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Veröffentlicht am 11.09.2024

Herrliche Sprache, interessantes Thema mit ein paar Längen

Die Bilder meines Vaters
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Im Nachwort zu diesem Buch schreibt die Autorin, sie wäre glücklich, wenn die Leser „diesen Roman als Ausgangspunkt nehmen, um mehr über die historischen Personen sowie ihre Zeitgeschichte zu erfahren“. ...

Im Nachwort zu diesem Buch schreibt die Autorin, sie wäre glücklich, wenn die Leser „diesen Roman als Ausgangspunkt nehmen, um mehr über die historischen Personen sowie ihre Zeitgeschichte zu erfahren“. Ich kann jedenfalls für mich vermelden, daß dieses Ansinnen auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Ich wußte vor dem Buch gar nichts über Marie Luise Vogeler oder ihr Familienumfeld, auch wenn mir über Worpswede einiges bekannt ist. Nun habe ich dank Astrid Goltz eine Reise in eine für mich ungewohnte, anschaulich geschilderte Welt gemacht. Marie Luise Vogelers Leben wird sehr stark durch ihren Vater und ihren Ehemann definiert – nicht einmal der Titel dieses Buches gehört ihr. Dass es vorwiegend ihre Beziehungen zu anderen sind, die ihre Geschichte ausmachen, lässt sie manchmal etwas blass wirken, führt aber andererseits auch dazu, dass hier viele interessante Perspektiven dargestellt werden.

Marie Luise fungiert in diesem Buch als Ich-Erzählerin im oft genutzten Muster der zwei Zeitebenen. Ihre von Krankheit erfüllten letzten Lebensjahre in Mexiko sind die Rahmenhandlung, vor der sie ihr Leben erzählt. Der Schreibstil ist hervorragend, ich habe ihn sehr genossen. Ich fand es ganz wunderbar, wie gekonnt die Autorin mit Sprache umgeht, und hoffe sehr, daß das nicht ihr letztes Buch sein wird. Unerfreulich fand ich lediglich, daß sie am Anfang, in den Kinderjahren Marie Luises, ganze Unterhaltungen auf Plattdeutsch schreibt. Das geht an manchen Stellen über ganze Seiten und ist für jemanden, der mit diesem Dialekt nicht vertraut ist, äußerst beschwerlich zu lesen und teils schlichtweg nicht verständlich. So sehr ich es befürworte, im Sinne der Authentizität ein wenig Dialekt einzubringen, sollte sich das im Rahmen halten. Hier war es irgendwann so, daß ich diese langen Passagen überspringen mußte, weil ich sie so gut wie unleserlich fand.
Auch die jetzt so beliebten Genderdoppelungen wie „Künstlerinnen und Künstler“ oder „Saarländerinnen und Saarländer“ fand ich wenig angebracht. Ganz abgesehen davon, daß diese die Lesefreundlichkeit beeinträchtigen, sind sie hier nicht authentisch, weil mit der Erzählstimme einer Frau geschrieben wird, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebte, in der solche Doppelungen nicht verwendet wurden. Wenn als Ich-Erzählerin geschrieben wird, dann sollte das auch stimmig sein.
Ganz wundervoll fand ich dagegen das stetige Einweben von Farben in den Text. Das ist herrlich authentisch und erinnert uns daran, daß Marie Luise als Malerin die Welt in Farben sah, auf Farben achtete, auch paßt es ausgezeichnet zum Titel und Motiv des Buches. Es wirkt völlig natürlich, wie diese Farben immer wieder Eingang in den Text finden und ich hatte beim Lesen viel Freude daran.

Das Erzähltempo ist gemischt. Die erste Hälfte fand ich teilweise ziemlich langatmig, was vor allem an den ausführlichen Kindheitserlebnissen mit allerlei Spielen, den o.e. Unterhaltungen auf Platt und vielen berichteten Details lag, die ich für das Gesamtbild nicht notwendig fand. Im Nachwort las ich dann, daß die meisten dieser Aspekte von der Autorin erfunden wurden. Sie erklärt im Nachwort gut, was belegbare Informationen sind; was zwar nicht explizit belegt, aber schlüssig ist, und was reine Erfindung von ihr ist. Hier war ich teilweise etwas befremdet. So hat Marie Luise im Buch eine Fehlgeburt, die sich im Nachwort als fiktiv herausstellt. Das überschreitet bei einer Romanbiographie über eine tatsächliche Person für mich persönlich die Grenzen.
Auch wird allerlei Mystisches in den Romantext verwebt. Beim Lesen irritierte es mich, daß Marie Luise häufiger von ihren Konversationen mit Katzen berichtete. Im Nachwort stellte sich heraus, daß es keine liebenswerte Marotte der tatsächlichen Marie Luise war, sondern ebenfalls reine Erfindung, um „die magische Seite ihrer Kindheit sowie ihre Imaginationskraft“ zu betonen. Das hätte man gerade in einem künstlerischen Haushalt doch etwas weniger überspannt und für die Leser nachvollziehbarer lösen können.
Recherchiert wurde allerdings insgesamt ganz ausgezeichnet, auch das erkennt man sowohl am Nachwort wie auch an der umfangreichen Quellenangabe. Einiges habe ich schon im Internet nachgelesen und stellte fest, wie farbig und gut die Ereignisse im Roman berichtet werden. Man lernt durch die Lektüre auf unterhaltsame Weise eine ganze Menge und man bekommt durch die hervorragende Sprache einen gelungenen Einblick in die Welt der Künstler, der Kommunisten, der Emigranten. Marie Luises Krankheit wird gerade zum Ende hin sehr eindringlich und berührend geschildert. Ganz zum Schluss finden sich dann noch einige Fotos von Marie Luise, was mir gut gefiel.

Insgesamt kann das Buch gerade durch die Sprache und das ungewöhnliche Sujet überzeugen – es gibt unzählige Bücher über deutsche Schicksale in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber die Kombination aus den hier geschilderten Themen, zudem mit wahrem Hintergrund, findet sich eher selten und eröffnet interessante Blickwinkel.

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Veröffentlicht am 01.07.2024

Unterhaltsamer Krimi, von dem ich mir mehr Tiefe erwartet hatte

Im Kopf des Bösen - Ken und Barbie
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Auf dieses Buch kam ich wegen meines großen Interesses an dem Homolka-Bernardo-Fall, der hier als Inspiration genommen wurde. Der tatsächliche damalige Fall dient als Grundlage für diesen fiktiven Roman ...

Auf dieses Buch kam ich wegen meines großen Interesses an dem Homolka-Bernardo-Fall, der hier als Inspiration genommen wurde. Der tatsächliche damalige Fall dient als Grundlage für diesen fiktiven Roman und es wird aufgezeigt, wie er in heutiger Zeit und mit heutigen Mitteln hätte gelöst werden können. Das ist ein origineller und spannender Ansatz, auch machte mich die Mitarbeit von Axel Petermann, den ich aus mehreren Dokumentationen kenne und schätze, neugierig.

Das recht kurze Buch steigt gleich erfreulich ins Geschehen ein, hält dieses dann aber erst einmal durch zwei lange erklärende Einschübe von je einer Seite auf, so daß ich den Einstieg nicht wirklich flüssig fand. Zudem bekommt die Ermittlerin Sophie sehr viel Raum, was gerade in der ersten Hälfte zu Lasten des Erzähltempos und Falls geht. Nachdem es lange Mode war, Krimiermittler mit allerlei Traumata auszustatten, scheint es jetzt in Mode zu kommen, Ermittler mit psychologischen Besonderheiten/Fähigkeiten als Protagonisten zu nehmen. Ich fühlte mich hier in mancherlei Hinsicht an die Bücher von Max Seeck erinnert – auch den ererbten Reichtum haben beide Protagonistinnen. Sophie ist Autistin, hat zudem noch ein Kindheitstrauma und den erwähnten Reichtum, welcher für die Handlung völlig bedeutungslos ist und auf mich etwas wahllos hineingeworfen wirkte. Ihr Autismus dominiert viele Szenen, schon weil ihre diesbzgl. Fähigkeiten ihr bei der Arbeit als Profilerin dienlich sind, ihr andere Autismus-Aspekte aber viele Situationen schwieriger gestalten. Es gibt darüber hinaus mehrere ausführliche Szenen, die ausschließlich dazu dienen, Sophies Autismus darzustellen. Diese unterbrachen leider den Handlungsfluss, waren sehr detailverliebt und wiederholten sich inhaltlich außerdem ziemlich. Zwei Fakten zu Sophie (ihr eidetisches Gedächtnis und ihre Abneigung, aus Gläsern zu trinken) werden uns mehrfach fast wortgleich mitgeteilt, auch sonst fielen mir häufiger Wiederholungen auf.

Nachdem ich von der ersten Hälfte des Buches also eher enttäuscht war, weil es wesentlich mehr um Sophie als um die Ermittlungen ging, nimmt die Handlung dann endlich Fahrt auf und wird richtig gut. Der Schreibstil ist flüssig, ein wenig störte mich abgesehen von den Wiederholungen die Tendenz, das „show, don’t tell“ etwas zu vernachlässigen. Gesichtsausdrücke, Stimmungen, einfache Schlussfolgerungen etc. wurden den Lesern oft erklärt anstatt gezeigt, manchmal gezeigt und zusätzlich erklärt. Erfreulich fand ich dagegen, daß Hintergrundinformationen gut eingebunden werden. Es gibt kein Infodumping, sondern es ist immer nachvollziehbar, wenn Hintergründe in einem Dialog zur Sprache kommen oder Ermittlungsmethoden erklärt werden. Eine ausgezeichnete Szene, in der Sophie in bester Sherlock-Holmes-Manier einem Kollegen zeigt, was sie durch reine Beobachtungen und Schlussfolgerungen alles über ihn weiß, erläutert das Prinzip des Profiling handfest und nachvollziehbar.

Auch die Ermittlungen werden gut geschildert. Es gibt keine hanebüchenen Zufälle oder übertriebene Schockeffekte. Es wird ganz klassisch ermittelt, mit logisch nachvollziehbaren Schlussfolgerungen und realistischer Darstellung. Auch die Gespräche mit Zeugen oder Verwandten sind realistisch und farbig geschildert – man sieht die Szenen vor sich. Das Grausige der Tat wird uns ohne blutrünstige Schilderungen vermittelt – wir erfahren einige Szenen aus Sicht eines der Opfer. Diese Szenen sind ausgezeichnet, sie zeigen sowohl die absolute Menschenverachtung der Täter wie auch die Ausweglosigkeit und das Grauen, in welchen sich das Opfer befindet. Es sind äußerst beklemmende Szenen mit tiefdunklen Einblicken.

Der letzte Teil bringt manch überraschende Wendung und kommt erfreulicherweise ohne langgezogenen Showdown aus (leider dafür nicht ohne das überbenutzte und enervierende Klischee der Romanze zwischen Ermittlern). Dann endet die Geschichte leider sehr abrupt. Tiefere Einblicke in das Täterpaar erhalten wir überraschenderweise kaum, ihre Gedankenwelt und Beziehung wird im Buch sehr rasch abgehandelt, was insbesondere angesichts der extrem ausführlichen Beschreibung von Sophies Psyche erstaunlich und enttäuschend ist. Ein Nachwort schildert den echten Fall und zeigt auf, was im Krimi verändert wurde und was übereinstimmt – der echte Fall ist sehr nah dran, trotzdem finde ich den Begriff „True Crime“ angesichts der Gestaltung eher vollmundig, denn wir bekommen kein True Crime, sondern einen fiktiven Krimi, der von einem True-Crime-Fall inspiriert ist. Letztlich ließ mich das Buch etwas enttäuscht zurück. Vielleicht habe ich mit dem Namen Petermann zu hohe Erwartungen verknüpft. Der besondere Tiefgang, den ich gerade hinsichtlich der Psyche und des Zusammenspiels des Täterpaares erwartet hatte und der hier ein Alleinstellungsmerkmal hätte darstellen können, fehlt leider (denn auch von echten Fällen inspirierte Krimis gibt es mehrere). Meines Erachtens hätte der Fokus mehr von Sophie weggenommen und dem Täterpaar gewidmet werden können. Das Buch bietet interessante Einblicke in Ermittlungstechniken und Profiling – das machen andere Romane allerdings auch, und dies teilweise mit mehr Tiefe. „Im Kopf des Bösen“ bietet letztlich überwiegend konventionelle Krimiunterhaltung mit den bekannten und oft verwendeten Elementen des Genres. Diese ist gut erzählt und punktet durch Realismus sowie die Profilerelemente.

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Veröffentlicht am 22.06.2024

Etwas betont zeitgeistig verfasstes Buch für Neuanleger

Aktien-Life-Balance
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In „Aktien Life Balance“ gibt Lisa Osada einen für Börsenanfänger hilfreichen und praxisnahen Überblick über das Investieren in Aktien, Fonds und ETFs. Sie verwebt diesen sehr stark mit ihrer eigenen Geschichte ...

In „Aktien Life Balance“ gibt Lisa Osada einen für Börsenanfänger hilfreichen und praxisnahen Überblick über das Investieren in Aktien, Fonds und ETFs. Sie verwebt diesen sehr stark mit ihrer eigenen Geschichte und ihren Erfahrungen, was sympathisch wirkt und die Inhalte weniger abstrakt macht, was gerade bei diesem Thema nützlich sein kann.

Von der Erscheinung des Buches war ich ein wenig enttäuscht, denn sowohl Papier wie auch visuelle Gestaltung wirken nicht sonderlich hochwertig. Allerdings ist der Preis für ein Sachbuch relativ moderat, so dass das Verhältnis passt. Trotzdem hätte es nicht geschadet, bei den Abbildungen etwas mehr Sorgfalt walten zu lassen. Es sind einige dabei, die Schrift beinhalten, und diese ist so winzig, dass ich – mit wohlgemerkt perfekter Sehkraft – diese kaum entziffern kann. Negativstes Beispiel ist hier auf Seite 78 eine Abbildung der Klassifizierungsstandards, bei der die Beschriftungen in den gräulichen Feldern keinen guten Kontrast bilden und zudem noch sehr klein sind. Wenn Beschriftungen vorhanden sind, sollte man sie ohne Mühe lesen können. Insgesamt hätte ich mir von der Gestaltung etwas mehr Wertigkeit erwartet.

Vom Stil her ist das Buch leicht lesbar und die Autorin gibt sich viel Mühe, komplexe Sachverhalte und Begriffe nachvollziehbar zu erklären, was auch gut gelingt. Sie greift sehr gerne auf Beispiele zurück. Das ist in den meisten Fällen passend und hilfreich, manchmal aber auch etwas übertrieben, so zum Beispiel in einem Fall, als Angebot und Nachfrage unnötig ausführlich durch das Beispiel eines Obststands mit Apfelverkauf erklärt wird. Das war einer der Fälle der Übersimplifizierung, die mir gelegentlich auffielen, denn wer für Angebot und Nachfrage ein solch einfaches Beispiel braucht, sollte sich vielleicht erst einmal mit ganz anderen Grundlagen beschäftigen, bevor es ans Investieren geht. Auch wenn für die genaue Betrachtung einer potentiellen Aktie das Beispiel des Hereinzoomens in Google Maps verwendet wird, ist das zwar ein gutes, treffendes Bild, wird dann aber eine Seite lang noch mal detailliert erklärt, obwohl gerade die Zielgruppe mit dem Erwähnen des Vergleichs schon genau im Bilde sein dürfte. An einer anderen Stelle wird ein ETF mit einem Blumenstrauß verglichen, was mir ausgezeichnet gefiel – bildhaft und verständlich. Und ausreichend, trotzdem gibt es dann in diesem an Abbildungen eher armen Buch extra ein halbseitiges Blumenstraußbild, das völlig unnötig ist. Das waren alles Momente, in denen man den Eindruck bekommt, den Lesern wird etwas zu wenig zugetraut und sie damit nicht ganz ernstgenommen.
Im Allgemeinen aber ist es erfreulich, die nachvollziehbaren und auch für Anfänger verständlichen Erklärungen und Beschreibungen zu lesen. Enervierend fand ich allerdings die zahlreichen Wiederholungen, teilweise sogar in ähnlichen Sätzen kurz hintereinander.

Weitaus weniger hat mir das betont Zeitgeistige gefallen. So werden die Leser geduzt, was ich sehr unangenehm finde. Auch aus meinem Umfeld (gar nicht sehr viel älter als die Autorin) weiß ich, daß dieser Trend, von Firmen und in Sachbüchern geduzt zu werden, vielen nicht zusagt. Es wirkt übergriffig, nicht sonderlich seriös und hat mich das ganze Buch über gestört, ebenso wie die unnötigen Genderdoppelungen, die Sätze aufblähen. Wenn man vor lauter „Gründerinnen und Gründern“, „Anlegerinnen und Anlegern“ oder „Inhaberinnen und Inhabern“ in Bandwurmsätzen ertrinkt, dann macht das Lesen keinen Spaß – das mag marginal erträglicher sein als die unsäglichen Gendersternchen, aber eben trotzdem unnötig und leseunfreundlich.
Auch die vielen Anglizismen fand ich nicht erfreulich (und das sage ich als zweisprachig Aufgewachsene). „Good to know“ anstelle von „Gut zu wissen“, die „Cashreserve“ anstelle der „Barreserve“ u.ä. haben keinen Mehrwert außer dem zeitgeistigen Klang. Ein wenig zwischen Kopfschütteln und Schmunzeln schwankte ich dann auch bei einem Beispiel, in dem vom Kauf eines BMWs gesprochen wurde, dessen Zweck hauptsächlich darin bestünde, Fotos in den sozialen Medien zu posten und Likes zu generieren. Bei all dem merkt man die etwas enge Fokussierung auf eine bestimmte kleine Zielgruppe. Das ist in meine Bewertung des Buches nicht sonderlich eingeflossen, denn wenn man seine Zielgruppe kennt, ist es nur natürlich, diese auch anzusprechen. Trotzdem wäre es auch etwas weniger betont möglich gewesen, denn mir fallen durchaus mehrere Zielgruppen für das Buchthema ein.

Während ich stilistisch also weniger überzeugt war, fand ich die gegebenen Informationen ausgezeichnet. Ich investiere schon seit meiner Teenagerzeit und konnte so die Ratschläge und Erfahrungen mit meinen eigenen abgleichen. Mir ging es bei dem Buch darum, mein praktisches Wissen an manchen Stellen mit ein wenig theoretischem Fundament zu unterlegen, und das hat gut geklappt. Vieles, was ich mir praktisch erarbeiten mußte, wird hier zutreffend und treffend erklärt. Vieles, was ich theoretisch bereits wußte, wird hier ebenfalls zutreffend dargelegt. Es ist Lisa Osada hervorragend gelungen, ihre eigenen Erfahrungen in Ratschläge und Orientierungshilfen umzuwandeln, die Börsenneulingen wertvolle Hilfen bei den ersten Investitionsschritten geben können. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, daß es sich auszahlen wird, den Informationen in diesem Buch zu folgen. Sehr schön ist es auch, daß sie so offenen Einblick in ihre eigenen Anlagen und Fehler gibt und damit den Lesern ermöglicht, diese Fehler zu vermeiden. Entbehrlich fand ich lediglich die letzten Seiten, in denen wohl noch schnell der Titel des Buches gerechtfertigt werden sollte, dort finden sich auf einigen Seiten Hinweise, was das Leben außerdem noch bereichert. Es sind ziemliche Binsenweisheiten, die in ihrer Form als schneller, kurzer Nachtrag etwas aufgepfropft wirken – da wären mehr Berichte und Ratschläge aus erster Hand wesentlich nützlicher und interessanter gewesen. Die Autorin hat nämlich ihre Abonnenten nach deren Erfahrungen befragt, was eine ausgezeichnete Idee ist, uns aber nur zwei Antworten auf insgesamt eineinhalb Seiten präsentiert.

Ganz hervorragend fand ich die Anleitung zur Aktienauswahl. Hier wird gut dargelegt, welche Gesichtspunkte man beachten sollte, es gibt Hinweise, die gelungen über das Übliche hinausgehen und neue Blickwinkel aufzeigen. Hier habe auch ich mit meinem bereits erfolgreichen Portfolio mit vielen Einzelaktien noch neue Impulse gefunden und mich über frische Perspektiven gefreut. Vom Informationsgehalt ist das Buch insbesondere für Neuanleger lohnenswert, vor allem durch die klare Darlegung und den persönlichen Fokus.

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Veröffentlicht am 05.04.2024

Originell, schöne Sprache, aber sehr distanziert und zu knapp

Der Sommer, in dem alles begann
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Ein Buch, das mit zwei Beerdigungen beginnt, macht neugierig auf das, was in jenem titelgebenden Sommer geschehen ist. Der Klappentext klingt etwas platt, derlei „drei Frauen, deren Lebenswege sich kreuzen“, ...

Ein Buch, das mit zwei Beerdigungen beginnt, macht neugierig auf das, was in jenem titelgebenden Sommer geschehen ist. Der Klappentext klingt etwas platt, derlei „drei Frauen, deren Lebenswege sich kreuzen“, und Romane mit verschiedenen Zeitebenen gibt es leider zu Hunderten. Léosts Roman hebt sich davon aber glücklicherweise ab. Die Geschichte selbst hat schon durch die Bretagne als Handlungsort etwas Ungewöhnliches und auch die meisten Handlungsstränge selbst sind düsterer und substanzvoller als bei der üblichen Drei-Frauen-Zeitebenen-Romankost. Besonderes Herausstellungsmerkmal war für mich der Sprachstil, mit dem Léost sich ebenfalls von diesem oft süßlichen Genre abgrenzt.
Sie schreibt äußerst reduziert und beweist, wie ausgezeichnet sie mit Sprache umgehen kann. Die Übersetzung wird dem ebenfalls erfreulich gerecht. Einziger Wermutstropfen in der Übersetzung ist die Verwendung von künstlichen Worten wie „Studierende“ und leserunfreundlichen Doppelnennungen wie „Schülerinnen und Schüler“ – dies sogar in wörtlicher Rede der frühen 1990er, obwohl diese Formulierung zu der Zeit gar nicht verwendet worden wären. Abgesehen davon erfreut die gekonnte Sprache aber und ich habe viele Formulierungen mehrfach gelesen und mich an ihrer treffenden Prägnanz erfreut.
Etwas nachteilig fand ich dagegen den berichtartigen, knappen Erzählstil. Die Leser sind nur sehr selten wirklich bei Geschehnissen dabei, der Großteil des Buches wird uns nicht erlebbar gemacht, sondern erzählt. Wir sind bei Dialogen oft nicht dabei, sie werden uns zusammengefasst, auch sonst sind die Leser oft nicht in der Szene drin. Unemotional und knapp erfährt man von allerlei, was doch eigentlich voller Gefühle wäre. Es gibt einige anrührende Szenen, aber größtenteils liest es sich eher wie eine Zusammenfassung eines Romans als wie ein Roman. Das hat in mancherlei Hinsicht zwar durchaus ungewöhnlichen Charme, führte bei mir aber dazu, daß mich die Charaktere kaum erreichten und ich auch an vielen Ereignissen innerlich nicht teilnahm und mich auch nur selten in der Geschichte drin fühlte. Eintauchen kann man in dieses Buch leider nicht.
Das ist auch deshalb schade, weil es einige interessante und ungewöhnliche Charaktere gibt, die aber durch die Erzählweise nicht wirklich entwickelt werden. Obwohl die Geschichte ganz sicher nicht flach ist, bleiben die Charaktere an der Oberfläche. Bei einer der drei Frauen, Odette, deren Geschichte in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückführt, hat das leider zudem den Effekt, daß ihre nicht erklärte erhebliche Wesensveränderung für mich nicht nachvollziehbar war. Dem zweiten Teil ihres Handlungsstrangs mangelt es an Plausibilität, was dadurch leider auch die Wendung ganz am Ende erheblich schwächt.
Und so ist dieses Buch für mich eine gemischte Erfahrung. Die Ansätze sind hervorragend, aber ich fühlte mich dauernd, als ob man mich von einem köstlichen Gericht kosten ließ und mir dann den Teller wieder wegnahm. Die Geschichte mit ihren vielen Facetten war zu knapp und zu distanziert erzählt, die Charaktere toll angelegt, aber nicht hinreichend ausgeführt. Die Entwicklungen sind vielversprechend, aber ein Handlungsstrang mit viel Potential verpufft einfach, ein anderer nimmt eine zwar herrlich unerwartete, aber eben nicht nachvollziehbare Wendung. Dauernd blieb das Gefühl: hier hätte man so viel mehr draus machen können.
Dagegen genoss ich den ausgezeichneten Umgang mit Sprache, die Informationen über das bretonische Leben, einige tiefrührende Aspekte und eine Originalität in Schauplatz, Charakteren und Entwicklungen, die leider so vielen Romanen fehlt. Insofern ist das Buch eine zwar etwas unausgegoren wirkende, aber dennoch lohnende Erfahrung.

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Veröffentlicht am 21.03.2024

Ein bunter Strauß aus Beobachtungen, Wissen und Erfahrungen

Ein Garten offenbart sich
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Dieses Buch ist auf gelungene Weise ungewöhnlich. Es ist eine teils literarisch anmutende Erzählung mit Rückblicken in den Alltag früherer Generationen, teils fast poetische Darstellung der Beobachtungen, ...

Dieses Buch ist auf gelungene Weise ungewöhnlich. Es ist eine teils literarisch anmutende Erzählung mit Rückblicken in den Alltag früherer Generationen, teils fast poetische Darstellung der Beobachtungen, welche die Autorin in ihrem Garten macht, teils Ratgeber für natürliche Gartengestaltung, teils Sachbuch über Naturkunde und teils Manifest. Letztlich ähnelt es dem Garten der Autorin – es findet sich hier so vieles, oft Unerwartetes, manches nimmt eine andere Entwicklung als gedacht, aber alles bildet ein harmonisches Ganzes. Es hat Spaß gemacht, auf diese Reise voller kleiner Abzweigungen zu gehen. Dies beginnt schon beim ungemein liebevoll gestalteten Einband – hochwertig und mit einem zauberhaften Motiv.

Kleine Vignetten, die sich in die Vorfahren der Autorin hineinversetzen, bieten einen anschaulichen Einblick in das von Landwirtschaft und Wissen über die Natur bestimmte Leben jener Zeit, ebenso wie die Alltagserinnerungen der Autorin aus ihrer Kindheit. Diese konzentrieren sich auf das Wesentliche, es ist der ganz normale Alltag, der hier ruhig und sachlich geschildert wird, und gerade das macht es interessant und veranschaulicht, wie sehr sich vieles innerhalb von ein paar Generationen geändert hat, das zuvor über Jahrhunderte zum Leben dazugehörte.

Den Großteil des Buches bilden die Erfahrungen, welche die Autorin mit ihrem eigenen riesigen Garten macht und ihre – innere und äußere – Reise von der konventionellen Gartengestaltung zum sich fast selbst überlassenen natürlichen Garten. Sie schildert viele faszinierende Beobachtungen und das tut sie so farbig, daß man es beim Lesen miterleben kann. Auch die Symbiosen zwischen den unzähligen Lebensformen in der Natur werden hier durch eigene Beobachtungen dargestellt. Hintergrundinformationen erfahren wir auf verschiedene Weise. Einmal durch Informationen der Autorin selbst, häufig durch die beiden Söhne der Autorin. Dies stellt allerdings einen Wermutstropfen des Buches dar. Die Söhne haben viel Wissen und auch viel Enthusiasmus für das Thema, was an sich eine tolle Sache ist. Nur treten sie in einer statisch belehrenden Rolle auf, die stilistisch nicht überzeugt. So gibt es immer wieder Einschübe mit „Mein Sohn sagt“ oder „Meine Söhne sagten“, denen dann ein langer handbuchartiger Einschub folgt (was dann, wenn das angeblich beide Söhne sagen, eher unfreiwillig komisch wirkt, da es klingt, als ob beide nach Art eines griechischen Chores diese langen Passagen gemeinsam deklamieren). Wahrscheinlich sollte es durch die wörtliche Rede lebendiger wirken, aber die Umsetzung hat etwas Unnatürliches und wirkt in ihrer Häufigkeit enervierend.

Ebenfalls anstrengend fand ich den emotionalen Überschwang. Der innere Aufruhr der Autorin bei allerlei kleinen Vorkommnissen und Erkenntnissen wirkte auf mich übertrieben und in seiner Häufigkeit auch überspannt. Sätze wie „Ich kann alle und alles dem Tod anheimgeben. (…) Meine ungeheuerliche Macht“ und allerlei fast dramatische Reaktionen auf Handlungen, die die Autorin im Nachhinein als nicht richtig einstuft, ellenlanges Sinnieren über die „Beziehung“ zu den Pflanzen und Gekränktheit, weil diese sie nicht beachten oder brauchen, waren mir viel zu viel und haben mein Lesevergnügen beeinträchtigt. Auch die Erkenntnisse, denen ich oft zustimme und für sehr wichtig halte, waren mir häufig zu dramatisch dargebracht. Die immer wieder vorkommenden Wiederholungen hätten m.E. ebenfalls eingeschränkt werden können.

Insgesamt ist der Schreibstil aber erfreulich – der Text ist zugänglich, oft farbig, ungemein persönlich und gut lesbar. Auch ist das Thema faszinierend. Hätte ich einen Garten, würde ich vieles von dem hier Erwähnten umsetzen und das Buch läßt mich wünschen, ich hätte einen Garten. Die Natur um mich herum beobachte ich aber nun entschieden noch aufmerksamer und ich weiß zu schätzen, wie viel ich hier gelernt habe. Das Buch weckt ein Bewußtsein und das ist heutzutage dringend notwendig. Mir gefiel die Umsetzung in mehrerlei Hinsicht nicht, gerade was das übertriebene Pathos und die Einsetzung der Söhne als Handbuchzitierer betrifft, aber dafür fand ich auch viele Aspekte ausgezeichnet. Insbesondere die Vermittlung des Wissens, welches sich die Autorin erster Hand und über lange Jahre erarbeitet hat, ist bemerkenswert. Die Leser haben hier an einem ungewöhnlichen Lernprozess teil.

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