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Veröffentlicht am 23.03.2022

Der Mensch sieht nur, was er auch sehen will

Das verschlossene Zimmer
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Krakau im Frühjahr 1939: Obwohl der nahende Einmarsch der Deutschen in Polen bereits zu spüren ist, geht das Leben seinen gewohnten Gang. Die 17jährige Marie Karski, die bei ihrem Vater Dominik aufgewachsen ...

Krakau im Frühjahr 1939: Obwohl der nahende Einmarsch der Deutschen in Polen bereits zu spüren ist, geht das Leben seinen gewohnten Gang. Die 17jährige Marie Karski, die bei ihrem Vater Dominik aufgewachsen ist, will endlich mehr über ihre Mutter erfahren, die vor 15 Jahren spurlos verschwunden ist. Ihr Vater, ein angesehener Arzt, liebt seine Tochter und opfert sich für sie auf, über ihre Mutter jedoch verweigert er jede Auskunft, selbst ihren Namen verschweigt er. Stattdessen drängt er Marie auf eine baldige Heirat, da er sie in diesen unruhigen Zeiten versorgt sehen will. Doch Marie in ihrer Naivität hat andere Pläne. Sie möchte Ärztin werden und als Ehemann kommt für sie nur einer infrage, ihr Jugendfreund Ben Rosen. Ben jedoch ist Jude und Marie Katholikin. Bald bekommt sie in ihrem Umfeld die Frauenfeindlichkeit bei der Berufswahl zu spüren – und auch der Hass auf Juden nimmt stetig zu …

Rachel Givney ist Schriftstellerin und Drehbuchautorin und hat schon an vielen beliebten australischen TV-Serien mitgewirkt, u. a. bei McLeods Töchter. Nach längeren Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Deutschland lebt die gebürtige Australierin heute wieder in Sydney. Für Recherchen für „Das verschlossene Zimmer“ reiste sie mehrfach nach Polen.

Bereits der Anfang der Geschichte, als Marie ins Zimmer ihres Vaters einbricht und dabei eine seltsame Entdeckung macht, ist sehr spannend. Bald wird auch das Verhältnis der beiden zueinander klar – der Vater, der seiner Tochter sämtliche Arbeiten und Entscheidungen abnimmt und Marie, die zunächst heimlich gegen ihre Unselbständigkeit aufbegehrt. Das sollte sich bald ändern, als die junge Frau ihre eigenen, manchmal unverständlichen, Entscheidungen trifft. Durch Erinnerungen der Protagonisten erhalten wir Einblicke in deren Vergangenheit und können so ihre Verhaltensweisen besser verstehen. Sehr emotionale Szenen wechseln sich ab mit alltäglichen Begebenheiten und einige leichtsinnige, unüberlegte Handlungen lassen dem Leser den Atem stocken. Der Schreibstil ist flüssig und fesselnd, nicht übermäßig anspruchsvoll, aber dennoch ansprechend. Der Schluss ist wirklich überraschend, alles ist jetzt schlüssig und klar ist auch, warum sich Dominik nur so und nicht anders verhalten kann. Gerne hätte ich noch erfahren, ob und wie die Beteiligten die Kriegsjahre überstanden haben. Ist da vielleicht eine Fortsetzung geplant?

Fazit: Eine sehr emotionale und spannende Familiengeschichte, ein Buch, das ich trotz einiger Ungereimtheiten und Merkwürdigkeiten gerne weiter empfehle.

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Veröffentlicht am 17.03.2022

Seinen Gedanken kann man nicht entfliehen …

Das Vorkommnis
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„Wir haben übrigens denselben Vater.“ Dieser flüchtig dahin gesprochene Satz, den eine Unbekannte einer Autorin im Anschluss einer Lesung aus ihrem neuen Roman sagt, stellt ihr Leben und ihre Gedankenwelt ...

„Wir haben übrigens denselben Vater.“ Dieser flüchtig dahin gesprochene Satz, den eine Unbekannte einer Autorin im Anschluss einer Lesung aus ihrem neuen Roman sagt, stellt ihr Leben und ihre Gedankenwelt auf den Kopf. Plötzlich zweifelt sie an ihrem bisherigen Dasein, stellt das Familiengefüge infrage und reflektiert über Gegenwart und Vergangenheit. Als sie bald darauf mit ihren beiden Kindern und ihrer Mutter für einige Zeit in den USA lebt versucht sie ihr Verhältnis zu ihrem Vater zu analysieren, die Beziehung zu ihrem Mann zu klären und ihre Rolle als Mutter zu überdenken. Ihre Gedankengänge werden dabei immer wirrer …

Die Autorin Julia Schoch wurde 1974 in Bad Saarow geboren und lebt heute als Übersetzerin und freie Schriftstellerin mit ihrem Mann und zwei Kindern in Potsdam. Für ihre Werke erhielt sie bereits zahlreiche Auszeichnungen und stand einige Male auf Platz 1 der SWR-Bestenliste.

„Das Vorkommnis“ ist, wie die Autorin selbst sagt, ein autofiktionaler Roman mit dem Untertitel „Biographie einer Frau“. Das Vorkommnis ereignet sich gleich am Anfang und weckte in mir große Hoffnungen auf eine spannende, oder zumindest interessante Geschichte. Doch leider wurde ich enttäuscht. In vielen kurzen Kapiteln macht sich die Protagonisten ihre Gedanken und stellt ihr bisheriges Leben auf den Prüfstand. Ziemlich wirr springt sie dabei hin und her, von der Gegenwart in die Vergangenheit und fügt dazwischen auch einige Blicke in die Zukunft ein. Sie grübelt nach über ihre Familie, ihre Ehe und ihre Mutterschaft, doch niemand wird dabei namentlich genannt. Selbst ihre Kinder erwähnt sie nur als „das ältere Kind“ und „das jüngere Kind“. Die Probleme, die sie immer und immer wieder anspricht, sind in meinen Augen banal und ihre Gedanken dazu belanglos, so dass ich mich in die Denkweise der Autorin bzw. Protagonistin nicht einfühlen konnte. Als störend und den Lesefluss hemmend empfand ich auch die vielen in Klammern eingefügten Erklärungen und Nebensätze. Aus den genannten Gründen interessieren mich auch die beiden geplanten Fortsetzungen nicht.

Fazit: Ein Buch, das ich mit großen Erwartungen begonnen hatte, zu dem ich aber letztendlich keinen Bezug fand.

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Veröffentlicht am 15.03.2022

Von Gaunern, Gangstern und anderen liebenswerten Zeitgenossen …

Achtsam morden
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Björn Diemel ist Anwalt in einer angesehenen Kanzlei und dort nur für einen Mandanten, Dragan, den Boss eines Drogen- und Verbrechersyndikats, zuständig. Er ist Tag und Nacht damit beschäftigt diesen vor ...

Björn Diemel ist Anwalt in einer angesehenen Kanzlei und dort nur für einen Mandanten, Dragan, den Boss eines Drogen- und Verbrechersyndikats, zuständig. Er ist Tag und Nacht damit beschäftigt diesen vor dem Gefängnis zu bewahren, so dass er kaum noch seine Frau und seine kleine Tochter sieht. Als seine Frau ihm droht, er müsse mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen andernfalls er sie nie wiedersehen würde, entschließt Björn sich zu einem Achtsamkeitskurs bei Joschka Breitner, dem Autor des Buches „Entschleunigt auf der Überholspur – Achtsamkeit für Führungskräfte“. Die Übungsstunden zeigen rasch Erfolg und bringen ihm etwas mehr Lebensqualität zurück. Als er, anstatt das Wochenende wie geplant mit seiner zweieinhalbjährigen Tochter zu verbringen, Dragan zum Untertauchen vor der Polizei verhelfen soll, räumt er das Problem nachhaltig aus dem Weg: er bringt Dragan um – äußerst achtsam natürlich …

Karsten Dusse, geb. 1973 in Essen, ist Rechtsanwalt, Hörbuchsprecher und als Autor für verschiedene Fernsehformate tätig, für die er mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet und für den Grimme-Preis nominiert wurde. Er schrieb bereits zwei Sachbücher zu juristischen Themen, bevor 2019 sein erster Roman „Achtsam morden“ erschien. Zwei weitere, „Das Kind in mir will achtsam morden“ und „Achtsam morden am Rande der Welt“ folgten.

Selten habe ich mich beim Lesen eines Buches so gut amüsiert wie bei diesem Krimi, der sich überraschenderweise als eine Mischung zwischen Slapstick und Ratgeber zu mehr Achtsamkeit entpuppt. Urkomisch zu lesen, wie der Protagonist diese Achtsamkeits-Regeln interpretiert und natürlich zu seinen Gunsten umsetzt. Daneben hat der Autor auch ernsthafte und nachdenkliche Momente eingebaut und präsentiert dem Leser zu Beginn eines jeden Kapitels eine durchaus ernstzunehmende Lebensweisheit. Der Schreibstil ist dabei sehr lebendig und angenehm flüssig und die Spannung ist durchweg auf hohem Niveau, so dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann.

Fazit: Wenn man mit dem schwarzen Humor des Autors klarkommt, ist dieses Buch ein herrliches Lese- bzw. Hörvergnügen, das ich gerne weiter empfehle.

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Veröffentlicht am 03.03.2022

Der ganz besondere Champagner …

Kaiserstuhl
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Man schreibt das Jahr 1962. Das Wirtschaftswunder ist auch an Henny Köpfer nicht vorüber gegangen. Es war ihr gelungen, die Weinhandlung ihres Vaters in der Schusterstraße in Freiburg, die beim Bombenangriff ...

Man schreibt das Jahr 1962. Das Wirtschaftswunder ist auch an Henny Köpfer nicht vorüber gegangen. Es war ihr gelungen, die Weinhandlung ihres Vaters in der Schusterstraße in Freiburg, die beim Bombenangriff 1944 auf Freiburg total zerstört wurde und bei dem ihr Vater sein Leben lassen musste, wieder aufzubauen und ein gut florierendes Geschäft daraus zu machen. Henny war zwar im Krieg mit dem Leben davon gekommen, hatte aber viel Leid erfahren müssen. Sie erinnert sich an ihre erste Liebe, den Franzosen Yves Vossinger, mit dem sie nach Kriegsausbruch keinen Kontakt mehr haben konnte und an ihre frühe Ehe mit Heiner aus Eichingen am Kaiserstuhl, der 1941 im Balkan-Feldzug gefallen war. Sie war damals schwanger mit einem Jungen, den sie daraufhin auch verlor. Als dann 1944 alles zerstört war entdeckte sie mitten im Chaos einen kleinen Jungen, der wie sie alleine war. Mit Kaspar, so nannte sie ihn, flüchtete sie nach Eichingen zu ihrer Schwiegermutter Kätter, die in dem Buben ihr Enkelkind vermutete. Damals am Kaiserstuhl verliebte sich Henny auch den Elsässer Paul Duringer, der nun, 1962, auf der Suche nach einer bestimmten Flasche Champagner, einen 1937er Vossinger, ist. Sie stammt aus dem Raubgut der Deutschen, überlebte den Krieg im Führerbunker in Berchtesgaden und soll nun aus Anlass des deutsch/französischen Freundschaftsvertrags zwischen De Gaulle und Adenauer überreicht werden – und diese Flasche lagert jetzt in Hennys Weinkeller …

Brigitte Glaser, die Autorin von „Kaiserstuhl“, wurde 1955 in Offenburg geboren. Nach dem Abitur studierte sie Sozialpädagogik in Freiburg und übersiedelte danach nach Köln. Um die Jahrtausendwende begann sie ihre schriftstellerische Arbeit zunächst mir Kurz-Krimis. Ihren Durchbruch schaffte sie 2016 mit dem Roman „Bühlerhöhe“, der wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. Heute lebt sie immer noch in Köln und ist dort in der Erwachsenenbildung tätig.

Neben dem angenehmen Schreibstil und dem spannenden Handlungsverlauf fallen hier besonders die exakte geschichtliche Recherche und die genaue Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten auf. Der Autorin ist es gelungen, die Lebensbedingungen sowohl während der Kriegsjahre, als auch zur Zeit des Wirtschaftswunders, in der Breisgau-Region wieder aufleben zu lassen. Es war die große Zeit des Kinos, der Kleinkunstbühnen und der Jazzkeller. Die Schicksale der Protagonisten, ihre Lebenssituationen und Verhaltensweisen, ihre Liebe und ihre Gewissensqualen, fühlen sich absolut authentisch an und sind bestens in die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse eingebunden. Das Geschehen um den Champagner und die Frage, warum es gerade diese eine bestimmte Flasche des Jahrgangs 1937 aus der Kellerei Vossinger sein muss, verleiht der Geschichte die nötige Spannung - die Auflösung zum Schluss ist durchaus nachvollziehbar. Ein Stammbaum der Familien Köpfer und Duringer, die die Hauptpersonen in diesem Roman sind, ist am Ende des Buches zu finden und rundet das Ganze gut ab.

Fazit: Ein Roman der gekonnt Zeitgeschichte mit menschlichen Schicksalen verbindet, der sehr gut recherchiert und einfühlsam geschrieben ist und den ich gerne weiter empfehle.

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