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Veröffentlicht am 11.03.2025

Doch kein Ungeheuer!

Mister O'Lui und das Mutigsein
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Biberbär Mister O’Lui und Rupert, das Streifenschwein, sind verwundert. Seltsame Dinge beobachten die beiden Freunde. Erst bemerken sie das verwüstete Blumenbeet, dann ihr geplündertes Picknick. Und dabei ...

Biberbär Mister O’Lui und Rupert, das Streifenschwein, sind verwundert. Seltsame Dinge beobachten die beiden Freunde. Erst bemerken sie das verwüstete Blumenbeet, dann ihr geplündertes Picknick. Und dabei bleibt es nicht. Treibt etwa ein Ungeheuer sein Unwesen?

„Mister O’Lui und das Mutigsein“ ist die Fortsetzung der Reihe zum Biberbären von Silke Siefert, empfohlen für Kinder ab vier Jahren.

Erzählt wird die neue Geschichte in chronologischer Reihenfolge auf 26 Seiten. Zum Teil erstrecken sich die Szenen auf eine Doppelseite, zum Teil nur auf eine Seite.

Eingeleitet wird der neue Band erneut mit den Steckbriefen von Mister O’Lui und Rupert. Zu Beginn wird außerdem deren Vorgeschichte zusammengefasst, sodass das Buch auch ohne jegliche Vorkenntnisse verstanden werden kann.

Gut gefallen hat mir, dass auch diese Geschichte nicht mit Figuren überfrachtet ist. Neben dem bereits bekannten Biberbären und seinem Freund, dem Streifenschwein, wird diesmal nur eine zusätzliche Protagonistin eingeführt: Giraffe Olivia. Sie ist ein ebenso sympathischer und liebenswerter Charakter wie Mister O’Lui und Rupert.

In inhaltlicher Hinsicht hat mich das Bilderbuch ebenfalls überzeugt. Wie der Titel verrät, geht es in diesem Band um das Thema Mut und darum, eigene Ängste zu überwinden. Aufgezeigt werden drei Arten von Mut. Dabei wird zwar zunächst die noch nicht sichtbare Olivia als Ungeheuer gedeutet. Trotzdem ist das Bilderbuch auch für ängstliche Kinder nicht zu gruselig. Genauso bildet die Freundschaft einen inhaltlichen Schwerpunkt.

Die Texte sind altersgemäß. Sie sind dank einer angemessenen Wortwahl und Syntax gut verständlich. Zugleich sind die Beschreibungen ausführlich genug und prima nachvollziehbar, dass das Bilderbuch ohne ergänzende Erklärungen der Erwachsenen auskommt.

Die Illustrationen von Silke Siefert sind erneut zuckersüß geraten. Die reduzierte Farbgebung wirkt angenehm und keineswegs trist. Die Zeichnungen sind so detailliert, dass es einiges zu entdecken gibt, ohne die Kinder visuell zu überfordern. Das Covermotiv rundet die gelungene Gestaltung ab.

Mein Fazit:
Auch der neue Mister-O’Lui-Band hat mich begeistert. „Mister O’Lui und das Mutigsein“ ist ein empfehlenswertes Bilderbuch.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 09.03.2025

Ein Panzer gegen den Schmerz

Die erste halbe Stunde im Paradies
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Anne Kupper hat mit Anfang 30 noch großen Ehrgeiz im Job. Die Pharmareferentin möchte eine begehrte Stelle im Innendienst. Doch ausgerechnet bei einer beruflichen Fortbildung, die sie diesem Ziel näher ...

Anne Kupper hat mit Anfang 30 noch großen Ehrgeiz im Job. Die Pharmareferentin möchte eine begehrte Stelle im Innendienst. Doch ausgerechnet bei einer beruflichen Fortbildung, die sie diesem Ziel näher bringen soll, kommt ihr ihr Bruder Kai (41) in die Quere. Die Begegnung nach vielen Jahren katapultiert sie gedanklich zurück in ihre Kindheit, in der die beiden für ihre an Multiple Sklerose (MS) erkrankte Mutter Elli sorgen mussten, bis die Situation eskalierte…

„Die erste halbe Stunde im Paradies“ ist ein Roman von Janine Adomeit.

Eingeleitet von einem Prolog, umfasst der Roman 22 Kapitel. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Anne und auf zwei Ebenen: Es gibt einen Vergangenheit- und einen Gegenwartsstrang.

Die Sprache ist ungekünstelt und klar, aber atmosphärisch und eindringlich. Lebensnahe Dialoge und anschauliche Beschreibungen wechseln sich ab.

Drei Figuren stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Anne, Kai und deren Mutter. Die Personen werden mit psychologischer Tiefe dargestellt. Besonders Annes Gedanken und Gefühle werden gut greifbar.

Der Inhalt des Romans ist harte Kost und hat mir einiges abverlangt, denn ich konnte das Leid der Kinder kaum ertragen. Einerseits geht es um das Pharmageschäft und insbesondere um den Vertrieb des Schmerzmittels Fentanyl, dessen hohe Suchtgefahr oft unterschätzt wird. Andererseits geht es um den körperlichen Verfall eines Elternteils, der an MS erkrankt ist und pflegebedürftig wird. Insofern behandelt der Roman den Schmerz in zwei Ausprägungen: den körperlichen und den seelischen.

Anders als die Autorin in einem Interview erklärt, sehe ich das zentrale Problem des Romans nicht im Loyalitätskonflikt der Kinder, die über ihre Lage außerhalb der Familie nicht reden dürfen, sondern in der Parentifizierung und ihren psychischen Langzeitfolgen. Durch die kindliche Perspektive Annes wird erst recht spät deutlich, wie katastrophal die Situation im Hause Kupper ist und wie egoistisch das Verhalten der Mutter ist. Die unangemessene Verschiebung der Verantwortung wird nur in einem Dialog angerissen. Dabei ist die Sache eigentlich klar: Hier kümmerte sich nicht die Mutter um ihre minderjährigen Kinder, sondern die Kinder um ihre pflegebedürftige Mutter. Dies hat schwerwiegende Konsequenzen: ein Kind wird wiederholt abhängig und muss zum Entzug, das andere zeigt emotionale Abwehrstrategien und ein ungesundes Sozialverhalten. Dies alles stellt die Geschichte zwar dar. Allerdings wird die Chance verpasst, deutlich zu machen, wie viel mehr getan werden müsste, um Kinder vor solchen Überforderungen zu schützen, aber auch wie hilflos Kinder sind, wenn sie zur Pflege ihrer Eltern gezwungen werden. Damit hätte der Roman sein volles Potenzial ausschöpfen können.

Auf den rund 270 Seiten entwickelt die Geschichte eine zunehmende Spannung, ohne übertriebene Dramatik und Logiklücken. Die Handlung ist durchweg stimmig. Auch das realistische Ende hat mich überzeugt.

Der interessante Titel, der sich schon nach den ersten Kapiteln erklärt, ist durchaus passend gewählt. Das ungewöhnliche Covermotiv mit dem Gürteltier hat ebenfalls einen Bezug zum Inhalt des Romans.

Mein Fazit:
„Die erste halbe Stunde im Paradies“ ist ein schmerzhafter Roman von Janine Adomeit über die Problematik der pflegenden Minderjährigen. Eine Lektüre, die vor allem familiäre Missstände offenlegt, die betroffen und wütend macht.

Veröffentlicht am 15.02.2025

Wer gräbt, kann nicht antworten

Tomke gräbt
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Es ist schönes Wetter und die Familie hält sich im Garten auf, als Sohn Tomke mit Schaufel und Schippe anrückt. Wortlos beginnt er, ein großes Loch zu buddeln. Auf Nachfragen und Spekulationen reagiert ...

Es ist schönes Wetter und die Familie hält sich im Garten auf, als Sohn Tomke mit Schaufel und Schippe anrückt. Wortlos beginnt er, ein großes Loch zu buddeln. Auf Nachfragen und Spekulationen reagiert der Junge nicht.

„Tomke gräbt“ ist ein Bilderbuch für Kinder ab drei Jahren.

Erzählt wird die Geschichte auf zwölf Doppelseiten. Die Zeichnungen dominieren dabei. Die Gestaltung ist abwechslungsreich. Die Spekulationen der Umstehenden sind zum Teil amüsant und sorgen für einige Lacher, beispielsweise die Dinofalle.

Die Illustrationen von Julia Dürr wirken modern, aber nicht lieblos. Sie sind bunt, ohne zu grell und aufdringlich zu sein. Zudem bieten sie etliche Details zum Entdecken und ergänzen den Text auf gelungene Weise.

Beim Text von Lena Hach fällt die einfache Syntax auf. Die Sätze sind kurz. Auch das Vokabular wurde an die Altersgruppe angepasst.

Spielen, aktiv sein, Dinge tun - nur zum Selbstzweck, ohne Ziel und Intention: Diese Selbstvergessenheit kennen viele Kinder. Protagonist Tomke ist also - zumindest in dieser Hinsicht - ein ganz normales Kind und dient als Identifikationsfigur. Dass er sich nicht erklären mag und die anderen ignoriert, wirkt sehr authentisch.

Die Botschaft, dass es absolut in Ordnung ist, etwas auch ohne konkreten Sinn zu tun, halte ich für begrüßenswert und kindgerecht. Allerdings ist der Text so spärlich, dass er dies nicht ausdrücklich erklärt. Ohne zusätzliche Erläuterungen erschließt sich leider nicht, was dort eigentlich vor sich geht. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Tomke sein Verhalten am Ende durch das Sammeln in ähnlicher Form wiederholt. Tatsächlich denke ich jedoch, dass vor allem die erwachsenen Vorleser hier inhaltlich am meisten mitnehmen können. Sie haben die Selbstvergessenheit, anders als Kinder, schließlich oft verlernt.

Der prägnante Titel passt ebenso prima zur Geschichte wie das Covermotiv. Beides rundet das Leseerlebnis gut ab.

Mein Fazit:
„Tomke gräbt“ ist ein Bilderbuch mit einer schönen Botschaft, das mich besonders in optischer Hinsicht überzeugt hat.

Veröffentlicht am 07.02.2025

Milo und die kleine Spinatfrau

Als der Wald erwachte
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Es ist Frühling geworden im Wald. Die Blätter sprießen, die Tiere erwachen aus dem Winterschlaf. Doch die kleine Spinatfrau wütet und zetert herum. In ihrer üblen Laune bemerkt sie den Menschenjungen Milo, ...

Es ist Frühling geworden im Wald. Die Blätter sprießen, die Tiere erwachen aus dem Winterschlaf. Doch die kleine Spinatfrau wütet und zetert herum. In ihrer üblen Laune bemerkt sie den Menschenjungen Milo, der gerade mit seiner Mutter im Wald unterwegs ist, zu spät. Bevor sie fliehen kann, hat er sie in seine Tasche gesteckt, um sie zu entführen…

„Als der Wald erwachte“ ist ein Bilderbuch, das sich an Kinder ab vier Jahren richtet.

Die Geschichte erstreckt sich über zwölf Doppelseiten. Jede enthält eine große Illustration und einen längeren Textanteil.

Sowohl Tiere und Pflanzen als auch Menschen und fiktive Wesen tauchen als aktive Figuren auf. Die alte Eiche fungiert als Erzählerin. Im Fokus stehen jedoch Milo und die Spinatfrau.

Der Text von Martin Widmark und Emma Karinsdotter setzt auf einfache Satzkonstruktionen. Das Vokabular ist perfekt auf die Altersgruppe abgestimmt: nicht zu kompliziert und speziell, aber auch nicht zu simpel und redundant. Allerdings bleibt der Text an manchen Stellen etwas unkonkret. Zum Beispiel wird nicht erklärt, was eine Spinatfrau eigentlich sein soll oder warum der Wald Spinat genannt wird.

Die ganzseitigen Illustrationen von Emilia Dziubak zeugen von viel Liebe fürs Detail. Sie wirken zugleich märchenhaft und atmosphärisch, aber auch modern und glaubwürdig. Allerdings sind die meisten Zeichnungen sehr dunkel geraten. Schwarz und andere düstere Farben dominieren, was zwar zur Geschichte passt, aber jüngere Kinder ängstigen könnte.

Auf der inhaltlichen Ebene geht es vor allem um Tod, Trauer und Einsamkeit. Diese Themen werden auf pädagogisch sinnvolle Weise dargestellt. Das Bilderbuch bietet einen willkommenen Anlass, um mit Kindern über Gefühle und Sorgen ins Gespräch zu kommen. Die Botschaft der Geschichte lautet, dass man auch nach einem Verlust nicht alleine sein muss und neue Freunde finden kann. Das Erleben von Zusammenhalt, Gemein- und Freundschaft wird als Weg aus der Trauer und der Traurigkeit aufgezeigt. Gegebenenfalls muss dies beim Vorlesen noch etwas ausführlicher erläutert werden.

Das Covermotiv gibt einen guten Vorgeschmack auf die Geschichte. Der deutsche Titel passt leider nicht ganz so ideal wie das schwedische Original („Den lilla spenatgumman“).

Mein Fazit:
„Als der Wald erwachte“ ist ein hübsches Bilderbuch mit einer ebenso wichtigen wie begrüßenswerten Botschaft. Da die Geschichte recht düster daherkommt, würde ich sie erst ab viereinhalb bis fünf Jahren empfehlen.

Veröffentlicht am 06.02.2025

Ein Sohn ist immer ein Risikofaktor

Sehr geehrte Frau Ministerin
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Sie sind drei Frauen und wohnen in Essen: Eva Patarak, Verkäuferin in einem Kräuterladen, die ihren Sohn Philipp alleine großgezogen hat, Silke Aschauer, die kinderlose Studienrätin, die Latein unterrichtet ...

Sie sind drei Frauen und wohnen in Essen: Eva Patarak, Verkäuferin in einem Kräuterladen, die ihren Sohn Philipp alleine großgezogen hat, Silke Aschauer, die kinderlose Studienrätin, die Latein unterrichtet und der es vor allem die römische Geschichte angetan hat, und die namenlose Bundesministerin der Justiz, die ihre Familie höchstens an den Wochenenden sieht und sich mit den Details der Gesetzgebung, Hassbriefen und Wahlkampfterminen herumschlagen muss. Was verbindet sie?

„Sehr geehrte Frau Ministerin“ ist ein Roman von Ursula Krechel.

Der Roman besteht aus drei Teilen, deren Fokus jeweils auf einer der Protagonistinnen liegt. Erzählt wird non-linear, wobei die Perspektive wechselt, sogar bisweilen innerhalb eines Absatzes. Die Handlung spielt vorwiegend, aber nicht ausschließlich in Essen und umfasst einen nicht näher definierten Zeitraum.

Besonders in sprachlicher Hinsicht hat mich der Roman beeindruckt. Sprachspielereien und Neologismen sind nur ein paar Beispiele dafür, wie wortgewaltig der Text ist. Die lateinischen Einschübe werden nicht immer übersetzt, sind im Kontext aber dennoch verständlich. Nur an wenigen Stellen wirkt der Text übertrieben kunstvoll.

Die interessanten Figuren werden lebensnah und mit psychologischer Tiefe gezeichnet. Sie sind allerdings recht speziell und bieten wenig Identifikationspotenzial. Die titelgebende Ministerin erhält nicht so viel Raum wie die beiden anderen Protagonistinnen.

Auf der inhaltlichen Ebene enthält die Geschichte etliche feministische Aspekte, die zum Nachdenken anregen und gesellschaftskritische Impulse setzen. Dargestellt wird beispielsweise, dass körperliche Leiden von Frauen in der Medizin schnell abgetan werden. Zudem geht es um Misogynie, die Schwierigkeiten alleinerziehender Mütter, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, toxische Männlichkeit, Femizide, sonstige Gewalt gegen Frauen, Cybermobbing und derartiges mehr. Wie brandaktuell diese Themen sind, zeigen die jüngsten Ereignisse in Deutschland.

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Verhältnis zwischen Müttern und Söhnen. Dabei wird immer wieder eine Brücke ins alte Rom gebaut, insbesondere zu Nero und dessen Mutter Agrippina. Diese wiederkehrenden Exkurse sind zwar durchaus erhellend, in Gänze allerdings ein wenig zu ausführlich und damit langatmig geraten.

Auf den 360 Seiten ist der Roman also nicht nur facettenreich und tiefgründig, sondern auch sehr komplex. Das ist einerseits eine Stärke, überfrachtet ihn andererseits jedoch etwas.

Immer wieder konnte mich die Geschichte überraschen, auch dank ihrer raffinierten Erzählstruktur. Das Ende ist absolut stimmig. Einige lose Fäden bleiben jedoch übrig.

Mein Fazit:
„Sehr geehrte Frau Ministerin“ von Ursula Krechel ist ein vielschichtiger Roman, der gesellschaftlich relevante und besonders feministische Themen mit überzeugender Sprachgewalt zu verbinden weiß. Eine empfehlenswerte, jedoch nicht sehr eingängige Geschichte, die ein aufmerksames und geduldiges Lesepublikum voraussetzt.