Ein Buch, das Mut macht, sich eigene Räume zu schaffen – egal ob physisch oder gedanklich
Ein Raum zum SchreibenWas bedeutet es, als Frau einen eigenen Raum zum Schreiben zu haben? Und was geschieht, wenn dieser Raum verloren geht? Diesen Fragen widmet sich Kristin Valla in ihrem Buch "Ein Raum zum Schreiben". Die ...
Was bedeutet es, als Frau einen eigenen Raum zum Schreiben zu haben? Und was geschieht, wenn dieser Raum verloren geht? Diesen Fragen widmet sich Kristin Valla in ihrem Buch "Ein Raum zum Schreiben". Die norwegische Autorin, Journalistin und Lektorin wurde 1975 geboren und veröffentlichte bereits mehrere international beachtete Romane, darunter "Muskat" und "Das Haus über dem Fjord". In ihrem neuesten Werk verbindet sie persönliche Reflexionen mit literaturhistorischen Betrachtungen über Schriftstellerinnen, die sich ihren eigenen Platz in einer oft männlich dominierten Welt erkämpfen mussten.
Worum geht’s genau?
Kristin Valla stellt mit Anfang vierzig fest, dass sie sich selbst nicht mehr als Schriftstellerin betrachtet. Muttersein, Partnerschaft und berufliche Verpflichtungen haben dazu geführt, dass ihr kreativer Raum geschrumpft ist – ihr ehemaliges Arbeitszimmer wurde zum Kinderzimmer, und sie schreibt kaum noch. Um das zu ändern, begibt sie sich auf zwei Reisen: Eine führt sie nach Südfrankreich, wo sie nach einem eigenen Rückzugsort sucht, die andere auf die Spuren berühmter Autorinnen wie Daphne du Maurier, Selma Lagerlöf oder Toni Morrison, die sich unter oft widrigen Umständen ihren Platz zum Schreiben erkämpften. In einem essayistischen Stil erzählt Valla von den Herausforderungen weiblicher Kreativität und der Bedeutung eines eigenen Ortes – sowohl im physischen als auch im übertragenen Sinn.
Meine Meinung
Das Buch hab ich als Rezensionsexemplar angefordert. Das Cover hat mich zunächst nicht besonders angesprochen, doch der Klappentext war überzeugend – er erinnerte mich an "Frauen Literatur" von Nicole Seifert. Beim Lesen stellte sich jedoch heraus, dass "Ein Raum zum Schreiben" ein ganz anderes Werk ist: persönlicher, intimer und weniger sachbuchhaft (was nicht negativ gemeint ist).
Von der ersten Seite an hat mich Vallas Schreibstil fasziniert. Ihre Sprache ist leise, aber eindringlich, und sie schildert mit großer Klarheit, wie sich die Rolle einer Frau – insbesondere einer Schriftstellerin – durch Heirat und Mutterschaft verändert. Besonders eindrücklich beschreibt sie, wie das Leben von Frauen oft in Bezug auf ihre Beziehungen erzählt wird: „Nullpunkte werden im Leben von Frauen oft unterschätzt. Unsere Geschichten werden in der Regel mit dem Ausgangspunkt in unseren Beziehungen zu anderen erzählt, mit Kindern und Ehe als großes Vorher und Nachher des Lebens; auch diejenigen, die dies nicht erleben oder sich dagegen entscheiden, müssen sich dazu verhalten.“ (S. 164)
Vallas Buch ist eine Mischung aus Selbstfindung und Rückbesinnung auf eigene Bedürfnisse. Das Haus, das sie in Südfrankreich sucht, wird zum Sinnbild für diesen Prozess – es ist ein Raum, der gestaltet, verändert und mit Bedeutung aufgeladen wird. Besonders beeindruckt hat mich die Art, wie Valla immer wieder andere Schriftstellerinnen in ihre Erzählung einbindet. Es entsteht eine literarische Ahnenreihe von Frauen, die alle eines gemeinsam haben: den Wunsch nach einem eigenen Ort, an dem sie schreiben können.
Ein besonders bewegendes Zitat stammt aus dem Buch: „Immer wenn ich in diese Räume zurückkehrte, war es, als ob sie mir etwas über mich erzählten, was ich selbst vergessen oder gar nicht gewusst hatte. Ein Gefühl, mir selbst zu begegnen und freudig davon überrascht zu sein, wer dieser Mensch in Wirklichkeit war.“ (S. 126, E-Book). Diese Reflexion über den eigenen Raum als Spiegel der Identität fand ich besonders treffend.
Auch die Bedeutung eines Arbeitsraums wird immer wieder thematisiert. Valla schreibt: „Das Haus war nicht nur ein Ort, wo ich schrieb, sondern ein Ort, wo ich mich in Gedanken vertiefen, mich in meinen eigenen Kopf einklinken, Klarheit darin erlangen konnte, was ich wollte und was in mir wohnte.“ (S. 169). Dieses Bedürfnis nach einem Rückzugsort kennen sicher viele kreative Menschen – besonders Frauen, die ihre eigenen Wünsche oft hinter anderen Verpflichtungen zurückstellen.
Besonders beeindruckt hat mich zudem eine Passage, die verdeutlicht, unter welchen Umständen Frauen immer wieder geschrieben haben: „Wenn mir die Geschichte etwas gezeigt hatte, dann, dass Frauen überall schreiben können, unter den unmöglichsten Bedingungen. Sie hatten am Herd geschrieben, während sie Brownies buken, und auf dem Treppenabsatz, während sie Kinder hüteten. Auf dem Wickeltisch beim Windelwechsel und im Bus auf dem Weg zur Arbeit, nachts in einer dunklen Wohnstube und tagsüber im Gefängnis. Frauen hatten in einer Höhle im Gebirge geschrieben, in einer psychiatrischen Klinik, in abgrundtiefer Armut und am Rande des Selbstmordes.“ (S. 146, E-Book). Dieser Abschnitt verdeutlicht eindringlich, mit welchen Herausforderungen Frauen in der Literaturgeschichte konfrontiert waren – und wie notwendig ein eigener Raum für kreatives Schaffen ist.
Fazit
"Ein Raum zum Schreiben" ist ein tiefgründiges, kluges und inspirierendes Buch, das sich mit der Frage beschäftigt, was es bedeutet, als Frau zu schreiben – und welchen Raum es dafür braucht. Kristin Vallas Essay verbindet persönliche Erlebnisse mit literaturhistorischen Betrachtungen und schafft so ein vielschichtiges Werk, das mich sowohl emotional als auch intellektuell berührt hat. Ein MUST READ. 5 von 5 Sternen.