Ein Denkmal für alle Frauen dieser Zeit
Seit die Mutter tot ist, wächst Hanna Krause mit ihrer Schwester Liese bei ihrer halben Schwester Rose auf. Rose und die andere halbe Schwester Magarete sind deutlich älter. Deren Vater ist schon lange ...
Seit die Mutter tot ist, wächst Hanna Krause mit ihrer Schwester Liese bei ihrer halben Schwester Rose auf. Rose und die andere halbe Schwester Magarete sind deutlich älter. Deren Vater ist schon lange verstorben. Die Mutter hat dann wieder geheiratet, aber der Mann, den alle hinter vorgehaltener Hand Polacke nennen, ist zeitnah abgehauen. Auch Liesa und Hanna wurden von den Nachbarskindern Polackinnen gerufen und durften nicht mitspielen. Hanna kann sich kaum an die Mutter erinnern, sie war erst vier, als sie zu Boden stürzte und nicht wieder aufstand.
Die Magarete hat als Dienstmädchen bei dem Sauerkrautmogul gearbeitet. Der einzige Sohn Heinrich, heiratete sie dann. Weil Magarete kinderlos blieb, begann sie ein Verhältnis mit ihrem Gynäkologen. Die Rose hat einen Blumenladen gleich neben der Entbindungsstation, das ist wie ein Fünfer im Lotto. Hanna kümmert sich um Hund Harald, den sie Gurke nennt, der Kinderersatz für Rose und Walter, den findigen Herrenausstatter.
Hanna lernte Karl kennen, als sie Magarete in Magdeburg besuchte. Er war Versicherungsvertreter, führte Hanna zum Tanzen aus und machte schöne Augen. Zurück in Roses Blumenladen riet die ihr von Karl ab, aber der ließ nicht locker. Hanna wurde Mutter eines Jungen und heiratete Karl. 1933 eröffnete sie im Knattergebirge einen kleinen Blumenladen. Die Nachbarschaft bestand aus Luden und Dieben. Karl verlor seine Arbeit und wurde ihr Gehilfe, obwohl sie ihn nie so genannt hätte. Sie hatte im Garten von Karls Eltern Schnittblumen für ihre Sträuße gepflanzt und die holte Karl ihr bei Bedarf.
Fazit: Annett Gröschner erzählt das Leben ihrer Protagonistin und ich lausche ihr, als würde sie aus dem Nähkästchen plaudern. Ich bin mitten drin in Hannas Leben und in meinem Kopf entsteht eine Bilderflut. Ich stelle mir vor, dass Hanna eine Frau von so vielen ist, die das gleiche oder ein ähnliches Schicksal teilen. Der erste Weltkrieg, der den Frauen Männer und Söhne entriss, der zweite Weltkrieg, der mit enormer Zerstörungswut ausgetragen wurde und ganze Städte zerstörte, wie selbstverständlich, mit Phosphatbomben, Luftminen und Sprengbomben. Dazwischen ein wenig leben in einer Zeit kurz nach der Industrialisierung und Ausbeutung der Arbeiter. Wie Hanna versuchte etwas auf die Beine zu stellen, um ihre Familie zu versorgen, alles verlor und wieder von vorne begann. Wie sie ihre Mädchen vor den alliierten Soldaten schützte und sich mit ihrem trinkenden Mann arrangierte. Sie schluckte ihre, durch Verluste entstandenen Traumen hinunter und erfand sich neu. Die Autorin hat mit dieser Geschichte allen Frauen dieser Zeiten ein Denkmal gesetzt. Was mich nach dem Lesen tief bewegte, war, wie Hanna ihr Leben lang kämpfte und stets das Beste draus machte und am Ende geht sie, verschwindet, als hätte es sie nie gegeben. Was für ein würdiges Zeitzeugnis! Mögen wir diese Frauen (meine und eure Omas) nicht vergessen und sie für ihre Kraft in Ehren halten. Leute, lest es.