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Veröffentlicht am 28.09.2024

Ein unvorstellbarer Verlust

Mein drittes Leben
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Für Linda, einst eine erfolgreiche Kuratorin, ist die Zeit stehen geblieben. Seit dem Unfalltod ihrer 17-jährigen Tochter Sonja hat eine allumfassende Trauer sie fest im Griff. Schon zwei Jahre lang hat ...

Für Linda, einst eine erfolgreiche Kuratorin, ist die Zeit stehen geblieben. Seit dem Unfalltod ihrer 17-jährigen Tochter Sonja hat eine allumfassende Trauer sie fest im Griff. Schon zwei Jahre lang hat sich die Mittvierzigerin auf einen ehemaligen Bauernhof fernab von Leipzig zurückgezogen. Ihr Mann Richard, der sie dort sporadisch besuchen kommt, weiß nicht mehr, wie er ihr helfen könnte. So droht Linda jetzt auch noch, dass ihr die Ehe entgleitet.

„Mein drittes Leben“ ist ein Roman von Daniela Krien, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2024 geschafft hat.

Die Struktur des Romans ist wohl durchdacht und schlüssig. Er besteht aus zwei Teilen mit insgesamt 31 kurzen Kapiteln. Erzählt wird im Präsens in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Linda - in chronologischer Reihenfolge, aber mit mehreren Rückblicken. Die Handlung spielt in Leipzig und einem Dorf in Ostdeutschland, dessen Name nicht verraten wird. Sie umspannt mehrere Jahre.

Auf sprachlicher Ebene hat mich der Roman komplett überzeugt. Auf den ersten Blick wirkt der Text schnörkellos und unspektakulär, fast nüchtern. Dennoch wird viel Atmosphäre vermittelt. Die Beschreibungen sind wunderbar anschaulich. Die Autorin beweist eine feine Beobachtungsgabe und eine Menge Sprachgefühl. Viele Zeilen sind eindringlich formuliert, gehen unter die Haut. Trotz oder gerade wegen des unaufgeregten Schreibstils konnte mich der Text schnell für sich einnehmen.

Auch die Figuren sind ein Plus des Romans. Sie werden realitätsnah und mit psychologischer Tiefe dargestellt. Protagonistin Linda ist ein interessanter und sympathischer Charakter, in den ich mich gut hineinfühlen und deren Gedanken und Gefühle ich gut nachvollziehen konnte. Positiv aufgefallen ist mir, dass die Personen - wie im wahren Leben - zwar Schwächen und Widersprüchlichkeiten in sich tragen. Weil sie ihre eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten eingestehen und reflektieren können, kommen Linda und Richard besonders menschlich und liebenswert rüber.

Die Geschichte widmet sich der Frage, wie man mit einem unvorstellbar großen Verlust, dem Tod des eigenen Kindes, weiterleben kann. Ihr gelingt es darzustellen, wie scheinbar endlos lange der Trauerprozess dauert, welche Rückschläge und Hindernisse auf diesem schweren Weg liegen und wie stark ein solcher Verlust uns lähmen kann. Das macht den Roman zu einer sehr berührenden, aber kitschfreien Lektüre. Immer wieder hatte ich beim Lesen einen dicken Kloß im Hals.

Obwohl auf den fast 300 Seiten stellenweise gar nicht so viel passiert, hat mich die Geschichte zu keinem Zeitpunkt gelangweilt. Die Handlung bleibt von Anfang bis Ende stimmig und glaubhaft.

Das Covermotiv, eine Hochspringerin, lässt sich vermutlich nur mit viel Fantasie in Bezug zum Inhalt setzen. Mir hat sich der Zusammenhang leider nicht erschlossen. Umso passender ist für mich allerdings der Titel.

Mein Fazit:
Mit „Mein drittes Leben“ hat mich Daniela Krien rundum begeistert. Obwohl es der Roman bedauerlicherweise nicht in die engere Auswahl für den Buchpreis geschafft hat, gehört er schon jetzt zu meinen Lieblingsbüchern 2024. Eine Lektüre, die nachhallt. Große Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 17.09.2024

Vom Leben nach dem Leben

Wir Gespenster
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Lilli Ehrlicher ist verwirrt, als sie sich im Park vor ihrer eigenen Leiche wiederfindet. Sie kann sich nicht erinnern, wer sie ist, und noch viel weniger weiß sie, was ihr zugestoßen ist. Schnell wird ...

Lilli Ehrlicher ist verwirrt, als sie sich im Park vor ihrer eigenen Leiche wiederfindet. Sie kann sich nicht erinnern, wer sie ist, und noch viel weniger weiß sie, was ihr zugestoßen ist. Schnell wird aber klar, dass sie gewaltsam zu Tode gekommen ist. Andrä, ein ehemaliger Kommissar, der ebenfalls in der Geisterwelt wandelt, bietet ihr seine Hilfe und Gesellschaft an.

„Wir Gespenster“ ist ein Roman von Michael Kumpfmüller.

Der Roman verfügt über eine sinnvolle und nachvollziehbare Struktur: Die insgesamt 30 kurzen Kapitel erstrecken sich über drei Teile. Erzählt wird im Präsens und in chronologischer Reihenfolge abwechselnd aus der Sicht von Lilli und der von Andrä. Die Handlung spielt überwiegend, aber nicht ausschließlich in einer nicht näher bestimmten deutschen Stadt und umfasst einige Monate.

Auf der sprachlichen Ebene gibt sich der Autor keine Blöße. Manche Formulierungen klingen zwar ein wenig altbacken, aber nicht unpassend. Der unaufgeregte Schreibstil glänzt mit flotten Dialogen und anschaulichen Beschreibungen. Besonders gut haben mir die subtilen Referenzen und Verweise unterschiedlicher Art gefallen, mit denen aufmerksame Leser belohnt werden und die ich hier nicht vorwegnehmen möchte. Humorvolle Passagen laden zum Schmunzeln ein und nehmen der Geschichte die Schwere. Allerdings lässt die etwas phlegmatische Erzählstimme bei mir keinen Lesesog entstehen.

Die Idee des Romans ist nicht gänzlich neu, aber in ihrer Umsetzung dennoch kreativ und interessant ausgearbeitet. Die Überlegungen zur Zwischenwelt der Geister, mit der wir es in der Geschichte zu tun haben, erscheint auf den ersten Blick gründlich durchdacht und nicht komplett abgedreht. Bei genauerem Lesen ergeben sich jedoch kleinere Logiklücken und Widersprüche, die mich gleichwohl nur minimal gestört haben.

Mit Lilli und Andrä gibt es zwei reizvolle Hauptfiguren. Beide sind mit psychologischer Tiefe ausgestattet. Ihre Gefühle und Gedanken werden sehr gut deutlich. Allerdings wirkt insbesondere Lillis Verhalten auf mich kaum realitätsnah. Ihr überwiegendes Desinteresse an ihrem Mörder, der vergleichsweise geringe Schock über den eigenen Tod und ihre gleichgültige Art, die große Teile ihres früheren Lebens betrifft, erscheint mir wenig glaubhaft. Auch die schon im Klappentext angekündigte Romanze zwischen den beiden erschließt sich mir nicht in Gänze.

Wer sich auf die Geschichte einlässt, sollte keinen Krimi oder Thriller erwarten. Zwar geht es auch um die Aufklärung des Mordes beziehungsweise Totschlages. Vielmehr werden aber philosophische Fragen behandelt. Zum Beispiel die, worum es im Leben geht, was davon letztlich bleibt und was danach kommen könnte. Diesbezüglich sind einige kluge Sätze in den Text eingeflochten. So entsteht eine facettenreiche und tiefgründige Mischung.

Auf den rund 240 Seiten ist die Spannung nicht konstant hoch, was für mich allein kein Manko wäre. Die inhaltlichen Wiederholungen in der Geschichte machen manche Kapitel jedoch etwas langatmig. Mit dem letzten Kapitel setzt die Geschichte einen sprachlich wie inhaltlich gelungenen Schlusspunkt. Trotzdem hätte mir das Ende besser gefallen, wenn nicht ganz so viele Fragen offen geblieben wären.

Das Cover ist eine bearbeitete Version eines Werkes von Künstler Jarek Puczel. Es trifft nicht nur optisch meinen Geschmack, sondern passt auch hervorragend zur Geschichte.

Mein Fazit:
„Wir Gespenster“ von Michael Kumpfmüller ist ein fantasievoller und unterhaltsamer Roman, der einen Kriminalfall mit einer Liebes- und Geistergeschichte kombiniert. In mehreren Punkten konnte mich die Geschichte leider nicht überzeugen.

Veröffentlicht am 10.09.2024

Eine rätselhafte Erbschaft und andere Merkwürdigkeiten

Die Unmöglichkeit des Lebens
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Für Grace Winters (72) kommt die Nachricht unverhofft: Die pensionierte Mathematiklehrerin aus England hat ein Häuschen auf der Insel Ibiza geerbt - von einer Freundin, die sie schon fast vergessen hatte. ...

Für Grace Winters (72) kommt die Nachricht unverhofft: Die pensionierte Mathematiklehrerin aus England hat ein Häuschen auf der Insel Ibiza geerbt - von einer Freundin, die sie schon fast vergessen hatte. Wer war Christina van der Berg wirklich und wie ist sie zu Tode gekommen? Das versucht Grace auf den Balearen herauszufinden.

„Die Unmöglichkeit des Lebens“ ist ein Roman von Matt Haig.

Der Roman beginnt und endet mit jeweils zwei E-Mails, die als eine Art Prolog und Epilog verstanden werden können. Dazwischen befinden sich mehr als 100 kurze Kapitel. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Grace. Ein Großteil der Handlung spielt auf Ibiza. Die reich illustrierte Landkarte in den Innenklappen gibt einen guten Überblick über die dortigen Örtlichkeiten.

Der Schreibstil ist gewohnt anschaulich und mitreißend. Die humorvolle, ein wenig freche Erzählstimme hat mir sehr gefallen.

Protagonistin Grace ist eine interessante und sympathische Figur, deren Innenleben sich prima nachvollziehen lässt. Ein authentischer und psychologisch ausgefeilter Charakter.

Wieder einmal überrascht uns der Autor mit einer ungewöhnlichen und kreativen Geschichte. Mit seinen philosophischen Fragen und Impulsen entwickelt der Roman viel Tiefgang und bietet Stoff zum Nachdenken und Diskutieren. Dabei geht es insbesondere um die Unwahrscheinlichkeit und das Wunder des Lebens.

Auch diesmal hält die Story fantasievolle Elemente bereit. Anders als in seinen früheren Romanen wirken einige Passagen auf mich hier jedoch zu überzogen und abgedreht, was meinen Lesegenuss ein wenig geschmälert hat.

Auf den rund 400 Seiten bleibt die Geschichte fesselnd und unterhaltsam. Bis zum Schluss ist sie unvorhersehbar, originell und verblüffend.

Der deutsche Titel ist eng ans englischsprachige Original („The Life Impossible“) angelehnt und passt hervorragend. Auch das etwas stilisierte Cover, das optisch mit den anderen Romanen des Autors harmoniert, wurde übernommen und ist eine gute Wahl.

Mein Fazit:
Mit „Die Unmöglichkeit des Lebens“ liefert Matt Haig erneut eine kreative, tiefgründige und spannende Geschichte ab, die mir schöne Lesestunden beschert hat. Für mich ist der neue Roman allerdings nicht sein stärkstes Buch.

Veröffentlicht am 09.09.2024

Ein Sommer, der für immer bleibt

Das Schweigen meiner Freundin
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Es ist Sommer und beide sind noch Kinder, als sich Giulia(10) und Cristina (7), genannt Cristi, kennenlernen. Die Ältere ist sofort fasziniert und fühlt sich von der Jüngeren angezogen. Doch dann stiehlt ...

Es ist Sommer und beide sind noch Kinder, als sich Giulia(10) und Cristina (7), genannt Cristi, kennenlernen. Die Ältere ist sofort fasziniert und fühlt sich von der Jüngeren angezogen. Doch dann stiehlt Mattia, ein fremder Junge, Cristis Aufmerksamkeit und konkurriert ebenfalls um ihre Gunst.

„Das Schweigen meiner Freundin“ ist der Debütroman von Giulia Baldelli.

Die Struktur des Romans ist schlüssig und klar: Ein Prolog und ein Epilog umrahmen die sechs Teile, die sich wiederum in kurze Kapitel untergliedern. Die Handlung umfasst die Jahre 1991 bis 2014 und spielt in Italien. Erzählt wird in chronologischer Reihenfolge und im Präsens in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Giulia.

Die Sprache des Romans ist ungekünstelt, aber anschaulich, atmosphärisch und eindringlich. Die Dialoge kommen authentisch rüber.

Drei Figuren stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Giulia, Cristina und Mattia. Die Protagonisten werden mit großer psychologischer Tiefe dargestellt. Sie wirken lebensnah. Vor allem Giulias Denken und Fühlen wird sehr deutlich, blieb mir in Teilen aber leider etwas fremd.

Inhaltlich dreht sich der Roman um Liebe und Freundschaft, um Eifer- und Sehnsucht, um Lügen und Geheimnisse, vor allem aber um toxische Beziehungen und emotionale Abhängigkeiten. Diese und weitere Themen machen die Geschichte gleichwohl unterhaltsam und facettenreich.

Trotz der beinahe 500 Seiten ist die Geschichte fesselnd und kommt ohne Längen aus.

Das moderne, künstlerisch anmutende Cover passt gut zum Inhalt. Der deutsche Titel, der stark vom Original abweicht („L‘estate che resta“), ist ebenfalls keine schlechte Wahl.

Mein Fazit:
Mit „Das Schweigen meiner Freundin“ legt Giulia Baldelli ein überzeugendes Debüt vor. Ein lesenswerter Roman.

Veröffentlicht am 08.09.2024

Der Biberbär und das Streifenschwein

Mister O'Lui sucht das Glück
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Der Biberbär Mister O'Lui mag sein Zuhause, wo er bei Käsebrot mit Marmelade und Kakao gerne die Zeitung liest. Doch dann stellt sich ihm die Frage: Ist er wirklich rundum glücklich? Als er das Glück ...

Der Biberbär Mister O'Lui mag sein Zuhause, wo er bei Käsebrot mit Marmelade und Kakao gerne die Zeitung liest. Doch dann stellt sich ihm die Frage: Ist er wirklich rundum glücklich? Als er das Glück suchen möchte, macht er Bekanntschaft mit dem kleinen Wildschwein Rupert…

„Mister O‘Lui sucht das Glück“ ist ein Bilderbuch von Silke Siefert, geeignet für Kinder ab vier Jahren.

Das Bilderbuch beginnt mit zwei Steckbriefen: dem von Mister O‘Lui und Rupert. Erzählt wird die Geschichte anschließend auf zwölf Doppelseiten.

Die Illustrationen von Grafikdesignerin Silke Siefert sind sehr ansprechend. Sie zeigen die Liebe zu Details und sind in der harmonischen, nicht zu grellen Farbgebung äußerst modern. Die Zeichnungen erstrecken sich zum Teil über zwei Seiten. Sie korrespondieren hervorragend mit dem Inhalt der Geschichte. Die Tierfiguren sind zudem ausgesprochen niedlich geraten.

Der Text ist ausführlich genug, ohne mit zu ausschweifenden Beschreibungen zu langweilen. Das Vokabular und die Syntax passen zur Altersgruppe.

Im Grunde umfasst die Geschichte nur zwei Protagonisten: den Biberbären Mister O‘Lui und den Frischling Rupert. Anhand der Steckbriefe und der Details aus der Geschichte lernt man beide gut kennen. Leider bleibt etwas unklar, was genau ein Biberbär sein soll.

Positiv aufgefallen ist mir, dass sich die Geschichte kleinen Kindern ohne viele zusätzliche Erläuterungen erschließt. Inhaltlich geht es um die Frage nach dem Glück. Als Antwort darauf thematisiert das Bilderbuch die Freundschaft. Eine angemessene und begrüßenswerte Botschaft, die schlüssig und kindgerecht erklärt wird. Zwar wären zu diesem Bereich weitere Aspekte zu nennen. Dies hätte die Geschichte für Kindergartenkinder womöglich aber zu kompliziert gemacht. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass das Thema für viele Kinder interessant sein dürfte und Stoff für Gespräche liefert.

Ein schönes Extra ist die ausführliche und mit Fotos ergänzte Anleitung zum Basteln von Marienkäfern. Außerdem findet sich ein Link zu einem Rezept für Biberbär-Kekse.

Das stimmige Cover und der leicht verständliche Titel vervollständigen den sehr positiven Gesamteindruck.

Mein Fazit:
„Mister O‘Lui sucht das Glück“ ist ein charmantes, mit Liebe erstelltes Bilderbuch. Die Geschichte von Silke Siefert ist in optischer, sprachlicher und inhaltlicher Hinsicht gelungen. Wir freuen uns auf die nächsten Episoden des Biberbären und seiner Freunde.

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