Profilbild von milkysilvermoon

milkysilvermoon

Lesejury Star
offline

milkysilvermoon ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit milkysilvermoon über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.01.2025

Alles andere als eine Ballkönigin

Dancing Queen
0

Schwer verletzt und orientierungslos: So findet sich Paulina Almada (35), Mitarbeiterin eines Versicherungsbüros, nach einem Verkehrsunfall in ihrem demolierten Auto am Rande von Buenos Aires wieder. Was ...

Schwer verletzt und orientierungslos: So findet sich Paulina Almada (35), Mitarbeiterin eines Versicherungsbüros, nach einem Verkehrsunfall in ihrem demolierten Auto am Rande von Buenos Aires wieder. Was ist passiert? Wer ist die 15-Jährige auf dem Rücksitz? Langsam kehren Paulinas Erinnerungen zurück.

„Dancing Queen“ ist der Debütroman von Camila Fabbri.

Unterteilt in 27 Kapitel, wird die Geschichte im Präsens und in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Paulina erzählt. Dabei gibt es zwei Ebenen, die sich abwechseln: einerseits die gegenwärtigen Ereignisse, andererseits die Rückblenden zu Geschehnissen aus ihrem Leben vor dem Unfall. Die Handlung spielt Anfang der 2020er-Jahre in Buenos Aires und in der Provinz, die an die Hauptstadt angrenzt.

Die Sprache des Romans ist schnörkellos, nüchtern und klar. Dennoch gibt es einige sehr treffende Sprachbilder. Zudem transportiert der Schreibstil viel Atmosphäre. Auffällig ist der sarkastische Unterton.

In inhaltlicher Hinsicht ist der nur etwa 170 Seiten dünne Roman erstaunlich vielschichtig und facettenreich. Es geht um romantische Beziehungen, Einsamkeit, Kinderwunsch, sexuelle Gewalt und einiges mehr. Dazwischen sind feministische Anklänge zu finden. Damit greift die Geschichte viele Themen auf, die Frauen in ihren Dreißigern bewegen, und bietet Impulse zum Nachdenken.

Als nicht ganz altersgerecht, eher unreif habe ich jedoch die Protagonistin empfunden. Paulina wirkt durchaus lebensnah gezeichnet. Ihre spröde, launische, oft distanzierte, Gleichgültigkeit ausstrahlende, unhöfliche und fast unverschämte Art sowie ihre innerliche Widersprüchlichkeit machen es mir allerdings schwer, einen Zugang zu ihr zu finden. Auch ihre beinahe exzessive Vorliebe für Pornografie ist ein wenig befremdlich. Mitunter hatte ich den Eindruck, dass sie psychologische Hilfe benötigt.

Besonders die Kapitel nach dem Unfall sorgen für Spannung. Andere Passagen, vor allem in der ersten Hälfte des Romans, konnten mich weniger abholen. Der Abschluss des Romans bleibt etwas diffus und lässt viel Raum für eigene Interpretationen.

Wie die Autorin in einem Interview erklärte, soll der Titel ironisch gemeint sein. Für mich funktioniert er leider nicht. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die deutsche Version - anders als das spanischsprachige Original („La Reina del Baile“) - den eingangs zitierten ABBA-Song aufgreift. Das Covermotiv passt hingegen ganz gut.

Mein Fazit:
Mit „Dancing Queen“ hat mich Camila Fabbri nicht jeglicher Hinsicht überzeugt. Ein ungewöhnliches und eigenwilliges Debüt, das mich, offen gestanden, ein wenig ratlos zurücklässt.

Veröffentlicht am 30.01.2025

Gedichte gegen den Hass und das Patriarchat

BILLIE »Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden«
0

Mit ihren zwei Schwestern und drei Brüdern verbringt Sibylla Schwarz, genannt Billie, eine unbeschwerte Kindheit in Greifswald. Doch der Dreißigjährige Krieg macht vor Pommern nicht Halt. Während die Stadt ...

Mit ihren zwei Schwestern und drei Brüdern verbringt Sibylla Schwarz, genannt Billie, eine unbeschwerte Kindheit in Greifswald. Doch der Dreißigjährige Krieg macht vor Pommern nicht Halt. Während die Stadt unter der Besetzung leidet, entdeckt die 14-Jährige ihre Liebe zur Dichtkunst - und zu der hübschen Pfarrerstochter Judith Tanck. Beides kann sie in große Schwierigkeiten bringen…

„Billie“ ist der Debütroman von Stefan Cordes.

Die Geschichte basiert auf der historischen Persönlichkeit Sibylla Schwarz, einer interessanten und leider zu Unrecht vielen unbekannten Dichterin. Der Roman setzt ihr nicht nur ein Denkmal, sondern bringt sie einem breiteren Publikum nahe. Ihre Gedanken und Gefühle lassen sich sehr gut nachvollziehen. Sowohl die Protagonistin als auch die weiteren Figuren wirken authentisch.

Unterteilt in 144 kurze Kapitel, wird die Geschichte in chronologischer Reihenfolge in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Billie erzählt. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre und spielt an wechselnden Orten, vorwiegend in Greifswald.

Auf den knapp 380 Seiten wird Billies Leben auf unterhaltsame, berührende und fesselnde Weise beschrieben. Unerwartete Geschehnisse sorgen dafür, dass beim Lesen keine Langeweile aufkommt. Zugleich spart der Roman an Übertreibungen und unnötiger Dramatisierung.

Die fundierte Recherche ist der Geschichte immer wieder anzumerken. Nur an wenigen Stellen weicht sie von den tatsächlichen Fakten ab. Von der sorgfältigen Quellenarbeit zeugt auch das Nachwort („Was aus ihnen wurde“), das den eigentlichen Roman perfekt ergänzt.

Mit dem Vokabular, das behutsam an das 17. Jahrhundert angepasst wurde, und einem poetischen Unterton passt die Sprache des Romans hervorragend zur Geschichte. Zugleich ist es gelungen, einen ganz eigene, unverwechselbare Erzählstimme zu schaffen. Gut gefallen hat mir auch, dass sich die Zitate aus dem Werk der Dichterin sehr harmonisch und organisch in den Gesamttext einfügen.

Ausgesprochen gelungen empfinde ich das ungewöhnliche Covermotiv. Es zeigt Erato, Billies Lieblingsmuse.

Mein Fazit:
Mit „Billie“ hat mich Stefan Cordes in mehrfacher Hinsicht überzeugt. Ein unbedingt empfehlenswerter Roman, der mehr als nur Unterhaltung bietet und schon jetzt einen Platz unter meinen Jahreshighlights ergattert hat

Veröffentlicht am 30.01.2025

Widderwillig und keinbockig

Widder Willi will aber!
0

Willi, ein kleiner Widder, lebt mit seiner Familie inmitten seiner Schafherde. Doch nicht immer geht es harmonisch zu, denn besonders an den Tagen, an denen seine Hörner wachsen, möchte er alles alleine ...

Willi, ein kleiner Widder, lebt mit seiner Familie inmitten seiner Schafherde. Doch nicht immer geht es harmonisch zu, denn besonders an den Tagen, an denen seine Hörner wachsen, möchte er alles alleine bestimmen. Damit macht er viel Ärger. Nun trifft Widder Willi auf den kleinen Steinbock Hörnchen, der ebenfalls ständig aneckt…

„Widder Willi will aber!“ ist ein Bilderbuch für Kinder ab drei Jahren.

Die Gestaltung des Bilderbuchs ist herzallerliebst. Mit viel Liebe und einem Auge fürs Detail, zugleich modern und passend für die Altersgruppe sind die Zeichnungen von Marta Balmaseda. Sie nehmen teilweise eine Doppelseite, teilweise eine ganze Seite und teilweise weniger Platz ein. Das sorgt für Abwechslung.

Protagonisten der Geschichte sind vor allem Widder Willi und der kleine Steinbock Hörnchen. Zwei niedliche Figuren.

In sprachlicher Hinsicht ist das Bilderbuch herausragend. Witzige Wortspiele („Keinbock“) erschließen sich bereits den Kleinen. Zudem werden einige Redewendungen aufgegriffen, sodass das Buch sprachförderlich ist. Die Texte von Romy Pohl sind nämlich so formuliert, dass sie perfekt an die Sprachkenntnisse der Altersgruppe anknüpfen.

Auf den rund 30 Seiten lässt sich die Geschichte auch ohne größere Erklärungen selbst für kleine Kinder prima nachvollziehen. Mehrere lustige Szenen sorgen für Vorlesespaß und gute Unterhaltung.

Das Thema Trotzphase beziehungsweise Autonomiephase finde ich interessant für die Altersgruppe. Dass der kleine Widder trotzig und aufmüpfig ist, kommt sehr gut zum Ausdruck. Leider hat mich die weitere Umsetzung des Themas nicht überzeugt. Es werden keinerlei Strategien angedeutet, wie sich mit der Trotzigkeit sinnvoll umgehen lässt, wie Kompromisse aussehen könnten und warum Grenzen und Regeln manchmal notwendig sind. Das witzige Herumalbern mit dem Steinbock ist bloße Ablenkung und lässt sich leider nicht auf den Alltag von kleinen Kindern übertragen. Das Versprechen, dass das Buch dabei hilft, die anstrengende Zeit zu meistern, wird nicht eingelöst. An diesem Punkt verschenkt die Geschichte bedauerlicherweise viel Potenzial. Der gerade erst erschienene Nachfolgeband lässt diesbezüglich allerdings hoffen.

Mein Fazit:
„Widder Willi will aber!“ ist ein witziges und unterhaltsames Bilderbuch. In pädagogischer Hinsicht besteht jedoch noch etwas Luft nach oben.

Veröffentlicht am 24.01.2025

Im Hinterhof der Erde

Umlaufbahnen
0

Anton (Russland), Chie (Japan), Nell (England), Pietro (Italien), Roman (Russland) und Shaun (USA): Vier Astronauten und zwei Astronautinnen kreisen in einer Raumstation um die Erde. Sie leben auf engstem ...

Anton (Russland), Chie (Japan), Nell (England), Pietro (Italien), Roman (Russland) und Shaun (USA): Vier Astronauten und zwei Astronautinnen kreisen in einer Raumstation um die Erde. Sie leben auf engstem Raum und haben einen anspruchsvollen, durchgetakteten Tagesablauf. Weit weg von Familie und Freunden haben sie nicht nur mit Sehnsucht und Entbehrungen zu kämpfen, sondern auch besondere Herausforderungen zu meistern. Doch sie bereuen ihre Entscheidung nicht, denn aus ihren Fenstern haben sie die Schönheit der Welt ständig vor Augen.

„Umlaufbahnen“ ist ein Roman von Samantha Harvey, der mit dem Booker Prize 2024 ausgezeichnet worden ist.

Der Aufbau des Romans ist klar und schlüssig: Es gibt 21 Kapitel, die nach den Umlaufbahnen benannt sind. Die erzählte Zeit umspannt genau 24 Stunden, in denen die Raumstation 16 Male die Erde umrundet, auf den im Innenteil abgebildeten Umlaufbahnen. Die Handlung spielt in der nahen Zukunft.

Mit poetischer Note und wunderbar unaufgeregt wird erzählt. Gelungene, teils ungewöhnliche Bilder sind eine der Stärken des Romans. Darüber hinaus wird viel Atmosphäre transportiert. Beeindruckt haben mich zudem die Beschreibungen der Erdlandschaften und Städte von oben, der Sonnenauf- und -untergänge, der Polarlichter und Sterne. Die Übersetzung von Julia Wolf wird dabei dem Originaltext gerecht.

Stück für Stück, aber nicht bis ins letzte Detail lernen wir die sechs unterschiedlichen Protagonisten kennen. Die eigentliche Hauptfigur ist jedoch unser aller Heimatplanet. Denn auf der inhaltlichen Ebene dreht sich vieles um existenzielle Themen wie Liebe, Glaube und Tod, aber auch Weltpolitik und Klimaschutz. Wie stellt sich unser Planet von dort oben dar? Was macht die weite Entfernung zur Erde mit den Teilnehmern der Weltraummission? Wie ändern sich Ansichten und Gefühle draußen im Weltall? Immer wieder gibt der Roman Impulse zum Nachdenken und berührt. Nebenbei erfährt der Leser zudem einiges über die Vorbereitungen für die Mission und den Alltag der Crew.

Obwohl die Handlung auf den rund 220 Seiten überschaubar ist, manche Passagen sogar ein wenig redundant anmuten, habe ich mich beim Lesen keine Sekunde gelangweilt. Im Gegenteil.

Der prägnante englischsprachige Titel wurde sinnerhaltend ins Deutsche übertragen. Auch beim Cover wurde sich erfreulicherweise am Original orientiert.

Mein Fazit:
Mit ihrem preisgekrönten Roman hat Samantha Harvey auch mich begeistert. „Umlaufbahnen“ ist mein erstes Lesehighlight im Jahr 2025.

Veröffentlicht am 10.01.2025

Ein Haufen kaputter Seelen

Vor der Nacht
0

Sommer 1986: Der 14-jährige Halbwaise Jonas Kovacs kommt in ein Kinderheim, nachdem sein Vater ein Verbrechen begangen hat. Dort trifft er, der fortan Jimmy genannt wird, auf Frei, Pappel, Sinan, Beria ...

Sommer 1986: Der 14-jährige Halbwaise Jonas Kovacs kommt in ein Kinderheim, nachdem sein Vater ein Verbrechen begangen hat. Dort trifft er, der fortan Jimmy genannt wird, auf Frei, Pappel, Sinan, Beria und Lilly. In der Gruppe finden sie Zusammenhalt und eine Ersatzfamilie. Doch dann passieren Dinge, die die Freunde auseinander bringen…

„Vor der Nacht“ ist ein Roman von Salih Jamal.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1986 und reicht bis zum Anfang der 2000er-Jahre. Die Handlung spielt an wechselnden Orten, beispielsweise bei Baden-Baden, in Hamburg, in München, in einer bayrischen Kleinstadt. Erzählt wird in chronologischer Reihenfolge in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Jonas. Dabei umfasst der Roman 32 Kapitel, die von einem Pro- und einem Epilog eingerahmt werden.

In sprachlicher Hinsicht ist der Roman ein Juwel. Viele starke, teils ungewöhnliche Bilder, atmosphärische Beschreibungen und lebhafte Dialoge haben mich überzeugt. Der Erzählton hat eine poetische Note. Wortspiele und Symbole sind immer wieder eingeflossen. Nur manchmal passten die zitierten Formulierungen nicht zu der sonstigen Ausdrucksweise der Charaktere.

Die Idee, das Thema Kinderheime zu beleuchten, hat mir sehr zugesagt. Zunächst recht episodenhaft, dann zusammenhängender erfahren wir von den schlimmen Schicksalen der Kinder und von ihrem neuen Alltag. Es geht um Verlust und Trauer, Schuld und Sühne, Hoffnung und Verzweiflung, Liebe und Freundschaft.

Im Zentrum der Geschichte dreht es jedoch vor allem darum, wie es entwurzelten Individuen nach dem Verlust des Elternhauses und der prägenden Zeit im Heim geht und wie schwierig es für sie ist, ein geordnetes, normales Leben zu führen. Gewalt, schwere Verbrechen, Süchte und ähnliche Aspekte sind beinahe an der Tagesordnung. Leider werden toxische, misogyne und kriminelle Verhaltensweisen an manchen Stellen verharmlost beziehungsweise positiv umgedeutet. Als störend habe ich außerdem die zahlreichen sexuellen Bezüge empfunden.

Die sechs Protagonisten sind gezeichnete Charaktere. Kaputte Seelen, die ihre Vergangenheit noch nicht verarbeiten konnten und unter schwierigen Voraussetzungen ihren Weg fürs Leben finden müssen.

Auf den etwa 340 Seiten ist die Handlung kurzweilig, unterhaltsam, bisweilen berührend und aufrüttelnd. Manche Details wirken allerdings unglaubwürdig und überzogen dramatisch. Das gilt auch für das Ende. Zudem bleiben im Laufe der Handlung immer wieder Teile der Geschichte unklar, sodass mich der Roman mit einigen offenen Fragen zurückgelassen hat.

Mein Fazit:
Mit „Vor der Nacht“ wurde Salih Jamal meinen hohen Erwartungen leider nicht in Gänze gerecht. Die sprachlichen Stärken des Textes konnten die inhaltlichen Schwächen für mich nicht komplett überdecken.