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Veröffentlicht am 09.01.2020

Wie ein Rosenbusch

Das schräge Haus
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Beruflich läuft es für Ella rund: Im Ruhrgebiet hat die psychologische Psychotherapeutin eine eigene Praxis. Doch privat ist die 34-Jährige nicht glücklich. Sie ist Single und kinderlos und hat neben ihrer ...

Beruflich läuft es für Ella rund: Im Ruhrgebiet hat die psychologische Psychotherapeutin eine eigene Praxis. Doch privat ist die 34-Jährige nicht glücklich. Sie ist Single und kinderlos und hat neben ihrer besten Freundin Yvonne und ihrer Großmutter Mina kaum soziale Kontakte. Außerdem leidet Ella noch immer darunter, was an jenem Sonntag im Juni 1986 in Minas Schrebergarten passiert ist. Nicht nur ihre Patienten haben so ihre Probleme. Auch Ella selbst fühlt sich recht schräg, genauer gesagt wie ein Haus mit krummem Giebel oder ein Rosenbusch, der sich nicht von der Stelle bewegen kann. Wird es ihr gelingen, ihre Welt ein wenig geradezurücken?

„Das schräge Haus“ ist ein Roman von Susanne Bohne.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus zwei Teilen. Die ersten sechs Kapitel spielen allesamt am Sonntag, 22. Juni 1986, in der Schrebergarten-Siedlung im Richterbusch. Die übrigen der insgesamt 37 Kapitel mit einer angenehmen Länge sind 26 Jahre später, also im Jahr 2012, angesiedelt. Der Roman endet mit einem kurzen Epilog, der wiederum elf Monate später spielt. Erzählt wird vorwiegend in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Ella, wobei dies nicht konsequent durchgehalten wird, da die Protagonistin auf märchenhafte Weise auch Einsichten in die Gedanken und Gefühle von anderen zu haben scheint. Zudem gibt es mehrere Kapitel, in denen die Perspektive zu weiteren Personen wechselt.

Sehr gut gefallen hat mir der Schreibstil. Er ist warmherzig, lebhaft, anschaulich und bisweilen sogar poetisch. Obwohl das Erzähltempo meist recht langsam ist und die Geschichte erst nach längerem Anlauf Fahrt aufnimmt, kommt beim Lesen keine Langeweile auf. Kreative Wortneuschöpfungen wie „Zeitpudding“ und „Seelenhaus“, treffende Metaphern und Vergleiche, gelungene Beschreibungen und eine dichte Atmosphäre zeugen vom Talent der Autorin, mit Sprache umzugehen. Zwar gibt es einige Wiederholungen, was die Formulierungen angeht, aber daran habe ich mich nicht gestört.

Mit Ella steht eine sympathische Protagonistin mit gutem Herz im Vordergrund, die ihren Hang zum Träumen nicht verlernt hat und die Intention verfolgt, ihren Mitmenschen zu helfen. Ihre Gedanken und Gefühle werden sehr gut deutlich. Sie wird zwar mit liebevollem Blick beschrieben, allerdings auch recht kindlich, realitätsfern und naiv dargestellt. Ihr Verhalten konnte ich nicht immer nachvollziehen. Auch viele der anderen Personen, und dabei nicht nur ihre Patienten, wirken etwas verschroben oder zumindest speziell, was jedoch einen Reiz der Geschichte ausmacht.

Besonderes Interesse hat der Roman bei mir deshalb geweckt, weil es nicht nur um eine Liebesgeschichte geht, sondern auch um Ellas psychotherapeutische Arbeit und die Patienten in ihrer Praxis. Leider vermittelt die Geschichte kein authentisches Bild einer Therapeutin und wirft ein eher schlechtes Licht auf diesen Bereich. Zum einen spricht Ellas mangelndes Selbstbewusstsein und ihre fehlende Verarbeitung eigener Traumata nicht dafür, dass sie selbst die im Studium und in der Ausbildung gelernten Techniken bei sich anwenden kann. Zum anderen verhält sie sich im Umgang mit vor allem einem Patienten zum Teil erschreckend verantwortungslos. Zeitweise wird der Roman auch der Ernsthaftigkeit psychischer Krankheiten nicht ganz gerecht, etwa dann, wenn eine Depression mit suizidaler Tendenz als „Frau Traurigkeit“ verniedlicht wird. Mir ist durchaus bewusst, dass der Wohlfühlroman nicht wortwörtlich genommen werden darf und einen hoffnungsvollen Blick auf das Leben mit seinen wundervollen Momenten bieten möchte. Bei diesem heiklen Thema fehlt es mir allerdings ein wenig an Sensibilität. Positiv anzumerken ist dagegen, dass der Roman viel Tiefgang besitzt und die lobenswerte Botschaft vermittelt, dass es durchaus okay ist, wenn man nicht perfekt ist, sondern Ecken und Kanten hat.

Die reduzierte Gestaltung mit der Schildkröte passt gut zum Inhalt. Schön, dass sich auch im Inneren hübsche, kleine Illustrationen finden. Der Titel ist ebenfalls treffend gewählt.

Mein Fazit:
Mit „Das schräge Haus“ stellt Susanne Bohne ihr Talent zum Schreiben eindrucksvoll unter Beweis. Der etwas andere Liebesroman, der märchenhaft anmutet, hat mir unterhaltsame Lesestunden beschert. Allerdings sind die Darstellungen von Psychotherapie und psychischen Krankheiten stellenweise problematisch.

Veröffentlicht am 09.01.2020

Ein ziemlich zähes Luder

Oreo
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Die Vereinigten Staaten in den 1970er-Jahren: Christine wächst mit ihrem kleinen Bruder Jimmie bei den Großeltern in Philadelphia auf. Sie ist das Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen, jüdischen ...

Die Vereinigten Staaten in den 1970er-Jahren: Christine wächst mit ihrem kleinen Bruder Jimmie bei den Großeltern in Philadelphia auf. Sie ist das Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen, jüdischen Vaters, der sich allerdings schon früh aus dem Staub gemacht hat. Sie erhält den Spitznamen Oreo nach dem Keks, der außen schwarz und innen weiß ist, und wird zur doppelten Außenseiterin. Doch auch von ihrer Mutter ist nicht viel Unterstützung zu erfahren, denn sie tingelt seit Jahren durch die Lande. Als Christine 16 Jahre alt ist, schickt Helen Clark ihre Tochter allerdings auf eine besondere Reise. Sie soll ihren Erzeuger, Samuel Schwartz, ausfindig machen. Und so begibt sich Oreo auf eine abenteuerliche Unternehmung nach New York…

„Oreo“ ist der erste und einzige Roman der inzwischen verstorbenen Fran Ross, der bereits 1974 erstmals erschienen ist und nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus zwei Teilen („Troizen“ und „Mäandern“), die wiederum in insgesamt 15 Kapitel untergliedert sind. Erzählt wird – mit Ausnahme von Rückblenden – in chronologischer Reihenfolge und überwiegend aus der Sicht von Oreo.

Sprachlich ist der Roman sehr besonders. Er ist geprägt von teils recht kreativen Wortneuschöpfungen, Metaphern, ungewöhnlichen Vergleichen und Onomatopoesie. Zudem ist er gespickt mit jiddischen Wörtern. Das macht es nötig, immer wieder zum beigefügten Glossar und den im Anhang ebenfalls befindlichen Erklärungen zu blättern, was den Lesefluss erheblich stört. Darüber hinaus ist negativ anzumerken, dass dort nicht alle Begriffe erläutert werden, was das Verständnis des Textes erschwert. Auch nichtig erscheinende Details und etliche Ausschweifungen machen es anstrengend, den Roman zu lesen. Dennoch ist es eindrucksvoll, wie es der Autorin gelingt, mit der Sprache zu spielen.

Mit Oreo steht eine für ihre Zeit sehr moderne, mutige und unerschrockene Protagonistin im Vordergrund, die sowohl dem Leser Respekt abnötigt als auch immer wieder Sympathiepunkte einfährt. Ihr Einsatz für die sozial schwächeren Mitglieder der Gesellschaft und ihre direkte, freche und unverschämte Art machen sie zu einer reizvollen Figur. Gleichwohl ist zu bedenken, dass keiner der Charaktere im Roman lebensnah dargestellt wird. Der Leser begegnet samt und sonders skurrilen, stark überzeichneten Personen, was wahrscheinlich aber so beabsichtigt ist.

Bei dem Roman handelt es sich um eine Neuerzählung der Thesus-Sage – eine schöne Idee. Anstatt eines antiken Helden haben wir es mit einer jüdischen, schwarzen und weiblichen Protagonistin zu tun. Im Abschnitt „Schlüssel für Schnellleser, Antikenferne etc.“ werden die ursprüngliche Sage kurz zusammengefasst und die Entsprechungen aufgelistet. Weiteren Aufschluss gibt das interessante Nachwort von Max Czollek („Von der Kunst, den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen“), das ich mir als Vorwort gewünscht hätte, da ohne diesen Hintergrund der Einstieg in den Roman und das Verständnis der Geschichte schwerfallen.

Der Autorin geht es aber nicht nur darum, eine alte Heldensage wieder ins Gedächtnis zu rufen. Sie will der Gesellschaft mit ihren Vorurteilen, ihrem Antisemitismus, ihrem Rassismus, ihrem Sexismus und ihren Diskriminierungen von Juden, Afroamerikanern und Frauen einen Spiegel vorhalten. Diesen Ansatz finde ich äußerst bemerkenswert, zumal die Thematiken nur wenig an Aktualität eingebüßt haben. Im Roman stecken daher auf nur 260 Seiten viele Referenzen und Denkansätze, von denen mir sicherlich aufgrund des fehlenden historischen Kontextes nicht alle aufgefallen sind. Allerdings wirkt das Buch dadurch auch ziemlich überfrachtet.

Der erste Teil des Romans zieht sich in die Länge. Die Geschichte macht einen unzusammenhängenden Eindruck, die Handlung kommt nicht in Gang. Erst im zweiten Teil, der mir wesentlich besser gefallen hat, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Leider trifft die zumeist absurde Handlung nicht meinen Geschmack und ist nur an wenigen Stellen amüsant. Der beworbene Humor und Witz des Werkes sind bisweilen etwas geschmacklos und vulgär. Die Satire ist meiner Ansicht nach oft einfach nur albern und übertrieben.

Sowohl die reduzierte, aber passende Gestaltung als auch der knackige Titel orientieren sich erfreulicherweise stark an der amerikanischen Ausgabe.

Mein Fazit:
„Oreo“ von Fran Ross ist ein außergewöhnlicher Roman, der mit seiner experimentellen Art heraussticht. Das sprachliche Talent der Autorin und die Komplexität des Werkes sind beeindruckend. Ich musste mich jedoch durch einen Großteil der Lektüre kämpfen, ohne am Ende einen echten Erkenntnisgewinn zu erhalten oder ein Lesevergnügen zu erleben. Deshalb halte ich das Buch nur für eingeschränkt empfehlenswert.

Veröffentlicht am 09.01.2020

Die Jagd nach den „Magischen Momenten“

Happy End für zwei
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Mit der Karriere könnte es für Evelyn Doris Summers, genannt Evie, deutlich besser laufen. Nachdem die 29-Jährige ihren Traum aufgegeben hat, als Drehbuchautorin zu arbeiten, ist sie nun eine unterbezahlte ...

Mit der Karriere könnte es für Evelyn Doris Summers, genannt Evie, deutlich besser laufen. Nachdem die 29-Jährige ihren Traum aufgegeben hat, als Drehbuchautorin zu arbeiten, ist sie nun eine unterbezahlte Assistentin in einer Londoner Filmagentur. Die Beförderung zur Agentin lässt auf sich warten. Doch das ist nicht ihr einziges Problem. Der wichtigste Klient der Agentur, der bekannte Drehbuchautor Ezra Chester, weigert sich, eine romantische Komödie abzuliefern. Zwar hat der Star einen Vertrag unterzeichnet, ein solches Drehbuch zu schreiben. Aber bisher ist es ihm gelungen, sich davor zu drücken. Und wenn Ezra, den Evie heimlich S.N.O.B. nennt, nicht bald mit dem Schreiben anfängt, steht die Agentur vor dem Aus. Kurzerhand schlägt ihm Evie einen geheimen Pakt vor: Sie wird ihm beweisen, dass es romantische Liebe wie im Film gibt, indem sie selbst „Magische Momente“ inszeniert. Im Gegenzug muss S.N.O.B. seinen Vertrag erfüllen…

„Happy End für 2“ ist der Debütroman von Rachel Winters.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus 42 Kapiteln mit einer angenehmen Länge, die von einem Prolog und einem Epilog eingerahmt werden. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Evie. Eine Ausnahme bilden die Kapitelanfänge, die jeweils eine Beschreibung im Stil eines Drehbuchs beinhalten. Zudem werden immer wieder Chats und E-Mails eingestreut. Abgesehen vom Prolog wird in chronologischer Reihenfolge erzählt. Dieser Aufbau funktioniert ganz gut.

Der Schreibstil ist recht einfach, aber gut verständlich und anschaulich. Negativ fällt auf, dass das Korrektorat nicht sehr sorgfältig gearbeitet hat. Es gibt einige Tippfehler, die den Lesefluss stören. Außerdem lief beim Übersetzen das eine und andere schief, was mich an einer Stelle völlig verwirrt hat. Im Großen und Ganzen lässt sich der Roman jedoch flüssig lesen.

Mit Evie steht eine sympathische Protagonistin im Vordergrund, die bisweilen recht naiv und chaotisch wirkt, aber ein gutes Herz hat. Auch einige andere Hauptfiguren gefallen mir und sind interessant ausgestaltet. Mehrere der Personen sind aber ziemlich klischeehaft.

Die Grundidee des Romans finde ich klasse, denn in ihr steckt eine Menge Potenzial. Leider hapert es bei der Umsetzung an einigen Stellen. Viele der Szenen kommen recht albern und überzogen rüber. Immer wieder gleitet die Geschichte in Richtung Slapstick ab und trifft meinen Humor leider nicht. Zudem bleibt das Geschehen vorhersehbar. Auf echte Überraschungen habe ich bis zum Schluss vergeblich gewartet. Vor allem zu Beginn des Romans kam bei mir keine richtige Lesefreude auf. Im letzten Drittel steigert er sich jedoch und konnte mich doch noch fesseln.

Positiv anzumerken ist, dass die Geschichte thematisch nicht eindimensional ist. Zwar spielt die Liebe die wohl wichtigste Rolle, aber der Roman hat noch mehr zu bieten, da auch andere emotionale Aspekte zum Tragen kommen, die mich allerdings nur zum Teil bewegen konnten.

Die Goldprägung des Covers ist gut gelungen. Ansonsten macht die Gestaltung auf mich einen eher lieblosen Eindruck. Der deutsche Titel ist aus inhaltlicher Sicht nicht so treffend wie das Original („Would Like to Meet“).

Mein Fazit:
„Happy End für 2“ von Rachel Winters ist eine leichte Lektüre, die vor allem Fans romantischer Komödien interessieren dürfte. Leider schöpft der Roman nicht sein vielversprechendes Potenzial aus und konnte mich nur in Teilen gut unterhalten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.12.2019

Eine Familiengeschichte geht weiter

Die Zeit der Töchter
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München im Jahr 1957: Maria Richter und Vivien Kroll haben den Zweiten Krieg hinter sich gebracht, ihre Töchter entdecken das Leben in der Stadt. Anna (30) versucht sich als Schauspielerin am Residenztheater, ...

München im Jahr 1957: Maria Richter und Vivien Kroll haben den Zweiten Krieg hinter sich gebracht, ihre Töchter entdecken das Leben in der Stadt. Anna (30) versucht sich als Schauspielerin am Residenztheater, nachdem sie am Wiener Burgtheater weniger Erfolg hatte. Nach dem Abbruch des Medizinstudiums arbeitet Antonia als Krankenschwester. Die zwei Cousinen bereiten ein Wiedersehen ihrer Mütter mit denjenigen Frauen vor, die sie bei Kriegsende aus dem Lager retten konnten. Doch deren anhaltender Einsatz für Flüchtlinge könnte noch in einer Katastrophe enden…

„Die Zeit der Töchter“ ist die Fortsetzung von „Die Stunde unserer Mütter" und damit der zweite Band der „Mütter und Töchter“-Reihe von Katja Maybach.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus 49 Kapiteln mit einer angenehmen Länge. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven, vor allem aus der von Anna, Antonia, Maria und Vivien. Die Wechsel bereiten keine Probleme, da diese durch die Angabe der Namen vorher angezeigt werden. Außerdem gibt es Einschübe, die mit „Veronikas Geschichte“ überschrieben sind. Der Aufbau des Romans funktioniert gut.

Der Schreibstil ist anschaulich, lebhaft und einfühlsam. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir leicht. Auch ohne Vorkenntnisse des ersten Bandes lässt sich der Roman dank kurzer Rückblenden gut verstehen, obgleich ich empfehlen würde, zunächst Teil 1 zu lesen.

Aufgrund des Titels und der Inhaltsangabe hatte ich erwartet, dass Anna und Antonia in diesem Band stark im Vordergrund stehen. Das ist tatsächlich aber insoweit nicht der Fall, dass auch ihre Mütter weiterhin viel Raum im Roman einnehmen. Antonia kommt dabei für meinen Geschmack ein wenig zu kurz. Alle vier Protagonistinnen sind starke Frauenfiguren mit Ecken und Kanten, die mir sympathisch waren. Die meisten Personen in der Geschichte wirken realitätsnah.

Gut gefallen hat mir, dass Roman sehr aktuelle Themen aufgreift. Damals wie heute spielen Fremdenhass, Flucht, Vertreibung und Hetze im Alltagsleben eine entscheidende Rolle. Ich fand es interessant, Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu ziehen. Gleichzeitig erfährt der Leser einiges über die Zeit der Nachkriegsjahre und ihre Nöte, wobei immer wieder die fundierte Recherche der Autorin deutlich wird. Das macht den Roman vielschichtig und lehrreich.

Auf rund 350 Seiten kommt keine Langeweile auf. Die Geschichte bleibt abwechslungsreich und unterhaltsam. Zugleich versteht es die Autorin, emotional zu berühren.

Das nostalgisch anmutende Cover schaut nicht nur hübsch aus, sondern passt auch hervorragend zur Geschichte. Der Titel orientiert sich am Vorgängerband und ist ebenfalls treffend gewählt.

Mein Fazit:
Mit „Die Zeit der Töchter“ ist Katja Maybach erneut ein Roman gelungen, der nicht nur unterhält, sondern auch bewegt und zum Nachdenken anregt. Empfehlenswert nicht nur für Leser mit einem Hang für historische Stoffe.

Veröffentlicht am 17.12.2019

Tierische Machtübernahme

Die Kakerlake
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Noch vor wenigen Stunden war sie unter unzähligen Artgenossen hinter der Vertäfelung im Westminster Palace. Nun findet sich die Kakerlake im Körper des britischen Premierministers Jim Sams wieder – und ...

Noch vor wenigen Stunden war sie unter unzähligen Artgenossen hinter der Vertäfelung im Westminster Palace. Nun findet sich die Kakerlake im Körper des britischen Premierministers Jim Sams wieder – und zwar in dessen Bett im obersten Stockwerk der Londoner Downing Street Number 10. Von einem gehassten oder bestenfalls ignorierten Insekt hat sie sich in den mächtigsten Politiker Großbritanniens verwandelt, und das nicht ohne Grund: Zusammen mit einigen anderen ihrer Art hat sie eine ebenso wichtige wie geheime Mission. Die Kakerlaken haben das Ziel, den Willen des Volkes durchzusetzen – um jeden Preis.

„Die Kakerlake“ von Ian McEwan wird vom Verlag als Roman, vom Autor als Novelle bezeichnet.

Meine Meinung:
Unterteilt ist die Geschichte in vier Kapitel, die wiederum aus mehreren längeren Absätzen bestehen. Erzählt wird in meist chronologischer Abfolge aus der Perspektive der Kakerlake, die den Körper von Jim Sams übernommen hat. Dieser Aufbau funktioniert gut.

Das Werk ist – wie vom Autor gewohnt – in einer gehobenen, pointierten Sprache verfasst und dennoch gut verständlich. Den Einstieg empfinde ich als sehr gelungen, danach fällt die Geschichte aber etwas ab.

Interessant finde ich die Idee, Kafkas „Verwandlung“ umzudrehen und ein Insekt in einen Menschen zu stecken. In Jim Sams finden sich Eigenschaften und Eigenheiten von Theresa May und Boris Johnson vereinigt. Auch die übrigen Kakerlaken weisen Ähnlichkeiten mit anderen Figuren der britischen Politik auf. So originell die Protagonisten der Geschichte sind, so wenig erschließt es sich, wie es den Insekten glücken kann, in so kurzer Zeit so problemlos in die Rolle von Menschen zu schlüpfen. Eine absolute Realitätsnähe erwarte ich bei einem solchen Szenario nicht. Dennoch hapert es in punkto Rollentausch in der Geschichte an der Nachvollziehbarkeit und Logik.

Sehr kreativ ist auch das Übertragen des Brexit-Themas auf ein neues Wirtschaftssystem, den Reversalismus. Die recht abstrus anmutende Idee des umgekehrten Geldflusses verfügt über eine Menge Potenzial, das jedoch leider nicht ganz ausgeschöpft wird. An einigen Stellen hinkt die Analogie. Zudem erfordert dieser Einfall einige Erklärungen, die auf den nur rund 130 Seiten viel Raum einnehmen und für Langatmigkeit sorgen. Letztere entsteht auch dadurch, dass der Humor insgesamt zu kurz kommt.

Aufgrund der aktuellen Thematik rund um die Geschehnisse im Vereinigten Königreich war ich sehr auf das Buch gespannt. Aus der Tatsache, dass er die Abspaltung von der EU – in meinen Augen absolut berechtigt – für einen großen Fehler hält, macht Ian McEwan seit Längerem kein Geheimnis. Leider ist die ganze Geschichte jedoch recht durchschaubar und weniger pfiffig als erhofft. Viele Parallelen sind mehr als offensichtlich. Die Kritik am Brexit scheint nicht nur subtil durch, sondern schreit dem Leser förmlich ins Gesicht, auch ohne dass dieses Wort nur einmal fällt. Viel Nachdenken wird bei der Lektüre nicht verlangt. Das Ganze erscheint recht plakativ. Auch die Auflösung, weshalb die Kakerlaken den Reversalismus umsetzen möchten, ist schnell klar. Einige lose Enden werden gar nicht weiterverfolgt, Widersprüche und Unklarheiten in Kauf genommen. So ergibt sich insgesamt der Eindruck, dass die Geschichte mit viel Frust und in Eile geschrieben wurde und daher in Teilen eher plump und unausgegoren bleibt.

Das deutsche Cover, mit dem der Verlag seinem Stil treubleibt, gefällt mir sehr gut. Gelungen ist auch der einprägsame, knappe und sehr treffende Titel, der sich am englischsprachigen Original orientiert („The cockroach“).

Mein Fazit:
In „Die Kakerlake“ von Ian McEwan steckt eine Menge kreatives Potenzial, das jedoch nicht in Gänze ausgeschöpft wird. Dass der Autor wegen der aktuellen politischen Entwicklungen unter großem Zeitdruck geschrieben hat, ist einleuchtend. Mit seiner Novelle, die etliche Schwächen offenbart und ich deshalb nur eingeschränkt empfehlen kann, bleibt er allerdings hinter meinen Erwartungen zurück.

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