Leben so einschneidend gestaltet, wie für den Leser nach 13 gelesenen Seiten.

3. "Willie der Wirrkopf" ist ein moderner Nachtmahr, der von einem sonderbaren Jungen berichtet, der vom Tod fasziniert ist. Willie der Wirrkopf hört sich gerne die erfundenen, oftmals blutigen Geschichten seines Großvaters James an. Als dieser im Sterben liegt, weicht ihm Willie nicht mehr von der Seite.

4. "Danny Coughlins böser Traum" ist, mit seinen über 220 Seiten der längste Trip der Anthologie und meine Lieblingsgeschichte aus "Ihr wollt es dunkler". Der 36-jährige Daniel M. Coughlin, Hausmeister einer Schule im ländlichen Kansas, hat wiederkehrende Albträume von einer Tankstelle, die ein böses Geheimnis birgt. Als er die Hilltop Texaco Tankstelle in Gunnel, Dart County googelt, wird er fündig. Ein exakt gleiches Bild, wie in seinen Traum taucht auf. Jetzt will es Danny wissen und inspiziert die Tankstelle vor Ort. Da sein Traum der Realität standhält, ruft er anonym die Polizei, die ihm jedoch alsbald auf den Fersen ist, um ihn zu dem Vorfall und seiner telefonischen Meldung zu befragen. Somit bringt sich Danny, unschuldig wie er ist, in eine prekäre Situation, die ihn und sein gesamtes bisheriges Leben, systematisch und nachhaltig wie einen Strudel in den Abgrund zu ziehen droht. Für den Schulhausmeister Daniel Coughlin beginnt ein investigativer Höllenritt, angeleitet von den beiden KIB-Inspectors (Kansas Bureau of Investigation) Franklin Jalbert, der unter einer Zwangsneurose leidet und für den die Ermittlungen zu einer Art Obsession geraten, sowie seiner Kollegin Ella Davis. Ein durchgehend starkes Storyboard, das vor Hochspannung zu bersten droht.

5. Aus dem anschließenden "Finn" ergibt sich ein skurriler und brutaler Entführungsfall. Finn ist, im wahrsten Sinne des Wortes, seit seiner Geburt der geborene Pechvogel und so gerät er durch eine fatale Verwechslung in die Fänge einer bizarren Truppe.

6. "Auf der Slide Inn Road", einer ausgewaschenen Schotterpiste, geraten Frank Brown, seine Frau Corinne, ihre beiden Kinder Billy und Mary, sowie ihr Großvater Donald, mit seinem alten Buick Kombi, in einen Graben. Sie sind jedoch nicht die einzigen Personen mit einer Panne. Galen Prentices und Pete Smiths Fahrzeug hat einen Platten und steht neben dem abgebrannten "Slide Inn" Hotel, in dessen Kellerloch Billy etwas sieht, was ihm besser nicht zu Augen gekommen wäre. Nun sitz die ganze Familie Brown tief in der Patsche.

7. "Das rote Display" verrät, welche Person von einer außerirdischen Entität eingenommen wurde. Das erfährt Detective Wilson von Leonard "Lennie" Crocker, der kürzlich ein schweres Verbrechen begangen hat.

8. "Ein Fachmann für Turbulenzen" wird benötigt, um ein Flugzeug in schweren, unerwarteten Turbulenzen sicher durch die Gefahrenzone zu bringen.

9. "Laurie" ist eine kleine Welpenhündin, die den 65 Jahre alten Witwer Lloyd Sunderland gesund und fit hält. Als er wie so oft mit Laurie den Sechs-Meilen-Steg zum Fish House entlang spaziert, machen sie beide eine furchtbare Entdeckung, die ihnen beiden beinahe das Leben kostet.

10. "Klapperschlangen" ist eine Art Sequel vom 1981 im Original erschienenen Horror-Thriller-Roman "Cujo", zumindest was den, indes 72 Jahre alten Victor "Vic" Trenton angeht. Als selbiger vorübergehend das Haus seines Freundes Greg Ackerman auf der Insel Rattlesnake Key bezieht, macht er Bekanntschaft mit der schrulligen und nicht minder alten Nachbarin Alita Bell. Selbige fährt seit Urzeiten mit einem leeren Zwillingskinderwagen herum, in dem ihrer Meinung nach ihre, vor über 40 Jahren verstorbenen Söhne Jake und Joe sitzen. Kurz nachdem Vic die Zwillinge in seinen Träumen und Visionen sieht, kommt es zu einer Aneinanderreihung merkwürdiger Begebenheiten und übernatürlicher Visitationen, die Vic in den Wahnsinn zu treiben scheinen.

11. Der 24-jährige Ich-Erzähler in "Die Träumenden", Mr. William "Bill" Davis, ist nach seinem Einsatz in Vietnam und seiner anschließenden Übergangszeit bei der Zeitarbeitsfirma Temp-O, auf der Suche nach beruflicher Abwechslung und bewirbt sich auf eine Anzeige hin als Stenograf. Sein neuer Arbeitgeber, der Privatgelehrte Mr. Elgin will mit seiner experimentellen Forschung Neuland betreten. Er will gar die Welt verändern. Dass diese Experimente letztlich völlig aus dem Ruder laufen, ist so klar wie frischer Tau auf Gras am Morgen.

12. "Der Antwortmann" ist die Lebensgeschichte des Anwalts Phil Parker, seiner Frau Sally Ann und ihres gemeinsamen Sohnes Jacob. Als Phil dem Antwortmann zum ersten Mal in seinem Leben begegnet, ist er verblüfft über dessen treffsichere Antworten. Was Phils Familie nach dem zweiten Aufeinandertreffen widerfährt, ist nachgerade erschütternd. Das dritte Aufeinandertreffen wird sein letztes sein.

In seiner neuen Kurzgeschichtensammlung "Ihr wollt es dunkler" beschwört der US-amerikanische Bestsellerautor Stephen King von der ersten Zeile an eine heimelige Stimmung herauf. Sein einzigartiger Erzählstil und seine fabelhaft ausstaffierten, wie inszenierten Einleitungen bieten den cleveren Szenarien, die zumeist im Amerika zu Zeiten von Corona und kurz danach spielen, viel Raum für Spannung und Spekulation. Stephen King ist eben ein grandioser Erzähler mit blühender Fantasie, der um seine schaurigen Geschichten mit unglaublicher Leichtigkeit, ein realistisches Umfeld aufbaut, sodass man sie tatsächlich für wahr halten könnte. So handelt "Ihr wollt es dunkler" unter anderem von dankbaren Aliens, durchgeknallten, schrägen Typen, geistesgestörten Ermittlern, bizarren Entführern, skrupellosen Mördern und Banditen, hungrigen Reptilien, toten Kindern, durchgeknallten Forschern und transzendenten Orakeln. Dabei wirft der Meister schon mal wie zufällig eingeworfene, belanglose Anekdoten und Hintergrundinformationen in den literarischen Raum, die seinen Protagonisten Leben einhauchen und an denen sich seine Fans begierig statt fressen können. Für jene Klientel, die von seinen letzten Werken eher enttäuscht war, wird auch "Ihr wollt es dunkler" keinerlei Erlösung in Aussicht stellen. Für seine Fans jedoch (zu denen auch ich mich zählen darf) erzeugt die 12-teilige Anthologie von den ersten Zeilen an, ein cozy Horror-Fantasy-Abenteuer-Feeling in mehr oder minder behaglicher Atmosphäre. Stephen King, der mit seiner Frau Tabitha in Bangor, Maine lebt und eine Tochter (Naomi King), sowie zwei Söhne (Joe Hill und Owen King) hat, spielt einmal mehr, auf subtile Weise mit den Gefühlen seiner Leser. Einfach klasse bis grandios!!!

Am besten gefallen haben mir in dieser Reihenfolge: "Danny Coughlins böser Traum"; "Zwei begabte Burschen"; "Auf der Slide Inn Road"; "Klapperschlangen"; und "Die Träumenden"

(Janko)

https://stephenking.com/

Brutalität/Gewalt: 48/100
Spannung: 78/100
Action: 57/100
Unterhaltung: 87/100
Anspruch: 40/100
Atmosphäre: 75/100
Emotion: 49/100
Humor: 12/100
Sex/Obszönität: 14/100

LACK OF LIES - Wertung: 85/100

LACK OF LIES - Altersempfehlung: ab 16 Jahren (aufgrund der allgemeinen Thematiken und der Länge des Werkes)

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Veröffentlicht am 08.05.2024

- harter, investigativer und packender Krimi/Thriller mit Know-how und Verstand -

Bad Axe County
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John Galligan - Bad Axe County
(Polar Verlag)

- harter, investigativer und packender Krimi/Thriller mit Know-how und Verstand -

April 2016, in einem vergessenen Landstrich Wisconsins. Als der Sheriff ...

John Galligan - Bad Axe County
(Polar Verlag)

- harter, investigativer und packender Krimi/Thriller mit Know-how und Verstand -

April 2016, in einem vergessenen Landstrich Wisconsins. Als der Sheriff des Bad Axe Countys, Raymond Gibbs eines natürlichen Todes verstirbt, sucht der Rat des Countys einen Interims-Sheriff. Dieser ist im ehemaligen Deputy Heidi Kick schnell gefunden. War sie es doch, die den Mörder Horst Zimmer hochgenommen hat. Viele Deputys, allen voran der 60 Jahre alte Chief Deputy Elvin "Boog" Lund, dem man den Titel des Sheriffs ein paar Tage nach Gibbs Tod wieder abnahm, um ihn kurzerhand an Interims-Sheriff Heidi Kick weiterzugeben, bekunden offen ihre Abneigung gegen einen weiblichen Sheriff. Denn anders als Raymond Gibbs, der gerne mal wegschaute, in die eigene Tasche wirtschaftete oder als indirekter Sponsor von Sex-Partys auftrat, stellt sich Heidi Kick als das genaue Gegenteil und somit als Gefahr für diesen, von Männern dominierten Verwaltungsbezirk dar. Auch Angus Beavers geht der Arsch auf Grundeis, hat sein Dad doch eine Leiche in der Tiefkühltruhe, in der alten Wellblechbaracke im Good Old Bad Axe County. Drum kehrt er aus Jacksonville in seine alte Heimat Wisconsin zurück. Während ein Eissturm aufzieht, lassen die Leute im Ease Inn, beim Veteranen-Treffen oder bei der illegalen Sex-Party in der alten Faulkner-Farm die Sau raus. Unterdessen wird Walt Beavers, ehemaliger Coach der "Bad Axe Rattlers", dem hiesigen Baseballteam, das zu jener Zeit bis auf Heidis Ehemann Harley Kick und das auf der Bank verrottende Naturtalent Angus Beavers, ausschließlich mit Losern besetzt war, in seinem schäbigen Zuhause überfallen und beinahe totgeschlagen. Als Interims-Sheriff Heidi Kick hinzustößt, geht es ihr massiv an den Kragen.

John Galligans, 2019 im Original, ebenfalls unter dem Titel "Bad Axe County" erschienener, investigativer und gewaltbereiter Krimi/Thriller, bietet ein absichtlich leicht verwirrendes, mit subtilem Humor unterfüttertes Storyboard, in einer typisch Ami-like ausgeschmückten, kleinbürgerlichen "Idylle". Im fiktiven Bad Axe County, in der sich die Bewohner alles andere als grün sind, erschließt sich dem Leser, eine weitreichende Aneinanderreihung unfassbarer Verbrechen. Die nasskalte Atmosphäre aus Regen, Schnee, Eis und Überflutungen, die kaputten Typen, die widrigen Umstände, die permanente Gefahr, die unsäglichen Abartigkeiten, die verdammte Heuchelei, die bösartige Wurzeln austreibende Missgunst und mittendrin, nachdenklich bis zur Selbstaufgabe, Interims-Sheriff Heidi Kick. Die 29 Jahre alte, dreifache Mutter ist eine toughe Frau, die nicht auf den Mund gefallen, dafür aber äußerst gewieft und verdammt hart im Nehmen ist. Sehr zum Missfallen vieler Einwohner des Countys, sowie nahezu des gesamten Baseballteams, jagt Heidi Kick Geistern aus der Vergangenheit hinterher. Ein haushoch verlorenes, peinliches bis demütigendes Baseballspiel gegen die Dells vier Jahre zuvor, welches in einem Tumult endete, eine ausufernde Party, sowie ein totes Mädchen auf der Ladefläche von Walt Beavers Pick-up, sind die Aufhänger der Story. Daneben versucht Heidi herauszufinden, wer ihre Eltern auf dem Gewissen hat, denn der offiziellen Version, ihr Vater habe zwölf Jahre zuvor erst ihre Mutter und dann sich selbst gerichtet, kann und will sie keinesfalls Glauben schenken.

Dann ist da noch die minderjährige Stripperin und Prostituierte Pepper Greengrass, samt ihrem Zuhälter, dem Ex-Knacki Dale Hills. Die 16-jährige Pepper muss Geld verdienen, um zu ihrer Schwester nach Hungry Horse zu gelangen und dafür macht sie wirklich erschreckend viel. Interims-Sheriff Heidi Kick will ihr helfen, doch auch bei diesem Thema rennt sie gegen eine Mauer des Schweigens an. Heidi hat durchaus Verbündete, die ihr wohlgesonnen gegenüberstehen. Sogar in den eigenen Reihen. Die Meisten zeigen jedoch offen ihre unverhohlene Abneigung gegen die junge Polizistin. Alleine schon das demütigende Verhalten von Deputy Boog Lund spricht Bände. Die risikobereite, um nicht zu sagen leichtsinnige Heidi Kick, erhält jedoch Hilfe von unerwarteter Seite. Die Suche nach der verschwundenen Pepper Greengrass gerät für die junge Polizistin unterdessen jedoch allmählich zur Obsession und sie fragt sich immer wieder, auf welche Weise ihr Ehemann Harley Kick eigentlich in die ganzen üblen Angelegenheiten verstrickt ist? Wie bereits erwähnt, kann "Bad Axe County", aufgrund seiner Komplexität, seines sprunghaften Erzählstils, seiner zahlreichen Handlungsstränge und der massenhaft eingeworfenen Namen, durchaus eine Herausforderung darstellen. Gefühlt lernt man nämlich die gesamte Kleinstadt kennen. Da muss man schon an Ball bleiben. Es lohnt sich aber allemal, denn nach und nach entspinnt sich ein ausgeklügelt arrangierter, intelligenter und komplex ausgearbeiteter literarischer Trip, aus Lügen, Rache, Vertuschung, (sexualisierter) Gewalt, Missbrauch, Elend, Mobbing, Betrug, Klüngel, falschen Beschuldigungen, Geldwäsche, Menschenhandel und tief sitzendem Hass, der wahrlich seinesgleichen sucht.

Mich hat das, wie im Laufschritt erzählte, unmoralische, bewegende und adrenalingeschwängerte "Bad Axe County", mit seiner lebendigen Beschreibung der Geschehnisse und des Milieus, direkt abgeholt und megamäßig fasziniert. Auch die grandiose Übersetzung von Kathrin Bielfeldt ist definitiv gelungen und geht von Anfang an auf. Sie behält den ursprünglichen Charakter, den Charme und die Seele der Geschichte bei, ohne selbige auch nur im Geringsten zu entfremden. In seiner Einfachheit wortgewandt und durch ein paar humoristische Einwürfe, lockert der aus Madison, Wisconsin stammende John Galligan, seinen schockierenden und gewalttätigen Krimi/Thriller immer wieder auf. Dabei sind die harten und endgültigen Zusammenhänge erschreckend klug und tiefgehend ausgearbeitet, denn urplötzlich greifen alle Geschehnisse ineinander, wie Ebbe und Flut. Da bleibt einem nur zu hoffen, dass der Polar Verlag noch die weiteren, bereits erschienenen Werke dieser grandiosen Reihe, wie den zweiten Teil "Dead Man Dancing" (2020), den dritten Teil "Bad Moon Rising" (2021) und den vierten Teil "Bad Day Breaking" (2022), möglichst von Kathrin Bielfeldt, übersetzen lässt.

(Janko)

https://www.johngalligan.com
https://www.facebook.com/JohnGalliganAuthor/

Brutalität/Gewalt: 70/100
Spannung: 91/100
Action: 86/100
Unterhaltung: 97/100
Anspruch: 62/100
Atmosphäre: 85/100
Emotion: 84/100
Humor: 20/100
Sex/Obszönität: 44/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Wertung: 93/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Altersempfehlung: ab 18 Jahren (aufgrund des allgemeinen Verständnisses, der vulgären Sprache, der sexuellen Handlungen und der Gewalt)

John Galligan - Bad Axe County
Polar Verlag
Kriminalroman
ISBN: 978-3-948392-94-9
432 Seiten
Taschenbuch
Originaltitel: Bad Axe County (2019)
Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Bielfeldt
Erscheinungstermin: 18.03.2024
EUR 17,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-948-39295-6
Erscheinungstermin: 15.03.2024
EUR 11,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Bad Axe County" beim Polar Verlag: https://polar-verlag.de/produkt/john-galligan-bad-axe-county/

Leseprobe: https://www.book2look.com/book/9783948392949

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Veröffentlicht am 25.04.2024

Kiko Amat - Revanche

Revanche
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Kiko Amat - Revanche
(btb Verlag)

- Milieustudie und Familiendrama so gewalttätig wie ein Grizzly auf PCP -

Du bist Amador. Fran Amador. Vize-Capo der Lokos. Einer Gruppe hochkrimineller, psychisch gestörter ...

Kiko Amat - Revanche
(btb Verlag)

- Milieustudie und Familiendrama so gewalttätig wie ein Grizzly auf PCP -

Du bist Amador. Fran Amador. Vize-Capo der Lokos. Einer Gruppe hochkrimineller, psychisch gestörter Hooligans und skrupelloser, gewaltliebender Anhänger des FC Barcelona. Bekannt für Drogen- und Immobilienhandel, Gewaltdelikte und Schutzgelderpressung im ganz großen Stil, deren Alltag sich aus Gegner klatschen, Territorien gegen fremde Dealer verteidigen und Warnungen erteilen zusammensetzt. Ähnlich den Narcos in Südamerika. Mit Fußball hat das ganze wenig zu tun. 1972 geboren und aufgewachsen Mitten im Elend einer kaputten Welt, bist du indes ein wenig in die Jahre gekommen, pflegst aber nach wie vor deine Neigung zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen. Du bewahrst ein Geheimnis, das deinen Tod bedeuten würde und sitzt mit deinem Capo Alberto Cid, genannt "El Cid", Diego Sáez, sowie Mikrobe vor einem Hotel in einem Auto und beobachtest einen Typen mit zwei Grazien. Einen Typen, der euch euer Geschäft streitig machen will. Alles, was ihr davon haltet, landet in seinem Gesicht. Ihr nehmt ihn mit, in eine verlassene Lagerhalle. Er ist gefesselt, bewusstlos, blutet. Du sägst an seinem Daumen. Er wacht wieder auf, verliert erneut das Bewusstsein und in dem Moment auch seinen Daumen.

Der spanische Schriftsteller und Journalist Kiko Amat (eigentlich Francisco de Asís Amat Romeu) nutzt seinen eigenen Slang, mit einem selbst erfundenen Wortschatz, den er Lokoslingo nennt und der innen auf der Umschlagseite seines neuesten Werkes übersetzt ist. Es sind allerdings nur ein paar vereinzelte Wörter. Überhaupt pflegt der, 1971 in Sant Boi de Llobregat, in der Provinz Barcelona geborene Allrounder einen, von subtilem Sarkasmus getriebenen, schmutzigen, kaputten, asozialen, rauen, vulgären, verschlagenen und obszönen Umgangston, der nach Körperverletzung, Sexismus, Vandalismus und Vergeltung schreit. Explizit und endgültig. Amats Sprache ist ungemütlich wie eine Backpfeife, trotz des "Slangs" aber leicht verständlich. Ein Beispiel gefällig? Here We go:

"Ganz vorn stehen ein paar fröstelnde Engländerinnen mit winzigen Klodagefetzen, die wie durch ein Wunder ihre Ausscheidungsorgane und Brustwarzen bedecken." Zitat S. 99 (Klodagefetzen = Kleidungsstücke)

César Beltrán, einstmals große Hoffnung seines Rugby-Clubs, ist Auftragskiller. Das führt den Problemlöser zu einem Vergewaltiger. Er liest ihm die Anklagepunkte vor und bestraft ihn anschließend mit einem Hammer. Einen Pädophilen erdrosselt er und wirft ihn aus dem siebten Stock. Als seine 49 Jahre alte, Alkohol und Drogen nicht abgeneigte Schwester Paloma und deren 15-jährige, fast komplett taube Tochter Lucía bedroht werden, nimmt César den bockigen Teenager vorübergehend bei sich auf. Von seinem Auftraggeber Fundador will er Informationen über einen Kerl namens Diego Sáez. Diego Sáez war der Ex seiner Schwester Paloma. Er ist bei den Lokos und hat ihnen eine Menge Geld entwendet. Die Lokos, die jede noch so kleine Provokation von außen zum Anlass nehmen, ein Exempel zu statuieren, einen Gewaltexzess vom Zaun zu brechen oder einfach mal Dampf abzulassen, wollen von Césars Schwester wissen, wo Diego steckt. Paloma wird dabei schwer gebeutelt und mehrfach in die Mangel genommen. Hier schließt sich der Kreis. Eine Spirale aus anschwellender Gewalt entbrennt, beginnt sich schneller und schneller zu drehen, um so manches blutverschmiertes, verstümmeltes und gefoltertes Opfer achtlos in die Gosse zu rotzen. Bis eine Grenze überschritten wird, César auf Amador trifft und die beiden Psychopathen ihre ohnehin hanebüchene Prinzipien über Bord werfen.

"Er war dem Alkohol ausgeliefert. Wie ein Hundewelpe seine Lumpenpuppe malträtiert, durch die Gegend schleift und dann irgendwo fallen lässt, so tat es der Schnaps mit dem wehrlosen Körper des Franzosen." (Zitat S. 263)

"Wie es schien, war dir das Händchen für die Umverteilung von Eigentum in die Wiege gelegt." (Zitat S. 263)

"Revanche" wurde hauptsächlich aus der Sicht von Amador, in der zweiten Person Singular (also in der Du-Form) verfasst. Damit wird der Leser direkt angesprochen und als homosexueller Amador, der acht Jahre lang im Knast saß, Teil des sprunghaften und rasanten Geschehens. Homophob sollte man als Leser also nicht gerade sein. Auch Gewalt gegen Tiere ist ein mehrfach vorkommendes Thema in Kiko Amats gewaltdurchfluteter Milieustudie. Da muss man durch oder man lässt es bleiben! Amats metaphorisch geprägte Peripherie in stakkatohaften Sätzen, mit ihrem melancholischen Unterton voller Gewalt, Tristesse und Sinnlosigkeit, führt den Leser in die frühe Jugend, die zerrütteten, familiären Verhältnisse, die streitenden Eltern, die Armut, die ersten sexuellen Erfahrungen und die prägenden, teils recht skurrilen Geschehnisse welche die einzelnen Protagonisten erlebt haben. Der Weg ist letztlich das Ziel in Kiko Amats derbem Gewaltexzess "Revanche", der sich um die Suche nach Sinn, Identität, Sexualität, Liebe und Zugehörigkeit dreht. Dennoch menschelt es häufig in seiner Verwahrlosung, mit all seinen dazugehörigen Unzulänglichkeiten. Amats unkonventioneller und humorvoller Schreibstil ist nix für Weichflöten. "Revanche" ist rau, unbequem, rüde und unsympathisch. Ein wahrer Dampfhammer von einem Buch!

(Janko)

https://www.instagram.com/amatkiko/

Brutalität/Gewalt: 89/100
Spannung: 52/100
Action: 62/100
Unterhaltung: 91/100
Anspruch: 47/100
Atmosphäre: 69/100
Emotion: 69/100
Humor: 18/100
Sex/Obszönität: 50/100

LACK OF LIES - Wertung: 89/100

LACK OF LIES - Altersempfehlung: ab 21 Jahren (aufgrund der expliziten Gewaltdarstellungen, der sexuellen Handlungen und des allgemeinen Verständnisses)

Kiko Amat - Revanche
btb Verlag
Thriller
ISBN: 978-3-442-77375-6
448 Seiten
Taschenbuch, Broschur
Originaltitel: Revancha (2021)
Aus dem Spanischen von Daniel Müller
Erscheinungstermin: 13.03.2024
EUR 17,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-641-28716-0
Erscheinungstermin: 13.03.2024
EUR 9,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Revanche" beim btb Verlag: https://www.penguinrandomhouse.de/Taschenbuch/Revanche/Kiko-Amat/btb/e617999.rhd

Leseprobe: https://www.penguin.de/leseprobe/Revanche/leseprobe
9783442773756.pdf

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