Historisch gut recherchiert - Charaktere etwas eindimensional
Das Erbe der KarolingerDas Erbe der Karolinger -- Claudius Crönert –
Dieser historische Roman knüpft da an, wo einige Leser noch vage Erinnerungen an den Geschichte-Unterricht haben könnten: Karl der Große hat sein riesiges ...
Das Erbe der Karolinger -- Claudius Crönert –
Dieser historische Roman knüpft da an, wo einige Leser noch vage Erinnerungen an den Geschichte-Unterricht haben könnten: Karl der Große hat sein riesiges Frankenreich erobert, nun heißt es, dieses Erbe zu verwalten und zu stabilisieren. In dem Roman begleitet man Karls Sohn Ludwig bei dem Versuch, dieser Herausforderung auf seine Art und Weise gerecht zu werden. Dabei gerät er in ein Spannungsfeld unterschiedlichster Interessen, zu denen nicht zuletzt auch seine eigenen Söhne und deren Machtansprüche gehören. Dieses komplexe Zusammenspiel wird in diesem Roman meiner Meinung nach gut ausgearbeitet. Viele historische Begebenheiten sind sehr gründlich recherchiert, andere sind, auch aufgrund begrenzter Quellenlage, so angelegt, dass man sich gut vorstellen kann, dass es so hätte gewesen sein können. Einer dieser Aspekte, der mir besonders gut gefallen hat, ist die Darstellung von Judith und auch die eingeflochtenen Erklärungen, wieso sich in den überlieferten Quellen ein ganz anderes Bild von ihr festgesetzt haben könnte. Andere Details sind sehr gekürzt (oder weggelassen), was natürlich künstlerische Freiheit ist und zum Teil bestimmt auch für eine leichtere Lesbarkeit sorgt, andererseits aber Fakten verzerrt darstellt.
Das Setting ist ausführlich beschrieben, Rahmenbedingungen werden vorstellbar, wie zum Beispiel die Tatsache, wie lange Reisen zu dieser Zeit gedauert haben und die Schwierigkeiten, die deshalb auch in der Informationsübermittlung entstanden sind. Die ständige Bedrohung von allen Seiten wird ebenfalls gut vermittelt, was für mich wichtig war, um die Entstehung der politischen Dramen und Intrigen besser zu verstehen: Es war zwar ein Reich, in dem aber verschiedenste Volks- und Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Interessen versuchen mussten, nebeneinander zu existieren.
Ein wenig zu oberflächlich fand ich jedoch die Darstellung der meisten Charaktere: Einige sind entweder gänzlich gut oder nur böse, und manche Handlungen bleiben schwer nachvollziehbar. Dadurch, dass der Roman in den unterschiedlichen Abschnitten aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt ist, ist bei mir ein bisschen das Gefühl von „losen Fäden“ aufgekommen, weil dann einzelne Handlungsstränge nicht mehr weiterverfolgt werden. Angesichts des komplexen Stoffes und Zeitrahmens hätte ich es begrüßt, wenn einige Nebenstränge weggelassen worden wären, um sich stärker auf die „Haupthandlung“ zu konzentrieren, aber das ist natürlich eine Frage des persönlichen Geschmacks.
Zusammengefasst ist es ein gut recherchierter Roman, der mich zwar nicht vollständig fesseln konnte, mir aber dennoch erheblich dabei geholfen hat, mein Wissen und Verständnis über die Verhältnisse im Frankenreich nach Karl dem Großen zu vertiefen.