Nächstes Jahr in Jerusalem?
"Nächstes Jahr in Jerusalem" ist der traditionelle Wunsch am Schluss des jüdischen Sederabends. Doch was geschah, als sich die auf der ganzen Welt verstreuten Juden und vor allem mit Deutscher Abstammung ...
"Nächstes Jahr in Jerusalem" ist der traditionelle Wunsch am Schluss des jüdischen Sederabends. Doch was geschah, als sich die auf der ganzen Welt verstreuten Juden und vor allem mit Deutscher Abstammung aufmachten und wirklich nach Palästina/Israel kamen?
Jörg Armbruster greift mit seinem Buch „Willkommen im gelobten Land? Deutschstämmige Juden in Israel“ ein heikles Thema auf.
Wie erging es den Juden, denen die Flucht aus Nazi-Deutschland gelungen ist in Palästina? Ist das versprochene Eretz Israel wirklich das Gelobte Land?
Der Autor begibt sich auf die Spuren von Auswanderern, die heute hoch betagt in Israel leben. Viele von ihnen können nach wie vor nicht über ihre Erlebnisse reden. Doch Armbruster trifft Menschen, die sehr offen über ihre Vergangenheit und die Gegenwart sprechen.
Die ersten Flüchtlinge aus Deutschland treffen bereits Anfang der 1930er Jahre in Palästina ein. Den Staat Israel gibt es noch nicht. Sie treffen hier auf teils radikale Zionisten, deren Wesen ihnen völlig fremd ist. Die Neuankömmlinge werden diversen Kibuzzim zugeteilt, in denen sie oft erstmals Landwirtschaft betreiben. Sind es doch Intellektuelle, die Nazi-Deutschland verlassen.
Ein interessantes Beispiel ist die jüdische Gemeinde von Rexingen, die fast geschlossen nach Palästina auswandert. Sie errichten am Meer das Dorf Shavel Zion und leben in ähnlichen Verhältnissen wie in Deutschland, Spitzendeckerl und Schränke mit Butzenscheiben inklusive. Der Anfang ist extrem schwer. Obwohl das Land, das sie bewirtschaften, legal gekauft und grundbücherlich abgesichert ist, sehen die Araber diese Menschen als Eindringlinge, die ihnen das (unfruchtbare) Land "gestohlen haben" und die es deshalb zu bekämpfen gilt.
Doch nicht nur gegen Araber müssen sich die Einwanderer behaupten, nein, auch gegen die bereits hier lebenden Glaubensbrüder (und Schwestern). Diese blicken scheel auf die deutschen Juden und diffamieren sie zum Teil. Sie finden es unverständlich, dass sie sich von den Nazis terrorisieren ließen anstatt zu kämpfen. Die Israelis wollen die Geschichten der KZ-Überlebenden nicht hören. Oft halten sie die Erzählungen für übertrieben …
Oftmals wird die Frage „ Kommst Du aus Überzeugung oder aus Deutschland?“ gestellt. Man unterstellt den Flüchtlingen, sich ins gemachte Nest zu setzen.
„Andere Einwanderer aus Nazi-Deutschland haben sich wesentlich schwerer getan mit dem neuen Land, das es sich auch nicht gerade leicht gemacht hat mit diesen »Jeckes«, wie sie spöttisch von den »wahren« Zionisten genannt wurden, angeblich, weil sie immer korrekt gekleidet waren und selbst bei größter Hitze Jacke und Krawatte nicht ablegten. Als Neubürger im Land der zionistischen Pioniere wurden sie lange nicht wirklich ernst genommen. Viele der Jeckes lebten in Palästina mit einem »Grundgefühl kultureller Verlassenheit«, wie es der israelische Historiker und Schriftsteller Tom Segev formuliert hat, der selbst Nachkomme einer alten Berliner Familie ist.“ (S. 12)
Die restriktive Einwanderungspolitik der Engländer, unter deren Mandat Palästina bis zur Gründung des Staates Israels 1948 steht, führt zu vielen illegalen Einwanderungen. Die Staatengründung von 1948 führt sofort zum ersten von unzähligen bewaffneten Auseinandersetzungen mit den arabischen Nachbarstaaten, die bis heute andauern. Auch das ist nicht verwunderlich, wird doch der Hass auf beiden Seiten geschürt.
So sagt eine der betagten Interviewpartnerinnen Armbrusters:
„Heute wachsen unsere Kinder auf mit Hass. Und die Kinder der Palästinenser wachsen auf mit Hass. Da kann ja kein Frieden entstehen.“
Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.
Die meisten der deutschen Einwanderer zählen zu den gemäßigten, die einen Zweivölkerstaat eher befürworten als ablehnen. Sie sind es, die eher zum Ausgleich als zum Radikalismus neigen als die einstmals aus dem Osten eingewanderten streng orthodoxen Juden.
So ist es auch erklärbar, dass Yitzack Rabin, der Ministerpräsident des Ausgleichs, 1995 von einem ultraorthodoxen Juden ermordet wurde.
Auffällig ist auch, dass bislang die Ministerpräsidenten aus dem Kreis der „echten“ Zionisten gestellt wurden. Die Deutschen Einwanderer sind häufig Politiker der zweiten oder dritten Reihe.
Die unterschiedlichen Strömungen der Politik gehen quer durch einzelne Familien. Da gibt es welche, die den Kauf eines deutschen Autos bereits als Verrat an Israel sehen und andere, die gerne das Land ihrer Vorfahren kennenlernen wollen. Allerdings, ohne sich offen zum Judentum bekennen zu wollen.
Sehr deutlich kommt aus den vielen Interviews, die der Autor führte, heraus, dass nicht nur die Holocaust-Überlebenden selbst sondern auch deren Kinder traumatisiert sind. Viele Ängste sind innerhalb der Familien weitergegeben worden. Allerdings ohne Erklärungen, so dass erst die Enkel-Generation sich aufmachen kann, die Familiengeschichten aufzuarbeiten.
Eindrucksvoll und behutsam lässt Jörg Armbruster die Betroffenen, wie z. B. Herbert Bettelheim aus Wien, zu Wort kommen. Es geht nicht ohne Kritik an Großbritannien, den Arabischen Nachbarn und Israel ab.
Alle erzählen offen, wie schwer es für sie war, in Eretz Israel, dem Gelobten Land, tatsächlich eine neue Heimat zu finden. Nicht allen ist dies gelungen. Nicht alle fühlten sie sich willkommen, manchmal waren sie sogar unerwünscht.
"Nächstes Jahr in Jerusalem" - doch nur ein frommer Wunsch als Ausklang des Sederabends?