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Veröffentlicht am 06.04.2025

Innenansichten des Trump-Wahlkampfs

Alles oder nichts
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Nicht nur bei den Anhängern der US-Demokraten dürfte der Katzenjammer im vergangenen November groß gewesen sein, als zunächst Prognosen und später Stimmenauszählungen klar machten: Donald Trump kehrt ...

Nicht nur bei den Anhängern der US-Demokraten dürfte der Katzenjammer im vergangenen November groß gewesen sein, als zunächst Prognosen und später Stimmenauszählungen klar machten: Donald Trump kehrt ins Weiße Haus zurück. Wie konnte das möglich sein, angesichts der erratischen ersten Amtszeit, der Unberechenbarkeit des Kandidaten, von seinen zahlreichen juristischen Problemen einmal ganz abgesehen? Wie konnte eine Mehrheit der Amerikaner*innen diesen Mann für wählbar halten?

In seinem Buch "Alles oder nichts" gibt der US-Journalist Michael Wolff Innenansichten in die Trump-Wahlkampagne, in den Kreis der Spender und Mitarbeiter, die internen Intrigen und den Umgang mit den zahlreichen Klagen. Seine Quellen verschleiert er dabei - und nach der Lektüre des Buches ist ziemlich klar, dass kein Informant Wolffs Interesse haben dürfte, als Leak identifizierbar zu sein.

Das ist einerseits die Schwäche dieses gut lesbaren Buches - Behauptungen und Beschreibungen sind nicht verifizierbar, mal abgesehen von den öffentlichen Reden und Gerichtsauftritten Trumps im Wahlkampf. Andererseits dürfte Wolff, der bereits ein Buch über Trumps erste Amtszeit geschrieben hat, nah dran an Trumps Umfeld gewesen sein. Schlüssig klingen seine Beschreibungen des Trump-Lagers allemal, wenn man sie in Zusammenhang mit Trumps öffentlichen Auftritten setzt.

Das Phänomen Trump ist dabei sowohl erschreckend als auch auf gruselige Weise faszinierend. Ein auf Karacho gebürsteter Kandidat ohne echte politische Agenda und Strategie, dem jegliche Empathie oder Analysefähigkeit abgeht, dessen enormes Ego ständig von einem Hofstaat aus Lakaien und Schmeichlern bedient werden muss, dessen Verhältnis zu Frauen ebenso fragwürdig ist wie sein Umgang mit Mitarbeitern.

Wolffs Buch endet mit dem Wahlsieg, manches, was sich seitdem entwickelt hat, etwa die Rolle Elon Musks, zeichnet sich darin noch nicht sonderlich ab. Es zeigt die Rivalitäten sowohl innerhalb der Republikaner und der MAGA-Bewegung, die immer größeren Einfluss gewinnt, die Machtkämpfe innerhalb Trumps Wahlkampf- und Juristenteams. Eines dürfte klar sein: Bis zum Ende von Trumps zweiter Amtszeit dürften Turbulenzen und Konflikte reichlich garantiert sein.

Veröffentlicht am 25.03.2025

Klaustrophobischer Thriller

Die Kammer
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In seinem klaustrophobischen Thriller "Die Kammer" führt Will Dean seine Leser*innen buchstäblich in die Tiefe, nämlich in die Tauchkammer, in der sechs Sättigungstaucher auf engstem Raum arbeiten, tagelang ...

In seinem klaustrophobischen Thriller "Die Kammer" führt Will Dean seine Leser*innen buchstäblich in die Tiefe, nämlich in die Tauchkammer, in der sechs Sättigungstaucher auf engstem Raum arbeiten, tagelang am Meeresboden Wartungsarbeiten etwa für Ölbohranlagen ausführen. Es ist eine gefährliche Arbeit, in der sich die Taucher blind aufeinander verlassen können müssen. Für Ich-Erzählerin Ellen Brooke, die einzige Frau der Gruppe, ist es der Traumjob, auf den sie lange hingearbeitet hat. Dafür nimmt sie immer wieder die Trennung von der Familie auf sich, die beengten Verhältnisse in der Kammer ohne Privatsphäre, die tagelange Dekompression, wenn es nach dem Arbeitseinsatz wieder an die Oberfläche geht. Denn die Tür zur Taucherkammer plötzlich zu öffnen, ohne den Druckunterschied allmählich, im Schneckentempo, anzugleichen, würde fatale Folgen haben.

Zudem befinden sich die Taucher unter Dauerbeobachtung: Eine Crew an Bord des Schiffes ist für ihr Wohlergehen, ja ihr Überleben verantwortlich. Ohne die Menschen, die für Mahlzeiten, Getränke, Musik und Zeitschriften sorgen und das Gasgemisch in der Kammer überwachen, könnten auch die Taucher nicht überleben.

Auf einem Tauchgang vor der Küste Schottlands aber geht etwas schrecklich schief: Der jüngste der Taucher bricht zusammen und stirbt. Der Fall muss untersucht werden, doch ein plötzliches Auftauchen ist unmöglich - die Taucher müssen erst die Dekompression hinter sich bringen. Bis dahin kann die Bordsanitäterin sie nicht untersuchen und auch der Rechtsmediziner, der für den Todesfall zuständig ist, kann nur vom Schiff aus Anweisungen zur Entnahme von Körperproben machen.

Die Theorie eines tragischen Unfalls zerbricht, als es einen weiteren Todesfall gibt. Spätestens jetzt breitet sich Paranoia aus. Wie können topfitte Männer plötzlich zusammenbrechen und sterben? Kommt die Bedrohung von außen, oder ist sie womöglich in der Tauchkammer selbst? Die körperlichen und mentalen Herausforderungen der Dekompression werden noch unerträglicher, wenn sie in der Anwesenheit einer wachsenden Zahl von Leichen stattfindet. Gut gehütete Geheimnisse werden nach und nach gelüftet und am Ende ist nichts, wie es einst schien.

Dean schafft in seinem Roman eine beklemmende Atmosphäre, bei der auch beim Lesen angesichts der klaustrophobischen Bedingungen in der Kammer die Luft weg bleibt. Ein locked room mystery unter erschwerten Bedingungen mit überraschenden Wendungen und Enthüllungen und einem Wow-Effekt am Ende.

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Veröffentlicht am 25.03.2025

Deutsch-israelische Liebesgeschichte

Wie schwer wiegt ein Schatten
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In "Wie schwer wiegt ein Schatten" erzählt Christiane Wirtz eine deutsch-israelische Liebesgeschichte, zugleich aber auch das Trauma, das psychische Erkrankungen und Suizid in einer Familie hinterlassen. ...

In "Wie schwer wiegt ein Schatten" erzählt Christiane Wirtz eine deutsch-israelische Liebesgeschichte, zugleich aber auch das Trauma, das psychische Erkrankungen und Suizid in einer Familie hinterlassen. Mia, eine junge deutsche Journalistin, macht eine Elternzeitvertretung im Studio Tel Aviv. In einem Café lernt sie David kennen - es ist Liebe auf den ersten Blick, die Art von Gefühl, an das Mia für sich eigentlich gar nicht geglaubt hat. Allerdings auch problembelastet: Denn David ist verheiratet und Vater einer kleinen Tochter.

Während sich die Beziehung zu David intensiviert und in eine ungewisse Zukunft entwickelt, setzt sich Mia zugleich mit ihrer Vergangenheit auseinander: Ihre Großmutter, die sie nach dem Tod ihrer Mutter aufgezogen hat, ist vor kurzem gestorben. Der Vater hat schon längst in England eine neue Familie gegründet. Eine Jugendfreundin der Mutter hat einen Israeli geheiratet, lebt in einem Kibbutz. Das Paar wird zu Mias israelischer Ersatzfamilie und öffnet ihr einen neuen Zugang zur Mutter: Einerseits durch Ruts Jugenderinnerungen, andererseits durch die Briefe von Mias Mutter.

Das familiäre Trauma zeigt sich auch in diesen Briefen, die Mia einen Blick in die seelische Verfassung ihrer Mutter erlauben. Wenige Tage nach Mias Geburt hat sich ihr Onkel Konrad umgebracht. Er litt wohl jahrelang unter Depressionen. Das Thema wurde in der Familie totgeschwiegen. Doch auch Mias Mutter war depressiv, beging Suizid, als Mia sieben Jahre alt war. Ist die Traurigkeit, die Mia immer wieder spürt, familiäres Erbe, oder Reaktion auf den frühen Verlust der Mutter? Und wird die Liebe ihr heraushelfen? Hat diese Liebe überhaupt eine Zukunft?

Der Romantitel wirkt passend, denn Mia muss sich von den Schatten befreien, die über ihrem Leben liegen, muss sie überhaupt erst einmal bewusst machen. Das Buch hat ein paar Schwächen - die Dialoge sind so druckreif, dass sie oft nicht lebensnah wirken. Die Beschreibungen der Straßen und Cafés von Tel Aviv, von Strandspaziergängen und Negev-Wüste, den Klängen und Gerüchen Jaffas und dem Leben im Kibbutz, das sich immer mehr verändert hat bringen dagegen den Alltag in Israel nahe, zwischen der Allgegenwart möglicher Anschläge - der Roman spielt im Jahr 2008 - und gleichzeitiger Leichtigkeit und Lebensfreude. Da Tel Aviv zu meinen Lieblingsstädten gehört, habe ich Mia gerne auf ihren Spaziergängen zwischen Allenby und Rothschild Boulevard, Carmel-Markt und Uhrturm von Jaffa begleitet.

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Veröffentlicht am 24.03.2025

Bloggerin in Ängsten

Alle sehen dich
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Bodo Völxen von der Kriminalpolizei Hannover hatte schon bessere Tage gesehen in Susanne Mischkes Hannover-Krimi "Alle sehen dich": Er muss auf seine beiden Lieblingskolleginnen verzichten - die eine ...

Bodo Völxen von der Kriminalpolizei Hannover hatte schon bessere Tage gesehen in Susanne Mischkes Hannover-Krimi "Alle sehen dich": Er muss auf seine beiden Lieblingskolleginnen verzichten - die eine wechselte nach ihrer Heimat mit einem Revierkollegen zum LKA, die andere zieht der Liebe wegen nach Südfrankreich. Statt dessen hat er Ärger mit seinem Kollegen Raukel, der aus missverstandener Ritterlichkeit eine Kneipenschlägerei anzettelte und erst mal suspendiert ist. Und dann ist da noch Charlotte Engelhorst, Garten- und livestylebloggerin, die sich verfolgt fühlt und die für Völxen mehr und mehr eine persönliche Heimsuchung ist. Dumm nur, dass seine Ehefrau ein Fan des Videoblogs ist.

Die bunte und so gar nicht dröge Maschsee-Truppe hat dann allerdings mit zwei Todesfällen zu tun, die Engelhorst als Indiz ansieht, dass es jemand auf ihr Leben abgesehen hat: Der Tod ihres Ex-Mannes, der auf gerader Strecke frontal gegen einen Baum geprallt ist, und eine Ex-Schulfreundin, die offenbar beim Fensterputzen aus dem Fenster gefallen ist. Oder war doch alles ganz anders?

Einige Ungereimtheiten bringen das Team ins Nachdenken - hat die nervige Bloggerin womöglich Recht, und jemand will ihr ans Leben? Je genauer sie hinschauen, desto mehr Risse zeigen sich in der scheinbar heilen Welt. Das Verhältnis Engelhorsts zu ihren drei Kindern scheint schwierig, hinzu kommt das ungeklärte Schicksal eines Pflegekindes, das nach einem Überfall auf Charlottes Ex-Mann von einem Tag auf dem anderen verschwunden ist. Kommissarsanwärter Tadden, ein Neuzugang im Team, macht sich mit friesisch-herben Charme an eine Mitarbeiterin des Jugendamts heran, um mehr über die verschwundene junge Frau zu erfahren. Hatte sie womöglich noch eine Rechnung mit der Familie offen?

Mischke sorgt in ihrem Buch für immer neue Wendungen. Besonders reizvoll ist allerdings die Dynamik innerhalb des Teams mit seinen doch recht ausgeprägten Charakteren, gewürzt mit einer Prise Humor. Und wer Hannover kennt, wird viel Lokalkolorit zwischen Linden und Südstadt finden. Eine Reihe, die ich spät entdeckt habe, die mir aber gut gefällt. Völxen und seine Ermittler sind keine Superhelden, sondern ein bodenständiges Team mit ein paar kleinen Macken und internen Eifersüchteleien, das aber funktioniert, wenn es muss und keine Langeweile aufkommen lässt.

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Veröffentlicht am 22.03.2025

Kanzleipleite und Fußballträume

Pirlo - Doppeltes Spiel
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Eigentlich hatten die Düsseldorfer Rechtsanwälte Anton Pirlo und Sophie Mahler in den vergangenen reichlich schlagzeilenträchtige Mandanten und Prozesse, die den beiden Strafverteidigern ordentlich Aufmerksamkeit ...

Eigentlich hatten die Düsseldorfer Rechtsanwälte Anton Pirlo und Sophie Mahler in den vergangenen reichlich schlagzeilenträchtige Mandanten und Prozesse, die den beiden Strafverteidigern ordentlich Aufmerksamkeit verschafften- Im vierten Band von Ingo Botts Justizkrimi-Serie steht Pirlos Kanzlei dennoch vor dem wirtschaftlichen Aus. Und die privaten Schwingungen zwischen den beiden Anwälten sind ungeklärter denn je. Kurz, die Stimmung ist aufgeladen in der Kanzlei am Düsseldorfer Karlsplatz.

Da kommt Pirlos älterer Bruder Ahmid mit einer neuen Geschäftsidee - und sie ist, oh Wunder angesichts der Vergangenheit von Pirlos Bruder, sogar legal. Die beiden sollen ins Fußballgeschäft einsteigen, Spielermanagement und mit einem jungen Talent hat Ahmid sogar schon einen Spieler ausgeguckt. Der 16-jährige ist ein Riesentalent, hat mit einem Siegestor bei einem Lokalderby auf sich aufmerksam gemacht, neigt aber auch schon allein altersbedingt zu ein paar Dummheiten und zweifelhaften Kontakten. Wer könnte dafür mehr Verständnis haben als Ahmid, bei dem beides ein bißchen länger angedauert hat als das Teenageralter!

Pirlo soll dem ganzen Unternehmen die nötige Seriosität verleihen - Anwalt im Anzug usw, und natürlich Verträge und Kleingedrucktes im Auge haben. Doch schnell stellen die Brüder fest, dass ihre Kontaktaufnahme im Verein überhaupt nicht gerne gesehen wird. Schnell kommt es zu Anfeindungen, dann gibt es einen Toten, und Pirlo findet sich plötzlich sogar als Tatverdächtiger in Untersuchungshaft wieder.

Es bleibt nicht bei einem Toten, und alle Opfer stammen aus dem Umfeld des jungen Talents. Dass ein ehrgeiziger Journalist und Podcaster mit seiner sensationsheischenden Berichterstattung mit rassistischen Elementen die Stimmung noch weiter anheizt, ist der Begleitung des jungen Talents nicht gerade förderlich. Und mehr und mehr kommen Pirlo und Mahler zu der Überzeugung, dass ihnen ihr junger Klient irgendetwas Wichtiges verschweigt.

Ungeachtet von Pirlos Manierismes habe ich auch den vierten Band der Düsseldorfer Anwaltsserie gerne gelesen. Diesmal findet das Geschehen weniger in Gerichtssälen statt als in den Vorgängerbänden, doch sowohl der Hickhack zwischen Pirlo und Mahler als auch das ambivalente Verhältnis zwischen Pirlo und Ahmid sind ein wiederkehrendes und unterhaltsames Element. Die Auflösung des Plots ist schlüssig und überraschend zugleich. Gerne mehr davon.

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