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Veröffentlicht am 27.01.2023

Erschütternder zeitgeschichtlicher Roman

Feldpost
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MEINE MEINUNG
In ihrem historischen Roman „Feldpost“ ist es der deutschen Autorin Mechtild Borrmann erneut in beeindruckender Weise gelungen, auf wahren Begebenheiten beruhende Schicksale und zeitgeschichtliche ...

MEINE MEINUNG
In ihrem historischen Roman „Feldpost“ ist es der deutschen Autorin Mechtild Borrmann erneut in beeindruckender Weise gelungen, auf wahren Begebenheiten beruhende Schicksale und zeitgeschichtliche Ereignisse rund um den Zweiten Weltkrieg zu einer bewegender Geschichte zu verweben. Eine Geschichte, die mich angesichts der Authentizität Intensität der geschilderten menschlichen Tragödien betroffen und sehr nachdenklich zurückgelassen hat.
Recherchiert hat die Autorin hierzu in dem umfangreichen Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen, in dem Zeitzeugnisse aus dem deutschen Sprachraum in Form von unveröffentlichten Tagebüchern, Lebenserinnerungen und Briefen archiviert und der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.
In ihrem Roman führt sie uns sehr nachdrücklich die weitreichenden Auswirkungen vor Augen, die der Nationalsozialismus auf die junge Generation hatte und insbesondere der Krieg der gesamten Bevölkerung zugefügt hat.
Thematisch kreist die überaus bestürzende Geschichte über zwei Geschwisterpaare und deren Familien um eine große verbotene Liebe, die im Verborgenen bleiben muss, verschmähte Zuneigung, Freundschaft, Eifersucht, skrupellose Bereicherung, Verrat und große Schuld.
Die Autorin hat ihren Roman auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen angelegt und erzählt die Handlung aus verschiedenen Perspektiven. Durch den einfühlsamen, ansprechenden Schreibstil und den interessanten Einstieg wird man von Anfang an mitten hinein in die Geschehnisse gezogen und folgt gebannt dem weiteren Fortgang der emotional aufwühlenden Zeitreise. In dem Handlungsstrang der Gegenwart des Jahres 2000 lernen wir die Anwältin Cara Russo kennen, die nach einer mysteriösen Begegnung mit einer Unbekannten in einem Café beginnt, sich auf eine aufreibende Spurensuche nach dem rechtmäßigen Besitzer des Inhalts der von dieser zurückgelassenen alten Aktentasche zu begeben. So gelingt es Cara tatsächlich, den damaligen Absender der Feldpostbriefe aufzuspüren deckt bei ihren Recherchen allmählich die tragischen Hintergründe auf.
Im zweiten eindringlich erzählten Handlungsstrang tauchen wir in die Vergangenheit ein und erhalten ausgehend vom Jahr 1935 Einblicke in das Leben zweier befreundeter und in vielerlei Hinsicht schicksalhaft verbundener Familien und ihrer Kinder Adele und Albert sowie Richard und Dietlind ein. Während Familie Martens stramm auf Linie der Nazis ist, gerät Adeles Vater wegen seiner regimekritischen politischen Einstellung zunehmend in große Schwierigkeiten, bis schließlich nur noch die Flucht der Eltern ins Ausland Schlimmeres verhindert und die jungen Geschwister im Nazi-Deutschland zurückbleiben.
In verschiedenen Episoden veranschaulicht die Autorin glaubhaft die unterschiedliche Entwicklung ihrer vielschichtig angelegten Figuren und die Motive für ihr individuelles Handeln. Gekonnt hat sie auch viele historische Fakten und damalige Geschehnisse wie beispielsweise die fatale Bombennacht in Kassel im Oktober 1943 in die Handlung eingeflochten.
Die kurzen Kapitel und raschen Perspektivwechsel sorgen für Abwechslung und lassen die Spannung stetig steigen, auch wenn man ahnt, dass man nicht mit einem versöhnlichen Ausgang rechnen kann. Die vielen von Cara aus den alten Unterlagen und Briefen zusammengetragenen Mosaiksteinchen sowie die Rückblicke in die Vergangenheit offenbaren schließlich die beklemmende Wahrheit über die Vorkommnisse rund um Adele und ihre Familie. Das unfassbare, ihnen widerfahrene Leid und die enthüllten menschlichen Abgründe machen einen sehr betroffen. Insbesondere, da viele der zu dieser Geschichte verdichteten Einzelschicksale und persönlichen Tragödien auf wahren Begebenheiten beruhen.
Etwas schade fand ich, dass die Handlung ab einem gewissen Punkt doch etwas zu vorhersehbar war.
Zum Ende hin überschlagen sich die hochdramatischen Ereignisse regelrecht und es kommt zu einem raschen, fast reportageartigen Bericht im Zeitraffer über die Schicksale der beteiligten Charaktere.

FAZIT
Ein sehr bewegender historischer Roman über eine verbotene Liebe, einen großen Verrat und eine tragische Familiengeschichte zu Deutschlands dunkelsten Zeiten!
Basierend auf wahren Begebenheiten, aufrüttelnd und erschütternd! Sehr lesenswert!

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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.01.2023

Unterhaltsame Fortsetzung der historischen Krimi-Reihe

Fräulein vom Amt – Der Tote im Kurhaus
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MEINE MEINUNG
Nach dem vielversprechenden Auftakt „Die Nachricht eines Mörders“ ist den unter dem Pseudonym Charlotte Blum schreibenden Autorinnen Regine Bott und Dorothea Böhme mit dem zweiten Band „Fräulein ...

MEINE MEINUNG
Nach dem vielversprechenden Auftakt „Die Nachricht eines Mörders“ ist den unter dem Pseudonym Charlotte Blum schreibenden Autorinnen Regine Bott und Dorothea Böhme mit dem zweiten Band „Fräulein vom Amt - Der Tote im Kurhaus“ eine sehr unterhaltsame Fortsetzung ihrer historischen Roman-Serie rund um die sympathische Protagonistin Alma Täuber als ermittelndes Fräulein vom Amt gelungen.
Die abwechslungsreiche Mischung aus fesselndem Kriminalfall, zarter Liebesgeschichte, faszinierenden zeitgeschichtlichen Einblicken in das Alltagsleben der mondänen, quirligen Kur-Stadt Baden-Baden im Jahr 1924 sowie spannenden kulturellen Ereignissen sorgt für beste Unterhaltung.
Im Mittelpunkt der abwechslungsreichen Handlung stehen die junge Alma und ihre unkonventionelle Freundin und kreative Floristin Emmi Wolke, die sich eine gemeinsame Dachwohnung als Untermieterinnen einer höchst neugierigen Hauswirtin teilen, und ihre Unabhängigkeit als „moderne Frauen“ jener Zeit bei gesellschaftlichen Amüsements auskosten. Als nach der Premierenfeier zur »Aida«-Aufführung Emmis schneidiger Tanzpartner und gefeierter Tenor tot aufgefunden wird, gerät deren hitzköpfiger und stets eifersüchtiger Verehrer August ins Visier der Polizei. Auf Emmis hartnäckige Bitte hin beginnt Alma mit ihrem untrüglichen kriminalistischen Spürsinn Nachforschungen zu dem verzwickten Fall anzustellen. Hierbei trifft sie auch wieder auf den jungen Kriminalkommissar Ludwig Schiller, dem sie trotz großer Zuneigung im letzten Band den Laufpass gegeben hatte.
Dank des lebendigen Erzählstils und der farbenprächtigen Beschreibungen der Schauplätze in der damals international populären Sommerresidenzstadt am westlichen Rand des Schwarzwalds werden wir rasch in das turbulente Geschehen hinein gezogen.
Sehr anschaulich und authentisch fangen die Autorinnen das einzigartige Flair der turbulenten Zwanziger Jahre ein, einer Zeit im gesellschaftlichen und politischen Umbruch, deren heraufziehende Schattenseiten durch das Aufleben des nationalsozialistischen Gedankenguts immer präsenter werden.
Wie im Nachwort erläutert haben die Autorinnen viele historische Details sorgsam recherchiert und diese vom hochinteressanten modischen bis technologischen Wandel und bis hin zu politischen und kulturellen Hintergründen sehr ansprechend in ihre Handlung eingearbeitet. So erleben wir hautnah die um sich greifende Begeisterung der Bevölkerung für Ägyptologie und den Hype um Howard Carters archäologische Ausgrabungen im Tal der Könige mit, die sich in den Alltag eingeschlichen hat.
Mir hat es mit viel Spaß bereitet, mich gemeinsam mit der sympathischen Protagonistin auf die Suche nach dem Mörder unter die illustre Schar der Verdächtigen zu mischen, die Mitglieder des Opernensemble zu ihren Techtelmechteln zu befragen, diverse Teilnehmer der Ägypten-Expedition unter die Lupe zu nehmen und über altägyptischen Artefakten nachzuforschen. Auch wenn der eigentliche Kriminalfall und die Ermittlungen hierzu bisweilen in den Hintergrund treten, sorgen die privaten und beruflichen Exkurse rund um Alma und ihre flatterhafte Freundin für viel Abwechslung, nette humorvolle Episoden und natürlich Spannung.
Almas Recherchen zu dem spektakulären Mordfall nehmen so manche unerwartete Wendung, bieten reichlich Stoff zum Miträtseln und gipfeln schließlich in einem fesselnden Finale und einer überraschenden Auflösung.
Die Autorinnen haben ihre verschiedenen Charaktere sehr lebendig und mit viel Liebe ausgearbeitet, so dass sie äußerst lebensnah wirken. Ob nun die überaus clevere, selbstbewusste Hauptfigur Alma, der ihr Beruf in der Telefonvermittlung des Postamts und ihre Unabhängigkeit sehr wichtig ist, ihre quirlige, lebensfrohe Freundin Emmi mit ihren stets wechselnden Männerbekanntschaften, oder verschiedenste Nebenfiguren -die Autorinnen verstehen es, ihre Figuren zum Leben zu erwecken und uns ihre Gedankenwelt glaubwürdig zu vermitteln.
Ich bin schon sehr gespannt, welche Abenteuer und Herausforderungen auf Alma im 3. Band „Spiel auf Leben und Tod“ zukommen werden, der für Ende August dieses Jahres angekündigt ist.

FAZIT
Eine unterhaltsame Fortsetzung der historischen Krimi-Reihe um das ermittelnde Fräulein vom Amt Alma Täuber -mit sympathischen Charakteren, spannenden Ermittlungen, tollem Zwanziger Jahre-Zeitkolorit und humorvollen Episoden!
Ein gelungenes kurzweiliges Lesevergnügen zum Miträtseln, Schmunzeln und Mitfiebern!

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Veröffentlicht am 10.01.2023

Außergewöhnliche Erzählung

Gespräche auf dem Meeresgrund
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MEINE MEINUNG
Mit ihrem neuen Buch „Gespräche auf dem Meeresgrund“ hat die deutsche Autorin Root Leeb eine eindringliche, tiefgründige Erzählung vorgelegt, die gekonnt ein Schlaglicht auf die heutige Zeit ...

MEINE MEINUNG
Mit ihrem neuen Buch „Gespräche auf dem Meeresgrund“ hat die deutsche Autorin Root Leeb eine eindringliche, tiefgründige Erzählung vorgelegt, die gekonnt ein Schlaglicht auf die heutige Zeit und die gesellschaftlichen Probleme wirft. Auf knapp 150 Seiten entspinnt sich eine höchst außergewöhnliche Geschichte über Leben und Tod, Freiheit und Immigration, über Privilegien und Macht, Menschlichkeit in Zeiten des Chaos, Diskriminierung sowie Suppression von Frauen und Armen.
Root Leeb hat ihre ungewöhnliche Erzählung als ein dialog-dominiertes Kammerspiel inszeniert, mit der faszinierenden Unterwasserwelt am Meeresgrund als minimalistisches, recht surreales Setting.
Wundervoll illustriert wird das ganze durch in den Text eingestreute, sehr stimmungsvolle Bilder, die alle wie ebenfalls das sehr ansprechende Cover von der Autorin stammen. Mit ihrem ruhigen, ausgefeilten Erzählstil hat die Autorin einen einzigartigen Klang in ihre eher stille Geschichte hineingezaubert. Ihre lakonisch wie poetische Sprache sowie ihre eindrücklichen, atmosphärisch dichten Beschreibungen haben mich rasch in den Bann gezogen und mein Kopfkino anspringen lassen. Root Leeb hat eine faszinierende Ausgangssituation für ihre Geschichte gewählt, die mich mit seinem unrealistischen, aber originellen und zugleich berührenden Gedankenexperiment sehr angesprochen hat.
So lässt sie drei zunächst namenlose Seelen im mythischen Element Wasser aufeinandertreffen - drei Menschen mit verschiedener Sozialisation und von unterschiedlicher Herkunft, die in dem unglücklichen Umstand, vom Meer verschluckt und nun an ihrer Grabstätte in einer Art Zwischenreich unter Wasser festgehalten zu sein, ein gemeinsames tragisches Schicksal teilen. In dieser besonderen Ausgangskonstellation, in der nichts voreinander verborgen werden kann, beginnen die drei Seelen sich miteinander auszutauschen, setzten sich zugleich auch mit ihrer bisherigen Lebensgeschichte und ihrem Schicksal auseinander und müssen sich zwangsläufig auch den Geistern ihrer Vergangenheit stellen.
Es ist faszinierend und bewegend, ihren Gesprächen über ihr früheres Leben und die Einschätzungen ihrer gegenwärtigen Lage zu folgen, ihren vorbeiziehenden Erinnerungsfetzen zu lauschen und an ihrem Gedankenstrom, ziellosem Philosophieren oder an sich bisweilen hochschaukelnden Emotionen teilzuhaben. Nach und nach erfahren wir mehr über einschneidende Geschehnisse in ihrem Leben und persönliche Schicksalsschläge, und die vergangene Lebenssituation dieser „armen Seelen“ mit ihren unterschiedlichen Hintergrundgeschichten kristallisiert sich immer deutlicher heraus.
Mit viel psychologischem Feingefühl ist es der Autorin in ihrem Kammerspiel gelungen, die Figuren mit ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten aber auch ihrer inneren Zerrissenheit, Ängsten, Trauer und Verbitterung glaubhaft einzufangen. Zugleich hat sie eindringlich-emotionale Momente oft nur kurz angeschnitten und überlässt es dem Leser, in diese Kulisse eigene Betrachtungen zu projizieren.
Die Intention der Autorin, den ertrunkenen Geflüchteten im Mittelmeer mit ihrem Roman ein Gesicht zu geben und uns ihre schicksalhafte Geschichte zu erzählen, finde ich sehr gelungen.

FAZIT
Eine tiefgründige, eindringlich-emotionale Erzählung, die zum Nachdenken über unser Leben und das Miteinander in unserer modernen Gesellschaft anregt.

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Veröffentlicht am 01.01.2023

Ein eindringlich geschriebener, sehr bewegender Roman

Dschinns
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MEINE MEINUNG

Mit ihrem zweiten Roman »Dschinns« ist der deutschen Autorin und Journalistin Fatma Aydemir ein faszinierender und sehr bewegender Familienroman gelungen, der es zu Recht auf die Shortlist ...

MEINE MEINUNG

Mit ihrem zweiten Roman »Dschinns« ist der deutschen Autorin und Journalistin Fatma Aydemir ein faszinierender und sehr bewegender Familienroman gelungen, der es zu Recht auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2022 geschafft hat.
Im Mittelpunkt der 1999 in Deutschland angesiedelten Geschichte steht das Schicksal der Gastarbeiterfamilie von Emine und Hüseyin Yilmaz und ihren vier Kindern Ümit, Peri, Hakan und Sevda, die im Gegensatz zu ihren Eltern weitgehend in der deutschen Gesellschaft sozialisiert sind.
Thematisch kreist der Roman um verpasste Lebensträume, prägende Folgen der schwierigen Familienkonstellation und patriarchale Strukturen, Suche nach eigener Identität, Unabhängigkeit und Sexualität, fehlende Mutterliebe sowie Generationenkonflikten. Doch auch die Problematik von Migration, Rassismus, Benachteiligung, Verlust der eigenen Sprache, von Heimat und seinen kulturellen Wurzeln greift die Autorin gekonnt in ihrem facettenreichen Roman auf.
Äußerst bewegend erzählt die Autorin in ihrem fesselnden Ausgangsszenario vom 59-jährigen Hüseyin, der vor 3 Jahrzehnten als Gastarbeiter aus der Osttürkei nach Deutschland kam und nach harter Arbeit seinen wohlverdienten Frühruhestand in seiner mühsam ersparten Eigentumswohnung in Istanbul genießen möchte. Doch sein großer Traum erfüllt sich tragischer Weise nicht mehr, denn am Tag seines Einzugs verstirbt er an einem Herzinfarkt. Die zu Hüseyins Bestattung anreisenden Hinterbliebenen haben neben ihrer Trauer und widersprüchlicher Gefühle eine Menge unaufgearbeiteter Probleme, Verwundbarkeiten, Sorgen aber auch heimliche Sehnsüchte im Gepäck. Konfrontiert mit ihrer komplizierten Familiengeschichte kommen ganz unerwartet unangenehme Wahrheiten, verborgene Familiengeheimnisse und sorgsam gehütete Lebenslügen ans Licht, die bislang unausgesprochen blieben und nun das hartnäckige Schweigen in der Familie durchbrechen.
Der Roman ist in sechs verschiedene Kapitel unterteilt, in denen abwechselnd aus der jeweiligen Perspektive eines anderen Familienmitglieds erzählt wird. Der Autorin ist es hervorragend gelungen, jeder Figur eine ganz individuelle Stimme und eigene Sichtweise zu geben. Die höchst unterschiedlichen Charaktere sind mit ihrer persönlichen Beziehung zu den Eltern und unterschiedlichen Hintergrundgeschichten äußerst lebendig. facettenreich und tiefgründig angelegt und wirken sehr authentisch. Zudem werden in jedem Kapitel aufschlussreiche Details aus ihrer persönlichen Lebensgeschichte und einschneidende Erlebnisse beleuchtet und bedeutsame Einblicke in ihre Stärken und Schwächen sowie Persönlichkeitsentwicklung gewährt. Kleinen Mosaiksteinchen gleich fügen diese sich allmählich zu einem aufschlussreichen Gesamtbild zusammen, das schließlich beim erschütternden Finale den Blick auf eine sehr beklemmende Dimension freigibt.
Die wendungsreiche, berührende Geschichte, die mich zunehmend in den Bann gezogen und sehr nachdenklich zurückgelassen hat, erhält durch die Perspektivwechsel und die allmählich zutage tretenden, miteinander verwobenen Enthüllungen eine ganz eigene Dynamik.
Der sehr eindringliche und feinfühlige Schreibstil hat mich überaus fesseln und sprachlich sehr überzeugen können.
Ob nun Hüseyins jüngster Sohn Ümit, die beiden Töchter Peri und Sevda, sein zweiter Sohn Hakan bis hin zu Emine, der Mutter und Hüseyins Frau, mit deren Sicht sich am Ende der Kreis schließt, - sie alle sind verletzte, einsame Seelen, die zwar ihre eigene, von gesellschaftlichen und familiären Zwängen beeinflusste Geschichte erzählen, und doch vereint sie alle trotz aller Entfremdung voneinander ihre verhängnisvolle Familiengeschichte.
Schließlich fügen sich am Ende die vielen unterschiedlichen, beiläufig eingeflochtenen Aspekte zu einem höchst aufschlussreichen Familienportrait zusammen, das betroffen macht und sehr nachdenklich stimmt. Nach einem spektakulären, unerwarteten Twist lässt die Autorin ihre geniale Geschichte sehr gelungen ausklingen.

FAZIT
Ein eindringlich erzählter, berührender und sehr tiefgründiger Roman über eine tragische Familiengeschichte, dunkle Familiengeheimnisse und sorgsam gehütete Lebenslügen!

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Veröffentlicht am 01.01.2023

Mitreißende Fortsetzung der historischen Hebammen-Saga

Fräulein Gold: Die Rote Insel
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MEINE MEINUNG
Mit „Hulda Gold - Die rote Insel“ geht die großartige historische Hebammen-Erfolgsreihe von Anne Stern bereits in die fünfte Runde und noch ist kein Ende absehbar – zum Glück!
Diese abwechslungsreiche ...

MEINE MEINUNG
Mit „Hulda Gold - Die rote Insel“ geht die großartige historische Hebammen-Erfolgsreihe von Anne Stern bereits in die fünfte Runde und noch ist kein Ende absehbar – zum Glück!
Diese abwechslungsreiche Saga, in deren Mittelpunkt die bemerkenswerte, charakterstarke Berliner Hebamme Hulda Gold steht, sorgt mit der stimmigen Mischung aus faszinierendem Berliner Setting, einigen Ermittlungen zu einem mysteriösem Todesfall sowie komplizierter Liebesgeschichte wieder für spannende Unterhaltung. Vor allem die authentisch beschriebene zeitgeschichtliche Kulisse Berlins von 1926 sowie die interessanten, vielschichtig angelegten Figuren konnten mich wieder sehr begeistern. Nach dem überraschenden und äußerst beklemmenden Ausgang dieses letzten Bands war ich schon sehr auf Huldas weiteres Schicksal und die Fortsetzung der Geschichte gespannt.
Dank des angenehm leichten und lebendigen Erzählstils der Autorin werden wir rasch ins mitreißende Geschehen hineingezogen und tauchen ab ins politisch aufgeladene Berlin, in dem es vermehrt zu Spannungen und handfesten Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Anhängern der nationalsozialistischen Bewegung kommt. Gekonnt portraitiert Stern das herausfordernde Alltagsleben der kleinen Leute, gibt uns aufschlussreiche Einblicke in die sozialen Spannungen und politischen Strömungen jener Zeit.
Für die hochschwangere Hulda hat sich nach dem tragischen Tod ihres Verlobten Johann viel verändert, und sie sieht einer wenig rosigen Zukunft entgegen. Glücklicherweise kann sie kann sie auf die Unterstützung ihrer alten Freunde aus ihrem alten Kiez zählen, denn die Familie ihres Verlobten zeigt ihr die kalte Schulter und verwehrt ihr jegliche finanzielle Hilfen. Ihre Anstellung als Hebamme in der Klinik hat sie verloren, so dass sie im Arbeiterviertel ROTE INSEL nun als Arzthelferin in der Praxis der jungen Ärztin und überzeugten Kommunistin Grete Fischer mithilft.
Die Autorin hat ihre Charaktere erneut sehr lebendig und vielschichtig ausgearbeitet, so dass sie mit ihren Ecken und Kanten sehr lebensnah und glaubhaft wirken. Zudem kommt es zu einem Wiedersehen mit alten Freunden und liebgewonnenen Bekannten aus den vorherigen Bänden. Sehr gelungen ist die überaus sympathische, charakterlich gereifte Protagonistin Hulda, die mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen ist. Sie ist immer noch eine unerschrockene, selbstbewusste und unkonventionelle Frau, die sich trotz eigener Probleme und ihrer prekären Situation sehr mitfühlend für ihre Patienten in Not einsetzt und angesichts der damaligen Missstände hilft, wo immer sie kann. Doch spürt man deutlich ihre Selbstzweifel und zunehmende Unsicherheit angesichts ihrer ungewissen Zukunft als ledige Mutter. Gefreut habe ich mich auch darüber, dass Huldas ehemaliger Freund und Ex-Kommissar Karl North, der inzwischen als Privatdetektiv arbeitet und für seinen zwielichtigen Vater Nachforschungen anstellt, wieder eine größere Rolle in der Geschichte spielt. Als in unmittelbarer Nachbarschaft ein Kohlenhändler ermordet aufgefunden wird und die politischen Unruhen zu eskalieren drohen, zieht der Spannungsbogen immer weiter an. So dauert es nicht lange, bis Hulda trotz Kugelbauch ihrem Spürsinn freien Lauf lässt und sich in große Schwierigkeiten bringt. Nur gut, dass Karl Hulda in höchster Not zur Seite stehen kann und hoffe sehr, in der Fortsetzung wieder mehr über ihn lesen zu dürfen.
Zum Hörbuch:
Die großartige Schauspielerin und Hörbuchsprecherin Anna Thalbach ist eine hervorragende Wahl für dieses gekürzte Hörbuch. Mit ihrer unverwechselbaren, facettenreichen Stimme hat sie die Geschichte erneut äußerst überzeugend und temperamentvoll eingelesen. Sie setzt die Geschichte sehr mitreißend und abwechslungsreich um, so dass das Kopfkino mühelos anlaufen kann und man rasch ins fesselnde Geschehen hineingezogen wird. Mühelos gelingt es ihr, der Geschichte das typische Berliner Flair einzuhauchen und die verschiedenen Figuren zum Leben zu erwecken. Perfekt ist auch die selbstbewusste Hulda Gold, deren Charakter und Emotionen sie gefühlvoll und sehr überzeugend herausarbeitet. Ein rundum gelungenes, sehr lebendig eingelesenes Hörbuch, das für beste Unterhaltung sorgt!

FAZIT
Eine fesselnde Fortsetzung der historischen Hebammen-Saga rund um die äußerst sympathische, charakterstarke Berliner Hebamme Hulda Gold - mit faszinierenden Charakteren, viel Berliner Flair und wundervollem Zeitkolorit.
Ein sehr empfehlenswertes Hörbuch!

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