Platzhalter für Profilbild

mabuerele

Lesejury Star
offline

mabuerele ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit mabuerele über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.04.2020

Fesselnd bis zur letzten Seite

Blutrausch
0

„...Karin blieb in der Mitte des Raumes stehen und ließ die Atmosphäre des Zimmers auf sich wirken. […] Ein Verbrechen verändert einen Ort, fuhr es ihr durch den Kopf. Nicht nur äußerlich, in Form von ...

„...Karin blieb in der Mitte des Raumes stehen und ließ die Atmosphäre des Zimmers auf sich wirken. […] Ein Verbrechen verändert einen Ort, fuhr es ihr durch den Kopf. Nicht nur äußerlich, in Form von Blut und dem Chaos einer Durchsuchung, sondern auch in der Ausstrahlung...“

Der Anwalt Norbert Weise hat die Nacht exakt durchgeplant. Er wird seinem Hobby frönen. Doch das Leben spielt anders. Ein Rascheln - und seine Pläne haben sich in Nichts aufgelöst.
Der Fall landet bei Hauptkommissarin Karin Wolf.
Der Autor hat erneut einen fesselnden und gekonnt strukturierten Krimi geschrieben.
Der Schriftstil lässt sich flüssig lesen. Kurze Kapitel sorgen für einen hohen Spannungsbogen. Die handelnden Personen werden ausreichend charakterisiert. Besonders gefallen hat mir, wie sich Karin ironisch selbst darstellt:

„...Ich muss kein Charmebolzen sein, schließlich ist ein hoher Prozentsatz meiner Kunden mausetot und denen ist es völlig egal, dass ich ein Muffel bin...“

Was am Tatort sofort auffällt, ist die Brutalität des Täters. Ihm kommt es auf viel Blut an. Eigentlich sieht es nach einem Einbruch mit Todesfolge aus. Das aber ist keinesfalls sicher. Anfangs suchen die Kriminalisten das Motiv in Weises beruflichen Umfeld. Der Herr Anwalt hat seine Möglichkeiten geschickt ausgereizt und sich als Betreuer eher Feinde als Freunde gemacht.
Doch die Art des Mordes lässt bei Karin alle Alarmglocken schrillen. Also setzt sie ihr Team darauf an, nach alten Fällen zu recherchieren. Heidelinde ist für ihre gründliche Arbeit bekannt. Prompt stößt sie auf ein ähnliches Vorgehen. Konsequent, wie sie ist, nimmt sie sofort Kontakt zum damaligen Revier auf.

„...Dass es 1 Uhr in der Nacht war, störte sie dabei kein bisschen. Wenn ich noch arbeite, können das andere auch, tat sie ihre diesbezüglichen Bedenken ab...“

Akribische Ermittlungsarbeit, kurze Einblicke in das Privatleben der Protagonisten und die Einbeziehung lokaler Details machen das Lesen zum Vergnügen. Hinzu kommt, dass sich der Autor nicht auf das eine Verbrechen beschränkt, sondern der Tatsache Rechnung trägt, das es Kriminalisten manchmal mit mehreren Fällen zu tun haben. Das einer davon Karin ganz besonders betrifft, ist das Sahnehäubchen des Krimis. Natürlich geht sie wie gewohnt manchmal eigene Wege, allerdings neuerdings immer in Begleitung mindestens eines Kollegen.
Ab und an blitzt ein feiner Humor auf.

„...“Eine Deeskalation war wohl nicht möglich?“ „Hast recht, ich hätte die beiden zu Entspannungs- und Atemübungen animieren sollen, während sie sich über mich hermachten...“...“

Hinzu kommt, dass ich einen Blick in die Psyche des Täters werfen darf. Ich kann seinen genauen Planungen folgen, erfahre, wie er der wurde, der er ist, und was seinen Taten als Motiv zugrunde liegt, weiß aber leider bis kurz vor Schluss nicht, wer er ist. Für seinen letzten geplanten Coup stellt er fest:

„...Denn bei dieser Mission würde er in ein Wespennest stechen und musste dabei höllisch aufpassen, dass die Wespen nicht zurückstachen...“

Er wird sich wundern!
Am Ende bleibt keine Frage offen. Alle Handlungsstränge werden gekonnt zusammengefügt. Was immer wieder positiv auffällt, sind die gute Arbeitsatmosphäre im Team und mit Haupt ein Chef, der zwar Leistung verlangt, sich aber hinter seine Leute stellt.
Der Krimi hat mir ausgezeichnet gefallen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.04.2020

Die Magie der Bilder

Joana auf Echo-Hall
0

„...Der einzige bunte Klecks Farbe in dem Zimmer war ein großes Bild über dem Kopfende des Bettes...“

Joana lebt mit ihren Eltern in London. Der Vater ist meist als Offizier auf See unterwegs. Als ihre ...

„...Der einzige bunte Klecks Farbe in dem Zimmer war ein großes Bild über dem Kopfende des Bettes...“

Joana lebt mit ihren Eltern in London. Der Vater ist meist als Offizier auf See unterwegs. Als ihre Mutter schwer erkrankt, schickt sie Joana zu Tante Hilda auf Echo – Hall. Den Eindruck von ihrem Zimmer dort gibt das Eingangszitat wieder.
Der Autor hat ein spannendes, phantasievolles und informatives Kinderbuch geschrieben.
Tante Hilda arbeitet für Sir Albert. Dem Altertumsforscher gehört das Anwesen. Er ist nicht mehr an Kinder gewohnt und stellt klare Regeln auf.

„...Du wirst dich also auf eine Frage pro Abend beschränken. So wirst du lernen, dich auf das Wesentliche zu Beschränken und deinen Geist in Disziplin zu üben...“

Tante Hilda wirkt auf mich sachlich. Sie setzt sich allerdings konsequent für Joana ein, wenn sie es als notwendig erachtet.
Fanny, die Köchin, ist dagegen eher der mütterliche Typ.
Der Schriftstil ist für die Zielgruppe angemessen. Das zeigt sich insbesondere bei der Beschreibung der verschiedenen Kunstepochen.
Eines beschäftigt Joana sehr. Das Haus ist voller Gemälde. Ein Vorfahr von Sir Albert war Maler. Und auf diesen Gemälden entdeckt Joana Besonderheiten. Ihr wird das so erklärt:

„...Sie sehen, was sie wissen. Sie wissen, dass in meinem Bild nur ich bin und eine Ente, aber keine nackte Nymphe. Also sehen sie sie auch nicht...“

Für Joana beginnt eine abenteuerliche Reise durch das Haus und seine Bilder. Dabei erfährt sie, was Impressionismus bedeutet, wie ein Aquarell gemalt wird und welchen Sinn die Aktmalerei hat.
Ab und an wird sie in fast philosophische Sphären geführt. So geht es um Bildwirklichkeit, um die Frage, was Kunst ist, und um den Zusammenhang zwischen Magie und Kunst.

„...Ich bin nur ein Bild. Ein Schattenwurf, ein Echo eines Menschen...“

Nebenbei erfährt Joana das eine oder andere über die Vergangenheit der Familie. Auch Sir Albert taut nach und nach auf. Joanas erfrischende und wissbegierige Art tut ihm gut. Er erlaubt ihr zum Beispiel den Besuch seiner Bibliothek.
Es geht nicht nur um Bilder, auch um Bücher. Damit kann Joana ihr Wissen vertiefen.
Die Beschäftigung mit Kunst und Literatur lenkt sie von der Sorge um die Mutter ab.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es geht in die Tiefe und lässt Kunst aus einem völlig neuen Blickwinkel erleben, im fast wörtlichen Sinne von innen heraus.
Mit einem letzten Zitat möchte ich meine Rezension beenden:

„… Ein Bild ist gewissermaßen ein Stück eingefrorenes Leben...“

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 18.04.2020

Bewegender Roman

Ein Lied für die Vermissten
0

„...Es gibt das Erzählen, und es gibt das Schweigen. Und es gibt die Fragen dazwischen...“

Wir schreiben das Jahr 2006. Während israelische Bomben auf Beirut fallen, lebt Amin zwei Autostunden entfernt. ...

„...Es gibt das Erzählen, und es gibt das Schweigen. Und es gibt die Fragen dazwischen...“

Wir schreiben das Jahr 2006. Während israelische Bomben auf Beirut fallen, lebt Amin zwei Autostunden entfernt. Dort erreicht ihn die Nachricht, dass seine Großmutter gestorben ist. Amins Gedanken gehen viele Jahre zurück.
Der Autor hat einen beeindruckenden Roman geschrieben. Er ermöglicht mir einen Einblick in die Geschichte des Libanon.
Der Schriftstil ist sehr abwechslungsreich. Das Besondere ist, dass die Geschehnisse nicht chronologisch erzählt werden. Das verlangt entsprechende Konzentration.
Amin hatte seine Kindheit in Deutschland verbracht. Er war Waise. 1994 kehrt die Großmutter mit ihm nach Libanon zurück in ein für ihn fremdes Land.
Es gibt sehr poetische Stellen im Buch.

„...Den Vogel nahm ich wahr, weil er mich blendete. Er saß auf den obersten Ast des Apfelbaums, seine Federn reflektierten das Sonnenlicht...“

Zwei Personen prägen Amins Leben. Das sind seine Großmutter und Jafar, eine Junge aus Beirut, der in der Schule Kontakt zu Amin sucht. Beide Beziehungen sind nicht einfach. Seine Großmutter bezieht Amin kaum in ihr Leben ein. Es dauert, bis er hinter ihr Geheimnis kommt. Offen bleibt, warum es zum Bruch zwischen beiden kam.
Jafar ist ein brillanter Erzähler. Zusammen mit Amin heckt er manche Dummheit aus, um an Geld zu kommen. Doch immer ist er der Gebende. Amin schaut zu ihm auf. Seine Vergangenheit bleibt lange geheimnisvoll. Die langsame Trennung zwischen den beiden Jungen ist schmerzhaft spürbar.
Bei der Großmutter immer gegenwärtig ist Abbas. Er erscheint selbst zu ungewöhnlichen Zeiten.

„...So ist das im Libanon […] Gäste kommen immer dann auf eine Tasse Kaffee vorbei, wenn man gerade tausend Dinge zu tun hat...“

Die Großmutter versorgt Amin eine Stelle im Nationalmuseum, damit er von der Straße wegkommt. Doch taucht Amin in die Welt der Bücher ein. Gleichzeitig lernt er Menschen kennen, die die orientalische Tradition der Märchenerzähler pflegen. Sabir Mounir lehrt ihn, selbst aus den zerstörten Büchern zu lesen.

„...Heute glaube ich, dass auch die Arbeit im Museum ihren Teil dazu beitrug, dass ich genauer hinzusehen begann. Dass ich sogar dort nach Antworten suchte, wo zunächst nicht einmal Fragen waren...“

Eingebettet in das Buch sind die Geschichten vieler Menschen. Doch welche davon sind wahr? Das wird nicht immer deutlich.
Ein Thema allerdings durchzieht das Buch wie ein roter Faden. Wo sind die vielen im Bürgerkrieg Vermissten?
Amins Mutter hatte in Paris studiert. Eines ihrer Bilder trägt den Titel „Ein Lied für die Vermissten“.
Das Buch enthält eine Menge an Informationen über das Leben im Libanon. Nach 1994 war es noch kein friedliches Land. Die Fragen der Vergangenheit harrten einer Antwort. Wer aufbegehrte, hatte mit Schikanen zu rechnen.

„...Dieses Land war schon immer in der Hand mehrerer mächtiger Familien. Was das angeht, sind wir im Mittelalter stehen geblieben. Die Mörder, die ganz oben wohnen, sind heute unsere Politiker. Im Krieg haben sie Milizen angeführt, die sich bekämpft haben. Jetzt machen sie die Gesetze. Sie verhindern die Aufarbeitung und das Erinnern...“

Nach und nach begreift Amin, wie tief die politischen Verhältnisse in das Leben seiner Vorfahren eingegriffen haben. Sehr berührend sind manche seiner Gespräche mit Jafar. Hier arbeiten sie ihre Sorgen und Ängste ab.
Das Schweigen seiner Großmutter ist für Amin nur schwer erträglich. Später wird er formulieren:

„...Anzunehmen, dass Schweigen nachfolgende Generationen schützt, ist ein großer Irrtum. Das Gegenteil ist der Fall...“

Da weiß er schon, dass auch seine Eltern zu den Vermissten gehörten und dass die Reise der Großmutter mit ihm nach Deutschland als Baby eine Flucht war.
Das Buch hat wesentlich mehr Facetten, als ich je in dieser Rezension unterbringen kann. Eine weitere zeigt sich bei Betrachtung der Wohnungen. Hier erkennt Amin, warum Flüchtlinge sich so einrichten, wie sie sich einrichten. Es ist immer nur als Heim auf Zeit geplant.
Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen. Es ist eine Lektüre, für die man sich Zeit nehmen muss, wenn man in ihre Tiefen eindringen will.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.04.2020

Was ist los im Seniorenpark?

Makrelenblues
0

„...Einen Vorteil hatte diese Art zu reisen bestimmt: Man wurde in seinem Behältnis verplombt und musste anschließend keinerlei Sicherheitskontrollen mehr über sich ergehen lassen...“

Marga erscheint ...

„...Einen Vorteil hatte diese Art zu reisen bestimmt: Man wurde in seinem Behältnis verplombt und musste anschließend keinerlei Sicherheitskontrollen mehr über sich ergehen lassen...“

Marga erscheint bei Hanna. Im Seniorenpark „Elysium“ ist Karl Lißner verstorben. Hanna soll ermitteln, weil Marga der Meinung ist, dass dabei nicht alles mit rechten Dingen zuging. Zuerst aber unterhalten sich die beiden über den bizarren Wunsch des Toten. Seine Urne soll einen Spaziergang durch Lissabon unternehmen. Natürlich kommt Hannas spitze Zunge und ihr glasklaren Verstand sofort zum Tragen, was das Eingangszitat zeigt.
Harry, Hannas Freund und Journalist, hat sich mittlerweile in eine besondere Idee verrannt. Er will die Barschel - Affäre aufklären. Daran haben sich schon andere seit 1987 die Zähne ausgebissen!
Die Autorin hat erneut einen fesselnden und vielseitigen Krimi geschrieben. Hanna erzählt die Geschichte selbst.
Der Schriftstil ist abwechslungsreich. Die liebevollen und trotzdem sehr eigenen Beschreibungen der Landschaft zeugen von Heimatverbundenheit.

„...Draußen hub ein Amselherr an zu singen, um seinen Nebenbuhlern zu zeigen, was eine Harke ist. Wir bewegten uns auf den April zu und der Frühling nahte endlich mit Macht...“

Hanna ist skeptisch. Doch Marga zuliebe sieht sie sich den Wohnpark und die von Marga in Erwägung gezogene Verdächtige etwas genauer an. Danach ist sie nicht viel schlauer als vorher. Ihr Eindruck von der Anlage liest sich so:

„...Mir hatte der Besuch im Park einen Schock versetzt. Es war alles so sauber, so geregelt, so fleckenlos, so organisiert. Du lieber Himmel, nicht einmal Kindergeschrei störte dieses Leben...“

Was anfangs kaum wie ein Fall aussah, entwickelt sich nach und nach zu einem komplexen Geflecht aus Beziehungen. Da ist das gestörte Vater – Sohn – Verhältnis des Verstorbenen und seine unbekannten Aktivitäten in Lissabon.
Harry steht ebenfalls neben sich. Bevor aber seiner Recherchen Geld einbringen werden – wenn überhaupt – muss er sich notgedrungen mit profanen Themen über Wasser halten. Dazu gehört eine Reportage über den Taubenzüchterverein. Dort redet er sich um Kopf und Kragen. Sonderbar aber ist es schon, dass die beste Brieftaube nicht zurückgekehrt ist.
Wie von der Autorin gewohnt, werden viele brisante politische Themen gekonnt gesteift, seine es alte Seilschaften, Waffengeschäfte, sexueller Missbrauch gewisser Kreise und manches mehr.
Da Hanna von ihrem Job als Detektivin nicht leben kann, schreibt sie nebenbei Liebesromane. Erstmals lerne ich ihre Agentin für diese Schmozetten kennen. Die Frau passt zu Hanna. Sie nimmt das Leben mit Humor, kann auch mit einem „Nein“ umgehen und ist mir sympathisch.
Ein sehr ernster Ton kommt in das Buch, als es um ein persönliche Erleben zur Zeit der Diktatur in Portugal geht. Danach sieht Hanna Karl Lißner mit völlig anderen Augen:

„...Ich hätte Karl Lißner an ihrer Stelle filetiert, wenn er mir in die Finger geraten wäre...“

Am Ende klären sich wie gehabt alle Fälle auf. Das Gesamtpaket wird logisch aufgeschnürt und dargelegt.
Die Geschichte hat mir ausgezeichnet gefallen. Hannas skurriler Humor und ihre messerscharfe Analyse der Wirklichkeit ist schon allein das Lesen wert. Ein Zitat, dass sie Harrys Neffen entgegenhält, soll meine Rezension abschließen:

„...Und ein Computerspiel, in dem die Toten unsterblich sind, obwohl sie pausenlos erschossen, zerstückelt und verbrannt werden, ist es auch nicht. Hier reicht nicht das Ziehen des Steckers, damit alles auf null und dann wieder von vorn losgeht...“

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.04.2020

Texte zum Nachdenken

Wenn man vom Teufel spricht
0

„...Früher wollten wir, dass der Spaß zur Pflicht wird. Heute wollen wir, dass die Pflicht Spaß macht...“

In 200 Texten arbeitet der Autor unsere Zeit auf. Es wechseln Geschichten mit Gedichten. Letztere ...

„...Früher wollten wir, dass der Spaß zur Pflicht wird. Heute wollen wir, dass die Pflicht Spaß macht...“

In 200 Texten arbeitet der Autor unsere Zeit auf. Es wechseln Geschichten mit Gedichten. Letztere können gereimt sein oder auch nicht. Eines aber ist allen gemeinsam. Der Autor legt gekonnt die Finger in die Wunden unserer Zivilisation.
Der Schriftstil fällt durch seine Vielfalt auf. Dazu gehören völlig neue Wortschöpfungen:

„...Ein Ei von blassem Ampelgelb und ein Wenigerrettichquark sind auch nur ein schwacher Trost für Nieselregenkaffee und Reformstaumeldungsradio...“

Es gibt besinnliche Texte und tiefschwarze. Manche Gedanken kommen fast philosophisch daher wie zum Beispiel das Eingangszitat.

Auch die Themen bestechen durch ihre Vielfalt. Die Betrachtung des eigenen Ichs, der neue Blick auf Alltagssituationen, die Hinterfragung von altbekannten literarischen Texten und die tagesaktuelle Politik werden mal zynisch, mal analysierend auf die Schippe genommen.

„...Ich glaube, ich gehöre nicht zu Deutschland. Zum Beispiel hätte ich einen Migrationshintergrund anzubieten. Meine Eltern kommen aus dem heutigen Polen. […] Und der Islam und alles, was damit zusammenhängt, macht mir auch nicht mehr Angst als die amerikanische Regierung...“

Bei den Geschichten um Herrn Hut wurde ich an Brechts Herrn K. erinnert. Ab und an wendet sich der Autor der Schulbildung zu. Sein Buch ist in „alter“ Rechtschreibung geschrieben.

„...Fünfe grade sein zu lassen
tun nur die die`s Rechnen hassen
richtig rechnen das ist schwer
kann ja eh bald keiner mehr...“

Die Anspielung auf die Märchenwelt fehlt ebenfalls nicht.

„...Das Kind, das entdeckt hat, dass der Kaiser nackt ist, hat nicht geahnt, was es mit dieser Entdeckung angerichtet hat. ..“

Nicht bei allen Texten habe ich auf Anhieb begriffen, was der Autor damit sagen will. Beim manchen klappte es beim zweiten Lesen, bei wenigen nie. Sicher wird jeder seine persönlichen Lieblingstexte finden.
Einen aus 200 herausgreifen ist schwierig. Meiner ist „Wie wollen wir leben“. Normalerweise könnte ich dem eine Reihe weiterer Texte danebenstellen.
Jeder Text ist mit dem Entstehungsdatum versehen.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen, auch wenn der Humor des Autors nicht an jedem Punkt meiner ist. Mit einem Zitat möchte ich meine Rezension beenden.

„...Fahrerlaubnis ist Pflicht. Aber Wahlerlaubnis hat jeder. Wie fahrlässig. Die Politik scheint ein geradezu kindliches Vertrauen zu haben, dass die Anzahl hier aufwachsender unmündiger Idioten vernachlässigt und ertragen werden kann...“

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere