Diese weibliche Stimme aus dem Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert verdient Aufmerksamkeit.
Meine Meinung
Nach ihrem literarischen Debüt »Ich erwarte die Ankunft des Teufels« mit gerade einmal neunzehn Jahren und ihrer Veröffentlichung »Meine Freundin Annabel Lee« zieht die Kanadierin Mary MacLane ...
Meine Meinung
Nach ihrem literarischen Debüt »Ich erwarte die Ankunft des Teufels« mit gerade einmal neunzehn Jahren und ihrer Veröffentlichung »Meine Freundin Annabel Lee« zieht die Kanadierin Mary MacLane in einer persönlichen Schrift Bilanz über sich selbst.
In ihrem Tagebuchroman »ICH: Aufzeichnungen aus meinem Menschenleben« stellt die scharfsichtige Beobachterin ihr jüngeres ›Ich‹ dem erwachsen gewordenen ›Ich‹ gegenüber, reflektiert und verschont sich dabei nicht vor ihrem eigenen kritischen Blick und einer ordentlichen Portion Selbstironie.
Kurze Kapitel, die sich zügig wegschmökern lassen, prägen auch dieses Buch der talentierten Schriftstellerin, allerdings ist der Ton im Vergleich zu ihren beiden anderen Werken deutlich melancholischer. Die Einsamkeit im ländlichen Butte als alleinstehende Frau über dreißig war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein einschneidendes Erlebnis, denn zu dieser Zeit gab es wenig Optionen in dieser Lebenslage.
Ungewöhnlich offen für die damalige Zeit legt Mary MacLane ihr Innerstes offen, schreibt von ihrem Verlangen, Sehnsüchten und Wünschen und seziert dabei ihr Selbst, dessen rebellische Ader zwar immer noch deutlich spürbar ist, im Vergleich mit ihrem Debütroman aber auch sanftere Betrachtungen einschließt und in sich gekehrte Momente zulässt.
Der Tagebuch-Stil ermöglicht es aus einem Logenplatz heraus den Alltag und all die Gedanken, die die erwachsende Mary MacLane beschäftigen, zu beobachten. In ihren Stilmitteln wechselt sich die Autorin ab, mit Aufzählungen und Wiederholungen kreiert sie den Sound ihrer Tage. Ein bestechend fesselndes Zeitzeugnis für alle Leserinnen und Leser, die sich für eine starke Stimme aus der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts und Beginn des 20. Jahrhunderts interessieren.
Zwar vermochten mich nicht alle Einträge gleichermaßen zu begeistern, aber im Gesamtpaket betrachtet ist Mary MacLanes intime Bestandsaufnahme unheimlich unterhaltsam und vermittelt einen guten Eindruck ihrer Persönlichkeit, sodass man das Gefühl hat, die Schöpferin tatsächlich kennengelernt zu haben.
Fazit
Diese weibliche Stimme aus dem Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert verdient Aufmerksamkeit. Absolut lesenswert!
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© Bellas Wonderworld; Rezension vom 22.11.2021