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Veröffentlicht am 28.10.2024

Frischer neuer Blick auf die Archetypen hinter den Sternzeichen

Die Wunder des Kosmos
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"Die Wunder des Kosmos" von Phi Weber ist ein sehr hochwertig gestaltetes Buch mit dickem Einband, robusten Seiten, übersichtlicher Gliederung und ansprechenden Farbbildern. Es ist also schon von der äußeren ...

"Die Wunder des Kosmos" von Phi Weber ist ein sehr hochwertig gestaltetes Buch mit dickem Einband, robusten Seiten, übersichtlicher Gliederung und ansprechenden Farbbildern. Es ist also schon von der äußeren Gestaltung her ein Buch, das man gerne in die Hand nimmt und mit dem man sich gerne beschäftigt.

Astrologie ist ein Thema, das so einige fasziniert, aber von anderen wiederum sehr skeptisch gesehen wird und zu dem es viele Vorurteile gibt. Egal, welche persönliche Haltung jemand nun zum Thema Astrologie mitbringt - ich empfehle, diese kurz zur Seite zu stellen, wenn man bereit ist, sich dieses Buch näher anzuschauen. Es geht hier nicht darum, die Zukunft vorherzusagen oder Menschen aufgrund ihres Horoskops festzulegen, es geht um Archetypen.

Und es ist ein in vielerlei Hinsicht tolles Buch, das ich auch Menschen empfehle, die sich gar nicht für Astrologie interessieren und dieser sehr skeptisch gegenüberstehen. Und gleichzeitig empfehle ich auch allen, die Astrologie lernen möchten, sich genau anzuschauen, worum es sich hier handelt, um nichts Falsches zu erwarten.

"Die Wunder des Kosmos" ist nämlich hauptsächlich ein Buch über psychologische Archetypen, die anhand der 12 Sternzeichen sehr klar herausgearbeitet werden.

Wer sich darauf einlässt, kann darin viel Weisheit und Wissen über Psychologie und Persönlichkeitseigenschaften finden, genauso wie wertvolle Hinweise zur Ausbalancierung und Entwicklung einzelner als schwierig empfundener Eigenschaften.

Ich empfehle es also auch allen, die noch nicht viel über Astrologie wissen, aber dem Thema gegenüber offen sind, die psychologisch interessiert sind und sich für das uralte und vielfältig (z.B. von C.G. Jung) bearbeitete Thema der Archetypen interessieren.

Das Buch beginnt nach einer kurzen Einführung mit dem Widder-Archetypen. Hier geht es, wie die Autorin auch im Buch schreibt, nicht um eine banalisierte Zuschreibung von Eigenschaften der Menschen, die gerade in einem bestimmten Zeitraum im Frühjahr geboren sind, sondern es geht um den Archetyp dahinter.

Wenn man sich mit Astrologie beschäftigt, findet man schnell heraus, dass Menschen so viel mehr sind als ihr Sonnenzeichen/Sternzeichen, das stellt auch Phi klar. Es geht also um Archetypen in ihrer Reinform, die kein lebender Mensch so im Extrem ausdrücken wird, aber genau in dieser prägnant beschriebenen Form besonders gut erkennbar und unterscheidbar sind. Und dann kann jede/r selbst entscheiden, was man davon in sich erkennt, mitnimmt und entwickeln will.

Das Kapitel zum Widder-Archetyp beginnt mit einer Übersicht der grundlegenden Eigenschaften dieses Archetypen, im Positiven beispielsweise Idealismus, Ideenreichtum und Begeisterungsfähigkeit, im Herausfordernden das Potential zu Ungeduld, Impulsivität und Rücksichtslosigkeit. Auch Berufsfelder, die diese Eigenschaften stark verkörpern, werden genannt: etwa Extremsportler:in, Reisejournalist:in, Gründer:in eines Start-Ups oder Motivationscoach:in.

Danach geht es, nach einer weiteren kurzen Einführung in die Prinzipien des Archetypen, um den unbewussten Widder auf der unteren Bewusstseinsstufe, der blitzartig losstürmt, ohne viel zu reflektieren und damit durchaus Schaden für sich und andere anrichten kann. Auch seine größte Angst - der Schwächere zu sein - wird beschrieben. Darauf folgt ein Kapitel zur nächsten Bewusstseinsstufe, dem reflektierten Widder, der Selbstbeherrschung und Nachgeben lernt, und noch so einiges mehr.

Und dann gibt es schließlich noch - dieser Ansatz ist auch in der Astrologie gar nicht so häufig - ein Unterkapitel zur Bewusstseinsentwicklung mittels des kardinalen Kreuzes: hier geht es darum, sich von den Eigenschaften anderer Zeichen (in diesem Fall denen, die auch, wie der Widder, zum kardinalen Kreuz gehören, das sind Krebs, Waage und Steinbock) inspirieren zu lassen, um die Eigenschaften des Widders auszubalancieren. Beispielsweise inspiriert der Krebs zu Mitgefühl und der Steinbock zu Selbstdisziplin. Dazu gibt es jeweils Anleitungen zu praktischen Übungen zur Reflexion und Umsetzung.

Nach diesem Muster sind auch die weiteren elf Kapitel der anderen Sternzeichen aufgebaut. Es lässt sich also auf psychologischer Ebene viel über die Archetypen lernen und reflektieren, ohne notwendigerweise dafür an Astrologie "glauben" zu müssen.

Für jene, die sich für Astrologie interessieren, noch ein paar abschließende Worte: dieses Buch ist, wie gesagt, mehr Einführung in die grundlegenden Archetypen der Sternzeichen als komplette Einführung in die Astrologie. Wenngleich das Verständnis dieser Archetypen extrem wichtig ist, um in diesem Bereich kompetent zu werden, stellt es doch nur die Grundlage dar. Man lernt in diesem Buch nicht, Horoskope zu interpretieren, darum geht es überhaupt nicht. Und es geht auch nicht um die Bedeutungen der einzelnen Planeten, Aspekte oder sonstiges.

Wer über all das etwas lernen möchte, ist mit anderen Einführungswerken besser bedient. Hier geht es wirklich ausschließlich um die Archetypen der zwölf Zeichen, das aber sehr ansprechend, fundiert und zum Nachdenken anregend, gleichzeitig praxisorientiert und mit Übungen fürs tägliche Leben.

Insgesamt ist es ein schönes und inspirierendes Buch, das auf vielen Ebenen zum Nachdenken anregt und von dem sich viel lernen lässt. Es wird einen Stammplatz in meinem Bücherregal bekommen und sicher immer wieder mal rausgeholt werden, um mich mit einem der Archetypen näher zu beschäftigen, neue Aspekte davon zu erkennen und mich inspirieren zu lassen.

Ich kann das Buch also allen, die sich für Psychologie und Archetypen interessieren, eine offene Einstellung gegenüber unkonventionellen Ansätzen haben und/oder einen neuen frischen Zugang zu den Basics der Astrologie interessieren, sehr empfehlen!

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Veröffentlicht am 26.10.2024

Anspruchsvoller historischer Roman für rechtsgeschichtlich interessierte Menschen

Die Lungenschwimmprobe
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In der letzten Zeit kommen mir immer mehr Bücher unter, die nicht ganz eindeutig einem Genre zuzuordnen sind, und damit meiner Meinung nach die literarische Landschaft sehr bereichern - aber gleichzeitig ...

In der letzten Zeit kommen mir immer mehr Bücher unter, die nicht ganz eindeutig einem Genre zuzuordnen sind, und damit meiner Meinung nach die literarische Landschaft sehr bereichern - aber gleichzeitig die Lesenden herausfordern, sich auf sie tief einzulassen. Um so ein Buch handelt es sich auch bei dem neuen Wälzer von Tore Renberg - das Buch umfasst mehr als 700 Seiten, noch ohne den Anhang, den man sich online runterladen kann - und bewegt sich an den Grenzen zwischen guter Literatur, historischem Roman und Sachbuch.

"Die Lungenschwimmprobe" basiert in vielen Teilen auf realen historischen Tatsachen, die der Autor in jahrelanger akribischer Arbeit in Archiven zusammengetragen, durch viele Details zu den einzelnen Personen ausgeschmückt und zu einem spannend zu lesenden historischen Roman entwickelt hat. Ich habe mich beim Lesen des Buches sehr gut unterhalten gefühlt und gleichzeitig viel über das Leipzig an der Schwelle zwischen Mittelalter und Aufklärung sowie über die Grundlagen der frühen wissenschaftlichen Medizin und Rechtsgeschichte gelernt.

Worum geht es? Die jugendliche Anna, 14 oder 15 Jahre alt, so genau geben das die historischen Quellen nicht her, Tochter eines Gutsbesitzers, wurde vom Knecht geschwängert und hat ein Kind zur Welt gebracht und dieses gemeinsam mit ihrer Mutter in der Erde vergraben. Die Leiche des Kindes wurde vom Dienstpersonal gefunden und Anna als Kindsmörderin angezeigt. Anna bestreitet dies vehement, beteuert ihre Unschuld und gibt an, dass das Kind schon tot zur Welt gekommen sei. Und dass sie außerdem von ihrer Schwangerschaft nichts gewusst habe und von der Geburt, zu diesem Zeitpunkt alleine zu Hause, völlig überrascht worden sei.

Wir befinden uns zeitlich in den letzten Ausläufern des Mittelalters, in einer zutiefst religiös geprägten Gesellschaft, Ende des 17. Jahrhunderts, eineinhalb Jahrhunderte nach Martin Luther und in protestantischem Gebiet, und einige Jahrzehnte nach dem 30-jährigen Krieg, der in der Erinnerung der Menschen immer noch sehr präsent ist. So ist auch das Rechtssystem noch sehr stark durch den Einfluss der Kirche geprägt, Folter, Kerker, letzte Hexenprozesse und die Todesstrafe sind weit verbreitet und werden als vereinbar mit der Religion, ja, sogar als von Gott gewollt angesehen und durch Bibelpassagen gerechtfertigt. Außerehelicher Geschlechtsverkehr ist verboten, ein uneheliches Kind wird als große Schande für die betroffenen Frauen angesehen, und mit den meisten Frauen, die des Kindesmordes bezichtigt werden, wird kurzer Prozess gemacht, sie werden - ob unschuldig oder nicht - unter Folter zu einem Geständnis gezwungen und danach enthauptet.

Wird es Anna auch so ergehen? Zwei Faktoren sind auf ihrer Seite: einerseits ist sie, im Gegensatz zu den meisten anderen Frauen mit ähnlichem Schicksal, als Tochter eines Gutsbesitzers aus einer reichen Familie und hat einen liebenden Vater, der sich mit aller Kraft für sie einsetzt und einen Anwalt für sie engagiert, um sie zu verteidigen. Und andererseits zeigen sich neben den letzten Ausläufern des Mittelalters auch schon die ersten Vorboten der Aufklärung und einer rationalen, wissenschaftlichen Herangehensweise, die allerdings erst noch dafür kämpfen muss, sich zu behaupten.

Der Anwalt ist ein junger Mann namens Christian Thomasius, eine reale historische Persönlichkeit, der sich später im Sinne der Aufklärung und der Rechtsgeschichte einen Namen machen wird. Dieser holt unter anderem medizinische Gutachten ein, unter anderem eines des angesehenen Arztes Dr. Schreyer, der bei dem verstorbenen Säugling eine sogenannte "Lungenschwimmprobe" durchgeführt hatte. Dazu gibt es ein reales historisches Dokument, auf das sich der Autor stützt. Der Arzt hatte also das tote Baby obduziert, ihm die kleine Lunge entnommen und diese in Wasser eingelegt und über die Ergebnisse berichtet.

Dahinter stand die Annahme, dass ein Kind, das im Mutterleib verstorben sei, nie geatmet hätte, dadurch die Lunge schwerer sei und im Wasser sofort sinken würde. Während ein Kind, das lebendig zur Welt gekommen und erst danach verstorben sei, eine Lunge hätte, die sich erstmalig mit Luft gefüllt hätte, wodurch diese bei der Lungenschwimmprobe schwimmen und nicht sinken würde. Also ein wissenschaftlich-experimentelles Denken, das für die damalige Zeit sehr innovativ und neu war und dadurch noch nicht von allen anerkannt, auch in medizinischen Kreisen und umso mehr vor den stark religiös beeinflussten Gerichten.

Die Lungenschwimmprobe von Annas Baby geht - das erfahren wir schon ziemlich zu Anfang des Buches - zu Annas Gunsten aus: die kleine Lunge sinkt im Wasser, was auf ein totgeborenes Baby hindeutet. Nur wird das in einer noch so stark vom Mittelalter geprägten Zeit reichen, um die junge Frau vor dem Tode zu bewahren? Damit beschäftigt sich das Buch auf den folgenden vielen hundert Seiten. Und mit noch so vielem mehr.

Wir erleben die Gesellschaft in Leipzig und Umgebung Ende des 17. Jahrhunderts aus vielen Perspektiven mit und begleiten nicht nur das Leben von Anna und ihrer Familie, sondern blicken auch durch die Augen von Annas Strafverteidiger und seiner Familie, lernen den Arzt Dr. Schreyer etwas näher kennen, ebenso wie den Scharfrichter, seine Familie und Lebensumstände, diverse Priester und noch so einige andere Personen. Dadurch entsteht insgesamt ein lebendiges und facettenreiches Gesellschaftsporträt einer spannenden Zeit, das so viel mehr ist als nur die Abhandlung eines Gerichtsfalls.

Mir persönlich hat das Buch außerordentlich gut gefallen, weil es mich eben nicht nur unterhalten, sondern auch gebildet hat und ich das Gefühl habe, dank der umfangreichen Recherche des Autors und des in vielen Bereichen auf historischen Tatsachen beruhenden historischen Romans auch meine Geschichtskenntnisse deutlich erweitert zu haben. Auch zum Nachdenken darüber, was es bedeutet, wenn eine Epoche endet und die nächste beginnt, aber auch, was wir durch den wissenschaftlichen Ansatz gesellschaftlich alles gewonnen haben, regt das Buch sehr an. Von mir bekommt das Buch deshalb verdiente 5 Sterne!

Wem würde ich das Buch empfehlen? Zuerst einmal allen, die sehr an Geschichte, insbesondere Rechts- und Medizingeschichte, interessiert sind, die generell anspruchsvolle Bücher mögen und die sich von Literatur weit mehr erwarten, als nur unterhalten zu werden. Nur mit Vorbehalt empfehle ich es Menschen, die ansonsten fast nur historische Romane, Krimis und ähnliches lesen und bei denen der reine Unterhaltungsaspekt im Vordergrund steht - diese könnten das Buch durchaus an manchen Stellen als langatmig empfinden. Es ist eben deutlich mehr Gesellschaftsporträt als Krimi, und das behandelte Thema und die Epoche werden ausführlich und von vielen Perspektiven umkreist. Für mich macht das eine der herausragenden Qualitäten des Buches aus.

Wer aber mit der Erwartung an das Buch herangeht, einen "typischen" historischen Roman (diese sind oft sehr spannend geschrieben, was aber zulasten geschichtlicher Detailtreue und vielfältiger Perspektiven geht) zu lesen, könnte möglicherweise enttäuscht werden. Es empfiehlt sich jedenfalls, sich vor der Anschaffung genau darüber zu informieren, um was für ein Buch es sich handelt und zu reflektieren, ob man persönlich solche Bücher mag und sich auf so eine umfangreiche und tiefgehende Lektüre einlassen will.

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Veröffentlicht am 24.10.2024

Klug, inspirierend und zum Nachdenken anregend

Erfolg – ein moderner Selbstbetrug
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"Erfolg - ein moderner Selbstbetrug: von der Entzauberung der Leistungsgesellschaft": schon dieser Titel hat mich sehr neugierig darauf gemacht, was das wohl für ein Buch sein könnte. Und ich wurde nicht ...

"Erfolg - ein moderner Selbstbetrug: von der Entzauberung der Leistungsgesellschaft": schon dieser Titel hat mich sehr neugierig darauf gemacht, was das wohl für ein Buch sein könnte. Und ich wurde nicht enttäuscht. Mit treffenden Worten, Witz und Ironie hält Bernd Kramer der postmodernen, leistungsorientierten Gesellschaft den Spiegel vor.

Es geht darum, dass wir eben nicht in einer reinen Meritokratie leben, in der alle bekommen, was sie sich gemäß ihrer Leistung verdient haben, dazu gibt es viel zu viele Ungerechtigkeiten im System, und der Zufall spielt auch immer eine Rolle. Wie im Buch aufgezeigt wird, ist die Geschichte voll von Beispielen von Menschen, die etwas Bemerkenswertes vollbracht oder erfunden haben, während andere dafür Ruhm und Reichtum einstreiften.

Es ist außerdem auch hinterfragenswert, ob wir überhaupt in der Extremform der reinen Meritokratie leben wollen würden und was das, wenn überhaupt möglich, für Nachteile mit sich brächte. Das wurde historisch schon vor längerem in Michael Youngs Buch "The rise of meritocracy", das der Autor auch in seinem Buch beschreibt, kritisch reflektiert.

Wenn das übertriebene Leistungsdenken so problematisch ist und die Meritokratie eh nicht erreicht werden kann und ihre Schwächen hat, wäre es dann gerechter, die gesellschaftlichen Positionen einfach zu verlosen und dem Zufall zu überlassen? Auch das ist ein Gedankenexperiment, zu dem es schon eine Kurzgeschichte gibt und das im Buch beschrieben wird (und natürlich hätte auch dieses Modell gravierende Nachteile).

Auch sonst finden sich im Buch viele interessante Hinweise auf aktuelle psychologische Experimente und soziologische Theorien. Es ist ein Buch, das zum Nachdenken und zum darüber Reden anregt: über das Gesellschaftsmodell, in dem wir leben, über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeiten, alternative Modelle und unsere eigene gesellschaftliche Position. Darüber, was wir unhinterfragt als selbstverständlich annehmen und wie wir über Leistung, Erfolg und die gerechte Verteilung von gesellschaftlichem Wohlstand denken. Es ist kein Buch, das Patentlösungen für irgendetwas anbietet - zum Glück, denn das würde der Komplexität des Themas nicht gerecht werden.

Aber es regt zum kritischen Hinterfragen an, besonders wichtig in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierungen. Damit ist es ein sehr empfehlens- und lesenswertes Buch für alle, die sich für unsere Gesellschaft und die Positionen der einzelnen Menschen darin sowie die damit verbundene Frage der Gerechtigkeit interessieren.

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Veröffentlicht am 21.10.2024

Ein ganz besonderer Lesegenuss für Fans nordischer Mythologie & Mystik

Sisters in Blood - Der Schwur
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Wie habe ich dieses Buch geliebt und mich jedes Mal schon so unendlich aufs Weiterlesen gefreut! Schon lange habe ich kein so spannendes Buch mehr gelesen, das Elemente aus historischem Roman mit Mythologie, ...

Wie habe ich dieses Buch geliebt und mich jedes Mal schon so unendlich aufs Weiterlesen gefreut! Schon lange habe ich kein so spannendes Buch mehr gelesen, das Elemente aus historischem Roman mit Mythologie, Fantasy und aktuellen Themen auf authentische Weise verwebt, authentische Charaktere und eine spannende Geschichte hat und dabei stets so interessant zu lesen ist!

"Sisters in Blood - Der Schwur" von Genevieve Gornichec ist eine moderne Interpretation nordischer Mythologie, angelehnt insbesondere an die isländische Saga von Gunnhild und Erik (die Geschichte selbst spielt allerdings nicht in Island, sondern überwiegend in Norwegen).

Es geht um drei Mädchen, die sich als Teenager durch einen Blutsschwur aneinander binden und dabei versprechen, sich immer gegenseitig zu unterstützen und füreinander einzustehen: die beiden Schwestern Signy und Oddny, und ihre Freundin Gunnhild. Und damit verbunden um eine Weissagung, dass eine der dreien das Schicksal der anderen beiden überschatten und verdunkeln würde und deren Wege untrennbar miteinander verbunden seien.

Signy wird schließlich als junge Frau von Räubern verschleppt, während Oddny sich retten kann und gemeinsam mit Gunnhild alles daran setzt, ihre Schwester frei zu bekommen.

Im englischsprachigen Original heißt das Buch "The weaver and the witch queen". Das zeigt schon an, dass entgegen der deutschsprachigen Beschreibung nicht alle drei Schicksale gleich viel Raum im Buch bekommen: hauptsächlich erleben wir das Buch aus der Perspektive von Oddny und Gunnhild sowie weiterer Personen in ihrer Umgebung. Diese erleben auf der Suche nach der verschleppten Signy viele spannende Abenteuer, schließen Freundschaften, müssen entscheiden, wem sie vertrauen können und wem nicht usw.

Spannend habe ich auch gefunden, dass die Frauenrollen in dem Buch eine Mischung aus Tradition und modernen Ansätzen sind: es gibt Mädchen, die von ihren Eltern in arrangierte Ehen gedrängt werden, aber gleichzeitig auch Frauen, die als Hexen oder Wahrsagerinnen unabhängig leben und hoch respektiert werden, und sogar eine Anführerin einer Räuberbande und Kämpferinnen. Und Gunnhild heiratet aus freien Stücken (und um mehr Mittel zu haben, um Signy zu retten) den Königssohn Erik und handelt dafür knallhart diverse Bedingungen aus.

Derzeit gesellschaftlich aktuelle Themen wie Konsens in der Sexualität und generell vielfältige Formen der Geschlechteridentität finden ebenfalls Platz im Buch. So gibt es auch queere Charaktere und die Autorin schreibt im Nachwort, dass sie sich selbst dieser Community zuordne und es diese Menschen immer schon gegeben habe.

Für mich persönlich waren diese modernen Themen durchaus gut und authentisch ins Buch eingebaut und eine Bereicherung - unabhängig davon, wie die historischen Wikinger, über die ich viel zu wenig weiß, nun tatsächlich damit umgegangen wären. Für jemanden, der darüber gar nichts lesen will, ist es aber vielleicht kein Buch, dazu ist der Stellenwert dieses Themas zu prominent.

Insgesamt habe ich die verschiedenen Charaktere als liebevoll durchdacht erlebt, mit einer authentischen Reifung und Persönlichkeitsentwicklung im Buch. Das Buch hatte für mich insgesamt deutlich mehr Tiefe und hat mehr zum Nachdenken angeregt als viele andere Bücher aus der Kategorie "Historischer Roman". Besonders mochte ich auch die Bezüge zum nordischen Glaubens- und Mythologiesystem sowie die Praktiken der Frauen im Bereich Heilung, Zauberei und Wahrsagerei, das hat dem Buch einen ganz besonderen mystischen Touch gegeben.

Von der Autorin gibt es ein weiteres Buch, das bisher meines Wissens nur auf Englisch erschienen ist: "The witch's heart". Ich habe mir dieses schon besorgt und werde es auf jeden Fall auch lesen, wie auch zukünftige Bücher der Autorin, denn ich bin begeistert!

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Veröffentlicht am 20.10.2024

Berührende wahre Geschichten aus dem Berufsalltag einer Hospizschwester

Zwischen den Welten
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"Zwischen den Welten" von Hadley Vlahos ist ein ganz besonderes Buch einer mutigen und einfühlsamen jungen Frau, das in mir sicher noch lange emotional nachwirken hat und transformiert hat, wie ich über ...

"Zwischen den Welten" von Hadley Vlahos ist ein ganz besonderes Buch einer mutigen und einfühlsamen jungen Frau, das in mir sicher noch lange emotional nachwirken hat und transformiert hat, wie ich über den Prozess des Sterbens und damit das Ende des Erfahrungsprozesses im menschlichen Körper und den Übergang in ein unbekanntes Danach denke.

Sterben und der Tod - das sind Themen, mit denen sich viele Menschen lieber nicht so genau befassen, solange sie es nicht müssen. Und die uns doch immer wieder im Leben einholen, in Form geliebter Menschen, die wir durch den Tod verlieren, bis wir schließlich selbst an der Reihe sind. Hadley Vlahos wurde schon jung mit heftigen Themen konfrontiert: als Jugendliche hat sie den plötzlichen Tod eines guten Freundes miterleben müssen, dann wurde sie im Alter von 20 Jahren ungeplant alleinerziehende Mutter, hatte mit sozialer Ausgrenzung durch ihre sehr religiöse Familie und mit Armut zu kämpfen, und musste ihr Studium abbrechen, um ganz alleine für ihren Sohn zu sorgen.

Das ursprünglich von ihr geplante Studium und ihre ursprünglichen Berufswünsche (einer davon Schriftstellerin - wie schön, dass sie sich dem mit diesem Buch doch noch annähern konnte) ließen sich erst einmal nicht mehr realisieren... aber was möglich war, war die Ausbildung zur Krankenschwester und schließlich zur Hospizschwester. Im jungen Alter von 22 begann Hadley also, als Hospizschwester sterbenden Menschen zur Seite zu stehen, ihre Schmerzen zu lindern, für sie da zu sein und für einen möglichst angenehmen, sanften und selbstbestimmten Übergang aus diesem Leben zu sorgen.

Sehr persönlich und berührend erzählt Hadley in dem Buch sowohl aus ihrem eigenen Leben als auch aus ihrem Berufsalltag. Dazu schildert sie insgesamt etwa zwölf Fälle von sterbenden Menschen, die sie als Hospizschwester begleitet hat, meistens zu Hause bei den jeweiligen Menschen, gelegentlich auch im Spital. Wir erleben die Begleitung dieser Menschen hautnah mit, ab dem ersten Kontakt, den Hadley als Hospizpflegerin mit ihnen hatte, über die laufenden Kontakte bis zu ihrem Tod.

Dabei wird deutlich, wie einfühlsam, menschlich und mutig Hadley ist, wie sie mit all diesen Menschen eine nahe Beziehung eingeht und sich berühren lässt, aber gleichzeitig auch sich selbst reflektiert und daran arbeitet - zeitweise auch mit therapeutischer Unterstützung - an diesem fordernden Beruf, den die meisten nach kurzer Zeit wieder verlassen, zu wachsen statt auszubrennen.

Wir erleben mit, wie Hadley aus jeder Begegnung etwas für sich persönlich mitnimmt, daran wächst und reifer wird und wie sie es am Ende auch schafft, gegen Ungerechtigkeiten und unnötige Formalismen und Hierarchien aufzubegehren und sich bedingungslos für das Wohl ihrer Schützlinge einzusetzen.

Auf der einen Seite kann das Buch also auch als Memoir über Hadley und ihren persönlichen Entwicklungs- und beruflichen Emanzipationsprozess gesehen werden.

Auf der anderen Seite vermittelt es aber auch über die Fallgeschichten viel Wissen über den Sterbeprozess und über die teilweise unerklärlichen Phänomene, die dabei immer wieder auftreten, unabhängig von vorigen religiösen Überzeugungen der Sterbenden: so gibt es zum Beispiel bei sehr vielen Sterbenden aller möglichen religiösen Hintergründe und auch bei Atheisten und Atheistinnen das Phänomen, dass diese am Ende ihres Lebens den Eindruck haben, von wohlmeinenden schon verstorbenen Angehörigen begleitet, getröstet und abgeholt zu werden, und zwar in einer Form, die sich von sonstigen Halluzinationen oder Wahnvorstellungen deutlich abgrenzt.

Und wir erfahren auch, dass der Tod, wenn er auf natürlichem Weg eintritt, oft ein gradueller Prozess ist, ein Immer-Weniger-im-Leben-sein, ein schrittweiser Abbau von Körperfunktionen und Bewusstsein, bis schließlich der tatsächliche Tod eintritt. Und dass dieser Prozess oft zeitlich relativ genau eingrenzbar ist: für mit dem Thema Erfahrene gibt es oft eindeutige Zeichen, dass der Sterbeprozess begonnen hat und der Tod sehr wahrscheinlich innerhalb der nächsten ca. 72 Stunden eintreten wird.

Es ist also ein in vielerlei Hinsicht lehrreiches und berührendes Buch, das wertvolle Informationen für alle bietet, die bereit sind, sich nicht nur intellektuell, sondern auch emotional (ich habe beim Lesen der Geschichten immer wieder weinen müssen) auf ein zwar dunkles und tiefgehendes, aber doch auch transformatives Thema einzulassen, das uns früher oder später alle betrifft. Absolute Leseempfehlung für alle, die mutig genug für diese Konfrontation sind!

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