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Veröffentlicht am 15.09.2016

Deutschland, blutig Vaterland

Bühlerhöhe
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Rosa Silbermann ist Jüdin, geboren in Deutschland, in den Dreißigern zusammen mit ihrer Schwester nach Palästina emigriert. Sie war damals gerade 14, ihre Schwester Rachel zwei Jahre älter. Die Nazis haben ...

Rosa Silbermann ist Jüdin, geboren in Deutschland, in den Dreißigern zusammen mit ihrer Schwester nach Palästina emigriert. Sie war damals gerade 14, ihre Schwester Rachel zwei Jahre älter. Die Nazis haben alle anderen Mitglieder ihrer Familie ermordet. Niemals wollte sie nach Deutschland zurück, zu sehr quälen sie die Erinnerungen, und doch kehrt sie zurück auf Forderung des israelischen Geheimdienstes. Es ist 1952, nur wenige Jahre nach dem Krieg, und Adenauer will Wiedergutmachung in Form von Geld für Israel leisten. Das geht nicht nur den alten Naziseilschaften gegen den Strich, sondern auch Radikalen Juden, die keinen einzigen "blutigen" Pfennig des Landes annehmen wollen, das für den Mord an ihrem Volk verantwortlich zeichnet. Ein Attentat auf Adenauer ist geplant, während seines Aufenthalts auf der Bühlerhöhe, einem Luxushotel im Schwarzwald. Rosa, die dort aufgewachsen ist, soll dem Agenten Ari als kenntnisreiche Begleitung dienen, doch schon bei ihrer Ankunft geht alles schief.

Manchmal kommen einem Romane unter, denen man nicht annähernd zutraut, was sie zu bieten haben. Bühlerhöhe ist einer davon. Er ist kein actionreicher Thriller, kein Agentenroman á la James Bond, trotz oder gerade deshalb ist er viel mehr. Anhand von drei Frauenschicksalen (klingt jetzt kitschig nach Frauenroman, ist es aber nicht!), gelingt es Glaser, in einer ruhigen und intensiven Erzählweise das Nachkriegsdeutschland sowie die jüdische Lebensweise in einem Kibbuzim auferstehen zu lassen, mit einer Eindringlichkeit, die geradezu filmreif ist. Nicht einmal habe ich an den Ereignissen oder Erlebnissen gezweifelt oder irgendwas hinterfragt, ganz im Gegenteil. Für mich hätte alles so stattfinden können, jede einzelne Minute, jede einzelne Person war authentisch und menschlich, ganz egal, ob ich diese Person mochte oder nicht. Es gab extrem kluge Gedanken, die hier und da eingestreut wurden, wie zum Beispiel Rachel, die mit einem jüngeren Araber zusammenlebt - etwas, das tabu, verpönt war, doch sie sagt selbst: Haben die Nazis nicht schon genug Rassentrennung geschaffen? Oder zum Schluss, als ein Katholike, ein Protestant und ein Jude gemeinsam (und als Freunde) vor dem Kanzler musizieren; geradezu die Ringparabel in Reinform. Der Schluss mehr bitter als süß und perfekt auf die Grundstimmung des Buches abgestimmt, einfach nur genial. Absolute Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Geh deinen Weg, singe dein Lied, tanz deinen Tanz - LAUF!

Evolution
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Es hätte so cool sein sollen: Jem, Lucie, Marek, Zoey, Arthur, Paul, Olivia und Katta fliegen für ein Schüleraustauschjahr in die USA. Doch auf dem Flug dorthin kommt es zu extremen Turbulenzen, so schlimm ...

Es hätte so cool sein sollen: Jem, Lucie, Marek, Zoey, Arthur, Paul, Olivia und Katta fliegen für ein Schüleraustauschjahr in die USA. Doch auf dem Flug dorthin kommt es zu extremen Turbulenzen, so schlimm und schwer, dass sie auf dem Flughafen Denver notlanden müssen. Doch ist es wirklich Denver? Es gibt keine Leute, der Flughafen sieht aus, als wäre er seit Jahrhunderten verlassen, überall gibt es seltsame Flora und Fauna. Schon nach kurzer Zeit ist klar, dass sie sich a) irgendwie in der Zukunft befinden und b) eine gewaltige Katastrophe für die jetzigen Umstände verantwortlich sind. Fakt ist auch, dass der Mensch nicht mehr die Nummer Eins der Nahrungskette ist, schlimmer noch, dass sich die Natur gegen ihn verschworen hat und ihn jagt ... Jem und seine Freunde haben keine Chance, aber sie tun alles, um zu überleben.

Das Rad erfindet Thiemeyer mit dem Buch sicherlich nicht, aber was er so erfindet, ist unterhaltsam und wenn es stimmt, was er so an wissenschaftlichen Thesen auspackt, auch äußerst interessant. Allerdings hoffe ich, dass er da nicht nur Wikipedia befragt hat, wie er es anscheinend getan hat, als es ums Bogenschießen ging, denn dass er davon null Ahnung hat, ist schnell klar geworden. Was soll's, das macht ja nur einen Bruchteil der Geschichte aus. Mir hat die Grundidee und die Mehrheit der Umsetzung gefallen, auch wenn ich einige Entscheidungen nicht so nachvollziehen konnte. Wer schießt denn bitte schön erst mal blind in der Gegend herum auf etwas, wovon man vermutet, dass es ein beobachtendes Lebewesen ist? Mal auf Verdacht töten halte ich für eine überdenkenswerte Aussage der Szene - anstelle der neuen Nummer Eins der Nahrungskette wäre ich in dem Fall auch sauer. Auch dass die Jugendlichen (alle so zwischen 15 und 16) mal eben einen tonnenschweren Schulbus (mit modernerer Technik, als sie es kennen) erst reparieren, dann easy-peasy damit durch die Gegend kutschen, ist eine fragliche Angelegenheit. Mir gefällt auch nicht, wie abrupt die Geschichte plötzlich endet - wäre es echt so schwer gewesen, an einer Stelle aufzuhören, bei der man sich nicht fragt, ob der Autor nicht plötzlich einfach die Lust verloren hat? Trotzdem, es war sehr unterhaltsam und der Sprecher hat seine Sache mehr als gut gemacht, so dass ich von 3,5 auf 4 Sterne aufwerte.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Besser als erwartet

Emba - Bittersüße Lüge
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Beinahe hätte ich mich durch das dümmliche Cover und den abgehackten Klappentext abschrecken lassen. Ich möchte nicht behaupten, dass ich dann einen Meilenstein der Literatur verpasst hätte, aber mir wäre ...

Beinahe hätte ich mich durch das dümmliche Cover und den abgehackten Klappentext abschrecken lassen. Ich möchte nicht behaupten, dass ich dann einen Meilenstein der Literatur verpasst hätte, aber mir wäre doch glatt gute Fantasy einer jungen Autorin entgangen, die sich einige originelle Sachen hat einfallen lassen.

Wie man sich unschwer denken kann, heißt die Hauptperson des Buches Emba. Sie ist eine verwöhnte Achtzehnjährige, die Tochter des reichsten und gleichzeitig mächtigsten Mannes ihrer Welt. Ihr Vater ist der Boss des Energiekonzerns, der dafür sorgt, dass das moderne und zivilisierte Leben funktioniert. Ihre Energie erhalten die Menschen aus sogenannten Runaren - Wesen, die aus reiner Energie bestehen. Emba, die Prinzessin, die alles hätte werden können, wollte immer nur eines: an der Jägerschule aufgenommen werden. Die Jäger sind es, welche die Runare fangen, ein gefährlicher Job, der Gesundheit und Leben kosten kann. Sie schafft es auch tatsächlich, die Aufnahmeprüfung an der Jägerschule zu bestehen, doch immer wieder kommt es zu Vorfällen, welche beweisen, dass irgendwer das System der Schule manipuliert und Emba in Gefahr bringt. Doch viel wichtiger ist, dass sie einer Sache auf die Spur kommt, welche ihr gesamtes Weltbild zum Einstürzen bringt.

Zacharias hat eine Welt erschaffen, in die ich gern ein wenig tiefer eingetaucht wäre. Es gibt interessante technische Errungenschaften, die auf ein Sci-Fi-Szenario deuten, doch der Verlauf der Handlung richtet sich eindeutig an den Fantasysektor. Mir persönlich hat das eher gut gefallen, andere wird es am Ende wahrscheinlich ein wenig vor den Kopf stoßen, wenn sich herausstellt, was die Energie der Runare wirklich ist. Manche Erklärungen sind auch ein bisschen schwammig und nicht wirklich ausgearbeitet und es gibt eine typische Teenagerromanze inklusive Zickenkrieg, aber beruhigenderweise scheint das anders zu gehen als in den meisten Jugendromanen, das wird der zweite Teil erweisen. Bei den Protagonisten wird viel mit Klischees gearbeitet, und manche Sachen waren arg vorhersehbar, doch im Großen und Ganzen haben der gute Schreibstil und interessante Ideen Spaß gemacht zu lesen. 3,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Basels Beschützer

Herz aus Gold und Asche
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Elin lebt seit dem Unfalltod ihrer Eltern mit ihrem Bruder zusammen bei ihrer Tante. Nico, ihr Bruder, leidet an Krebs, deshalb möchte Elin unbedingt den Job bei dem Pharmaunternehmen Panazea, die sich ...

Elin lebt seit dem Unfalltod ihrer Eltern mit ihrem Bruder zusammen bei ihrer Tante. Nico, ihr Bruder, leidet an Krebs, deshalb möchte Elin unbedingt den Job bei dem Pharmaunternehmen Panazea, die sich auf die Bekämpfung von Krebs spezialisiert haben, und bei dem schon ihr Vater arbeitete. Fast mühelos bekommt sie tatsächlich den Job, doch was zuerst so gut aussieht, entpuppt sich im Nachhinein als gefährlich. Sie stolpert über das Geheimnis ihres Vaters, des Konzerns und über einen Mythos aus Basel, der sich als wahr entpuppt. Als sie sich auch noch verliebt, steht sie auf einmal zwischen allen Fronten und muss sich entscheiden: das Leben ihres Bruders oder das ihres Freundes?

Allein der Mythos hätte das Buch schon aus der Masse herausheben sollen, denn das ist mal was anderes als die üblichen Verdächtigen aka Vampire, Werwölfe oder Killermeerschweinchen. Doch Ammon konnte sich nicht aus der üblichen Falle lösen. Wie bei jedem Einheitsbrei muss der Held ein Mann von so großartigem Aussehen sein, dass jede Frau allein bei seinem Anblick weiche Knie bekommt (nicht zu vergessen die goldenen Augen). Dazu ist er auch in allen anderen Belangen einfach perfekt, weißt außer beim übelst tollen Aussehen keine Ecken und Kanten auf. Elin dagegen versteht sofort, was es mit ihrem Erbe auf sich hat, braucht aber ewig, um zu erkennen, welcher Art ihr Held ist. Im Mittelteil zog sich die Geschichte dann wie Kaugummi, weil Held und Heldin sich gegenseitig anschmachten mussten - das war so langweilig wie kitschig. Der Schluss zog es zumindest actionmäßig wieder heraus, obwohl sich dann alles ziemlich einfach klärte, schon fast märchenhaft. Dass natürlich wieder zwei Männer in die Heldin verliebt sind, ist schon bald Pflicht, zumindest was Neues wäre es gewesen, wenn sich das Mädchen mal für den intelligenten Mann entschieden hätte, nicht für den mit dem guten Aussehen und den Muskeln. So ist es zum Schluss eine Geschichte unter vielen, die anfangs durch die recht neue Idee fesselt, durch den Verlauf der Handlung jedoch absinkt in Mittelmaß.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Glitzer, Glamour ... welche Leiche?

Glitzer, Glamour, Wasserleiche
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Pauline Miller, Halbamerikanerin, Diva, Opersängerin und Besitz von Radames, dem Hund, der nur für Laien wie ein Mops aussieht, tatsächlich jedoch ein Boston Terrier ist, hat ein Engagement in Bregrenz, ...

Pauline Miller, Halbamerikanerin, Diva, Opersängerin und Besitz von Radames, dem Hund, der nur für Laien wie ein Mops aussieht, tatsächlich jedoch ein Boston Terrier ist, hat ein Engagement in Bregrenz, an der Seebühne. Dort soll sie die Turandot geben, die chinesische Prinzessin, die halt diesmal etwas voluminöser rüberkommen wird. Doch bevor sie die Massen mit ihren Massen begeistern kann, verschwinden Paulines Zuneigung zu einem Wikinger, dann ihr Hund Radames und eine ältere Millionenerbin, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Pauline muss Prioritäten setzen, und das tut sie auf ihre eigene Weise.

Zuerst das Positive: Der Schreibstil ist gut, das Buch ist kurz und schnell beendet. Und man erfährt etwas über den Lebensstil einer Operndiva. Das wäre als Roman nicht schlecht, wird jedoch als rabenschwarzer Pauline-Miller-Krimi angekündigt. Rabenschwarzen Humor habe ich nur auf den ersten paar Seiten gefunden, danach ging die Geschichte in eine Slapstick-Komödie über, die zwar ab und zu auch witzige Momente enthielt, aber für den Krimianteil musste man bis tief zum Grund des Bodensees tauchen, um ihn dort in homöopathischen Dosen zu finden. Und als er sich dann anfand, wurden sowohl Mörder als auch Paulines wundersame Abenteuer bei der Mörderjagd auf den letzten Seiten aus dem Ärmel geschüttelt. Das weiße Kaninchen, das nicht in das Erdloch sprang, sondern aus dem Zylinder, dabei murmelnd "Zu spät, zu spät, ich bin zu spät ..."