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Veröffentlicht am 08.03.2022

Mord auf Japanisch

Die Aosawa-Morde
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Inhalt: 
Ein Geburtstagsfest der angesehenen Ärzte-Familie Familie Aosawa endet in einer Tragödie, als beinahe alle Anwesenden vergiftet werden. Einzig die blinde Tochter Hisako überlebt den schrecklichen ...

Inhalt: 
Ein Geburtstagsfest der angesehenen Ärzte-Familie Familie Aosawa endet in einer Tragödie, als beinahe alle Anwesenden vergiftet werden. Einzig die blinde Tochter Hisako überlebt den schrecklichen Vorfall. Als sich der Bote, der die zyanidversetzten Getränke, an die Feiernden ausgeliefert hat, erhängt, scheint klar, wer der Mörder ist. Doch auch Jahre später gibt es immer noch Menschen, deren Schicksale eng mit dem der Aosawas verbunden ist, und die nicht abschließen können, mit den Geschehnissen dieses unheilvollen Sommertages.

Meine Meinung:
„Wahrheit ist immer eine Frage der Perspektive“, heißt es sinngemäß im Buch, und dieses Zitat ist sinngemäß für die ganze Geschichte zu verstehen. „Die Aosawa-Morde“ erzählt einen Kriminalfall aus verschiedenen Perspektiven und lässt so nach und nach ein mehrdimensionales Bild der Geschehnisse entstehen. Dieses Bild mutet oft düster und mystisch an. Der Text erinnert mich an eine Art stillen Horrorfilm, auf keinen Fall blutrünstig, aber doch auf eine unterschwellige Art gruselig und geisterhaft. Die ruhige und implizite Erzählart der Autorin hebt sich stark von anderen spannungsliterarischen Romanen ab.
Die Geschichte ist kompliziert, viele unterschiedliche Ereignisse und scheinbar kleine Details werden von der Autorin miteinander verwoben. Man muss gut aufpassen, um alles erfassen zu können. Gleichzeitig ist „Die Aosawa Morde“ definitiv ein Buch zum mehrmaligen Lesen, da man kaum von Beginn an alles erfassen kann.
Zum Ende hin, wird aus einer komplizierten Geschichte leider allmählich ein undurchsichtiger Text. Die Auflösung der Handlung hat mich unbefriedigt zurückgelassen. An dieser Stelle hätte ich mir mehr Klarheit gewünscht.
Unabhängig von der Kriminalgeschichte, welche in „Die Aosawa Morde“ erzählt, bietet das Buch auch einen spannenden und atmosphärischen Einblick in die japanische Kultur. Dieser Aspekt hat mir rückblickend sogar am besten gefallen.

Fazit:
„Die Aosawa Morde“ ist ein sehr lesenswerter Roman, auch für all diejenigen, die typischerweise keine Thriller oder Kriminalromane lesen. Das Buch lebt von seinem außergewöhnlichen Erzählstil.

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Veröffentlicht am 07.03.2022

Licht der Vergangenheit

Der Papierpalast
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Inhalt:

Seit ihrer frühesten Kindheit verbringt Elle jeden Sommer im Papierpalast. So nennt ihre Familie das heruntergekommene Ferienquartier, das sie seit Jahren besitzen. Ein wesentlicher Bestandteil ...

Inhalt:

Seit ihrer frühesten Kindheit verbringt Elle jeden Sommer im Papierpalast. So nennt ihre Familie das heruntergekommene Ferienquartier, das sie seit Jahren besitzen. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Sommer ist Elles Kindheitsfreund Jonas. Die beiden verbindet eine innige Freundschaft, die eng an Liebe grenzt, wahrscheinlich sogar Liebe ist oder Liebe hätte sein können, hätte nicht ein schicksalhafter Sommer alles verändert.
Mittlerweile ist Elle fünfzig, Mutter von drei Kindern und seit langer Zeit verheiratet. Doch ausgerechnet in diesem Sommer, nach all den Jahren, kommt es zu einer Konfrontation, welche die Ereignisse von damals in ein neues Licht rückt. Und Elle muss sich entscheiden: Bleibt sie bei ihrer Familie oder gibt sie ihrer Sehnsucht nach Jonas endlich nach?



Meine Meinung:

„Der Papierpalast“ fühlt sich fast wie ein Epos an. Die Autorin erzählt eine ganze Biographie. Fünfzig Jahre im Leben einer Frau, selbst das Leben, bevor es Elle überhaupt gab, beleuchtet sie. Dabei werden gekonnt Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben. Einzelne Szenen aus unterschiedlichen Handlungssträngen wechseln sich miteinander ab und lassen nach und nach ein Gesamtbild entstehen.
Besonders gut gefallen hat mir, dass das Buch (meistens) keine Schwarz-Weiß-Klischees bedient. Die Autorin bemüht sich deutlich spürbar ihren Figuren eine gewisse Ambivalenz mitzugeben. Selbst im abgrundtief Bösen steckt Gutes und Liebenswertes oder zumindest Bedauernswertes. Beim Stichwort „abgrundtief böse“ möchte ich übrigens warnen! „Der Papierpalast“ ist nichts für schwache Nerven. Leser*innen, die ich unsicher sind, rate ich dazu, sich um eine Triggerwarnung zu bemühen.
Wie die Rahmenhandlung bereits erahnen lässt: Auch Elle selbst ist keine grundsympathische Protagonistin. Aber im Laufe der Geschichte schafft es die Autorin, ein tiefes Grundverständnis für diese Frau zu schaffen. Ich habe sehr mit Elle gelitten und es ist mir schwer gefallen, sie am Ende des Buchs zwischen den Seiten zurückzulassen. Vielleicht ging es mir auch deswegen zu schnell. Der Text hat immens lange auf das große Finale hingearbeitet, nur um dann sehr abrupt zu enden.
Miranda Cowley Heller schreibt sehr detailreich und atmosphärisch. Ich habe die Sommer im Papierpalast beim Lesen auf der Haut gespürt. (Vielleicht gab es ungewöhnlich viele Erwähnungen von Toiletten oder Insekten, aber das stört mich nicht.)
Leider ist mir dazwischen das Gefühl für Elle und Jonas als Paar ein wenig abhanden gekommen. Ich habe den Eindruck, die Geschichte und Elles Schicksal sind so groß und so mächtig und das Buch konzentriert sich so sehr auf einen bestimmten Wendepunkt in Elles Leben, dass die Annäherung, die unschuldige zarte Liebe zu Jonas, die ich gerne gesehen hätte, um zu verstehen, was die beiden später füreinander sind und schon vor dem Wendepunkt füreinander waren, zu sehr in den Hintergrund rückt.
„Der Papierpalast“ ist eine Geschichte über das Leben, das Schicksal und was uns zu den Menschen macht, die wir sind. Vor allem und gerade dann, wenn das Schicksal wirklich schwer zu ertragen ist. Der Roman ist auch eine Geschichte über Familien und die Art und Weise wie Menschen innerhalb einer Familie sich gegenseitig formen. Ich fand es sehr interessant, wie die Autorin durch die Darstellung entscheidender Ereignisse die späteren Handlung und Verhaltensweisen ihrer Figuren indirekt erklärt.

Fazit:

„Der Papierpalast“ ist ein spannendes und intensives Buch, das tief in seine Figuren vordringt und von Leid, Leben und Schmerz erzählt. Wenn man einzelne Längen in der Handlung mit mehr Elle und Jonas ausgleichen würde, wäre es perfekt. So ist es trotzdem eine Empfehlung, die ich von Herzen aussprechen kann.

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Veröffentlicht am 20.02.2022

Schein und Sein

Die Gezeiten gehören uns
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Inhalt:
"Die Gezeiten gehören uns" erzählt eine Geschichte aus der Jugend der Protagonistin Eulabee. Sie wächst in den Achtzigerjahren in einem Vorort von San Francisco als Tochter Schwedischer Einwanderer ...

Inhalt:
"Die Gezeiten gehören uns" erzählt eine Geschichte aus der Jugend der Protagonistin Eulabee. Sie wächst in den Achtzigerjahren in einem Vorort von San Francisco als Tochter Schwedischer Einwanderer auf und besucht eine teure Privatschule für Mädchen, die sich ihre Arbeiterfamilie nur mühsam leisten kann. Im Alter von dreizehn Jahren verbringt sie ihre Zeit im engen Kreis einer Mädchenclique. Im Zentrum dieser Clique steht Eulabees beste Freundin, die allseits beliebte und faszinierende Maria Fabiola.
Die Bindung der beiden Freundinnen zerbricht allerdings an einer Situation, in der Eulabee Maria Fabiola nicht die Treue hält.
Von diesem Punkt aus entspinnt sich ein Geflecht aus Wahrheit und Lügen, welches das Leben der beiden Mädchen nachhaltig verändert.

Meine Meinung:
Ich habe "Die Gezeiten gehören uns" wirklich gerne gelesen! Von der ersten Seite an hat mich die Sprache der Autorin und die Art und Weise, wie sie Stimmung und Atmosphäre erzeugt, in ihren Bann gezogen. Ich glaube, diese Atmosphärik (die Achtziger, San Francisco. California, der Ozean, das Erwachsenwerden, die Privatschülerinnen in ihren Uniformen), kann als die ganz große Stärke dieses Romans gesehen werden. Das Gefühl, das beim Lesen entsteht, ist es, was mich durch die Seiten getrieben hat.
Und trotzdem bin ich nicht restlos überzeugt: Unter diesem Gefühl verbirgt sich nämlich eine Geschichte, die immer dünner wird, je länger ich sie zerdenke. Ich frage mich, was eigentlich der Kern dieses Romans ist und, was die Autorin mir schlussendlich sagen will. Ich kann den zentralen Konflikt abschließend einfach nicht greifen. Es ist schwer zusammenzufassen, worum es geht, ohne die Handlung vorwegzunehmen, der Klappentext trifft diese aber nur in Ansätzen.
Ansätze sind im Übrigen ein weiteres Problem. In der Geschichte werden viele Thematiken aufgeworfen und dann nicht richtig zu Ende erzählt. Das Buch hätte hier gerne ein paar Seiten länger sein dürfen. Grundsätzlich mangelt es an verschiedenen Stellen an Tiefe. Insbesondere, wenn es um die Freundschaft von Eulabee und Maria Fabiola geht. Hier bleibt die Autorin in meinen Augen viel zu oberflächlich. Rückblickend betrachtet weiß ich nicht einmal ansatzweise, wer diese beiden Mädchen sind und, was sie füreinander waren.
Aufgefallen ist mir zudem, dass es in dem Buch immer wieder zu Begebenheiten und Zufällen kommt, die mir absurd und irgendwie unglaublich erscheinen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass Eulabee erst dreizehn Jahre alt sein soll. Über dieses extrem junge Alter bin ich immer wieder gestolpert, in verschiedensten Situationen hat es mich irritiert. Deshalb und weil die Charakterisierung der Protagonistinnen so undeutlich ist, kann ich das Buch auch nicht wirklich als Coming-Off-Age-Geschichte kategorisieren, obwohl ich vermute, dass es das eigentlich sein will. Auch der Epilog hat eher irritiert, als mich zu erhellen oder meine Neugier darauf, wie es denn wohl weitergehen könnte, zu befrieden.

Fazit:
"Die Gezeiten gehören uns" ist ein kurzweiliges, atmosphärisches Buch über Mädchen in ihrer Jugend, einer unglaublich brüchigen Zeit, in der man noch nicht wirklich ist, wer man einmal sein wird, und gerade eben erst aufgebrochen ist, um sich selbst zu finden. Diese Brüchigkeit nimmt die Autorin als Nährboden, auf dem Wahrheit und Lügen, toxische Gruppendynamiken und verheerende Fehlentscheidungen wachsen können. Alle diese Motive finde ich unglaublich spannend, ich wünschte nur, die Geschichte hätte sie besser und detaillierter auf den Punkt gebracht.

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Veröffentlicht am 14.02.2022

Verzweifelt verliebt.

So reich wie der König
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Inhalt:

Casablanca, Marokko, Mitte der Neunzigerjahre:
Sarah ist eine sechzehnjährige Französin, die Tochter einer Prostituierten, ein Straßenmädchen, das am Rand einer Barackensiedlung aufwächst in ...


Inhalt:

Casablanca, Marokko, Mitte der Neunzigerjahre:
Sarah ist eine sechzehnjährige Französin, die Tochter einer Prostituierten, ein Straßenmädchen, das am Rand einer Barackensiedlung aufwächst in einer Stadt, in der entsetzliche Armut und unerhörter Reichtum eng nebeneinander existieren. Um sich selbst aufzuwerten, sucht sie die Aufmerksamkeit reicher Jungs, lässt sich von ihnen aushalten und führt sie an der Nase herum.
Driss stammt aus einer muslimischen Familie, der reichsten dieser Reichen, man sagt ihm nach, dass er „so reich wie der König“ sein soll. Darüberhinaus ist Driss hässlich und eigentümlich.
Sarah hält das nicht davon ab, ihn auszuersehen, als ihre persönliche Eintrittskarte in ein Leben voller Sorglosigkeit und Überdruss. Sarah will reich werden und dafür muss sie Driss heiraten.
Doch bald schon stellt sich heraus, dass der stille Junge auf dem Motorrad gar nicht so leicht zu knacken ist. Sie sucht mit aller Gewalt seine Nähe und als sie sie endlich findet, erkennt sie, dass sie in einer Welt lebt, in der sie alles voneinander trennt.

Meine Meinung:

„So reich wie der König“ von Abigail Assor ist eines meiner Highlights in diesem Frühjahr und bisher meine liebste Neuerscheinung in 2022. Das Buch verdient es gelesen zu werden. Feinfühlig und poetisch erzählt die Autorin von einer uns fremden Welt, von ihren Gesetzen und Zwängen, die zwei Jugendliche aus unterschiedlichsten Verhältnissen gleichermaßen in Ketten legen. Der Text wirkt unglaublich authentisch. Man spürt schnell, dass Abigail Assor selbst im Casablanca der Neunzigerjahre aufgewachsen ist. Sie scheut sich nicht davor diese Gesellschaft, das Patriarchat und seine schreiende Ungerechtigkeit zu kritisieren, zeichnet Bilder voller Glanz und Elend. Wenige Seiten haben gereicht und ich bin sofort wie durch ein Schwarzes Loch hineingesogen worden in die Atmosphäre dieser einzigartigen Geschichte. Die Sprache der Autorin ist dicht und schön, es ist ein Genuss sie zu lesen.
Sarah und Driss sind Figuren, die man nicht so schnell vergisst. Ich habe sie unglaublich lieb gewonnen und noch lange nach dem Lesen über die beiden nachgedacht.
Man darf nicht vergessen, wenn man „So reich wie der König“ liest, dass dieses Buch in erster Linie auch ein Gesellschaftsroman und nicht bloß eine Liebesgeschichte ist. Es geht um Geld, um das Haben und Nicht-Haben, und darum, was das mit den Menschen macht.
Assors Buch ist kein sexy Romance-Roman mit moralisch unfehlbaren Protagonisten. Armut und edle Motive vertragen sich auch im wirklichen Leben oft nicht. Das ist mir wichtig zu sagen, weil ich mir nicht erklären kann, wie man sich nicht in dieses Buch verlieben will, wenn man es mit den richtigen Erwartungen liest.
Das Ende von Sarah und Driss hat mich nach dem Lesen übrigens noch lange umgetrieben. Es ist perfekt für diese Geschichte, wenn auch nicht perfekt für dieses Leben.


Fazit:

Meine aller größte und eindringlichste Empfehlung, dieses wunderschöne Buch zu lesen, für das ich mir in den kommenden Wochen sehr viel Aufmerksamkeit wünsche. „So reich wie der König“ hat mich berührt und es hat von nun an einen sehr besonderen Platz in meinem Bücherherzen.

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Veröffentlicht am 14.02.2022

Nicht wirklich.

Unser wirkliches Leben
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Inhalt:
Anna lebt im schäbigsten Einliegerzimmer Londons und macht eine Ausbildung zur Opernsängerin an einem renommierten Konservatorium. Sie ist immer knapp bei Kasse und schlägt sich mit mehreren Jobs ...

Inhalt:
Anna lebt im schäbigsten Einliegerzimmer Londons und macht eine Ausbildung zur Opernsängerin an einem renommierten Konservatorium. Sie ist immer knapp bei Kasse und schlägt sich mit mehreren Jobs durch. Bei einem davon lernt sie Max kennen, einen wohlhabenden Banker, fünfzehn Jahre älter als sie selbst, mit dem sie eine sexuelle Beziehung eingeht. Innerhalb dieser Beziehung wird immer wieder deutlich wie steil das Machtgefälle zwischen den beiden ist. Aus diesem Gefälle entsteht in Kombination mit Max’ eigenwilligem Charakter ein toxisches Abhängigkeitsverhältnis. Anna verheddert sich mehr und mehr in einem Netz aus ihrer Affäre mit Max, ihrer finanziellen Mittellosigkeit, dem kräftezehrenden Konkurrenzkampf an der Musikhochschule und anderen schwierigen Nebenschauplätzen in ihrem Leben.

Meine Meinung:

Ich habe an mehreren Stellen gelesen, dass Imogen Crimp mit Sally Rooney verglichen wird. Nun kenne ich sowohl die eine als auch die andere und kann das nicht bestätigen. Beide sind junge Frauen, kommen aus dem Britischen und schreiben Geschichten, die sich an eine ähnliche Zielgruppe richten. (Außerdem verzichten sie jeweils auf bestimmte Satzzeichen.) Das war’s dann aber auch mit den Ähnlichkeiten.
Während ich Sally Rooney Aufarbeitung des aktuellen Zeitgeists als seltsam tröstlich empfand, habe ich mir bei „Unser wirkliches Leben“ gewünscht, dass dieses Buch möglichst wenig mit dem realen Leben zu tun habe. Im Zentrum der Geschichte steht das Verhältnis von Anna und Max. Die Aufarbeitung ihrer Beziehung als übergeordnetes Thema ist es auch, was mich zum Lesen bewogen hat. Das Problem ist nur, dass ich diese Beziehung überhaupt nicht verstanden habe. Max ist für mich eine einzige große Red Flag. Ich konnte zu keinem Zeitpunkt nachvollziehen, wieso Anna ihm so erlegen ist, wenn es ihr nicht primär um’s Geld geht, und das tut es laut Buch nicht. Er behandelt Anna wie ein kleines, naives Mädchen, nimmt sie kaum ernst. Dabei hat er gar kein Charisma, ist letztlich nichts anderes als ein verwöhnter, launischer Mann in seinen mittleren Jahren. Ich habe keine Anziehung zwischen den beiden gespürt, nicht einmal sexuelle Spannung, nur ein unerklärliches Festhalten an dieser Beziehung. Das ist mir für einen solchen Handlungsschwerpunkt einfach zu wenig. Warum ausgerechnet dieser Mann? Was hat er an sich, dass eine junge Frau sich ihm unterwirft? Wo liegt sein Zauber, das Betörende? Der Text beantwortet diese Fragen nicht.
Das Buch bietet noch weitere Handlungsstränge, die Konflikte aus Annas Leben bearbeiten. Vordergründig geht es um die musikalische Ausbildung, die Anna absolviert, um den ungesunden Konkurrenzkampf, und das große finanzielle Risiko, dem sich die Studierenden aussetzen. Da sind aber auch noch die extrem prekären Wohnverhältnisse, in denen Anna gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin lebt. Zwischen den beiden besteht außerdem eine toxische Freundschaft. Obendrein gibt es dann noch eine gestörte Beziehung zu Annas Mutter, einschließlich einhergehendem Kindheitstrauma.
Die Dialoge im Buch habe ich anfangs als sehr klug und spannend empfunden und das sind sie auch. Es entsteht durch sie ein gewisser Lesesog, man möchte wissen, wie es weitergeht. Im Verlauf wirkten sie jedoch zunehmend bedrückend auf mich. Es geht immer und immer wieder um moderne Beziehungsformen, um Geldsorgen, um Kunst und Musik, und dabei dreht sich alles um sich selbst und wird bis ins Kleinste auserzählt.
Vielleicht hätte mir das Buch besser gefallen, wäre es kürzer gewesen und hätte sich stärker fokussiert. Ich habe das Gefühl, die Autorin wollte zu viel in einem Roman unterbringen, und obwohl dieser umfangreich ist, verliert er sich zwischen all diesen Themen.

Fazit:
Ein schwieriges Buch, das durchaus spannend ist und definitiv seinen Reiz hat, mich aber leider nicht überzeugen konnte. Ich habe das Lesen als sehr beklemmend empfunden. Möglicherweise war das auch die Absicht der Autorin, mich hat sie damit nur leider nicht erreichen können.

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