Berührender und erschreckend aktueller Roman
Vor hundert SommernZum Inhalt:
Lena und ihre Mutter Anja räumen die Wohnung von Lenas Oma in Berlin aus, weil diese in ein Seniorenheim nach Hamburg umgezogen ist. Dabei entdecken sie alte Koffer von Anjas Großtante Clara, ...
Zum Inhalt:
Lena und ihre Mutter Anja räumen die Wohnung von Lenas Oma in Berlin aus, weil diese in ein Seniorenheim nach Hamburg umgezogen ist. Dabei entdecken sie alte Koffer von Anjas Großtante Clara, die als junge Frau im Berlin der 1920er Jahre lebte und dort einen Hundesalon führte.
Auf verschiedenen zeitlichen Ebenen erzählt die Autorin die Geschichte einer Familie über Generationen hinweg - wie es Clara in den 1920er und 1930er Jahre in der Weimarer Republik und im Dritten Reich ergeht, und wie Lena und Anja das nach und nach erfahren. Gleichzeitig müssen auch Anja und Lena ihren Weg in der Gegenwart mit Beruf und Studium finden.
Meine Meinung:
Ich habe bisher alle Romane von Katharina Fuchs gelesen und mag ihre Erzählweise extrem gerne. Auch bei diesem Roman war ich direkt wieder mitten im Geschehen und habe das Leseerlebnis von der ersten bis zur letzten Seite sehr genossen.
Die Geschichte wird aus den Perspektiven von Lena, Anja und Clara und auf verschiedenen zeitlichen Ebenen (von 1924 bis 2024) erzählt, was sie sehr lebendig macht. Als Leserin bekommt man so ein sehr vielschichtiges Bild vom Geschehen und ich habe es sehr genossen, die unterschiedlichen Sichtweisen der einzelnen Personen zu verstehen und zu hinterfragen.
Die Personen sind sehr authentisch, warmherzig und vielschichtig angelegt, so dass man ihre Motivationen gut nachvollziehen kann und man automatisch mit ihnen mitfiebert.
In Anja, die im Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie teilweise ihre eigenen Bedürfnisse vergisst, konnte ich mich sehr gut hineinversetzen. Lena war mir selbst zwar etwas fremd, aber ich fand ihre Entwicklung von der unsicheren Studentin bis zu einer jungen Frau, die bestimmter ihren Weg geht, auch sehr glaubwürdig.
Besonders nah gekommen ist mir Clara, die in den 1920er und 1930er Jahren manchen Schicksalsschlag erlebt. Ihre Erzählung nimmt auch im Roman am meisten Raum ein, weil er der relevante Teil der Familiengeheimnisse ist, die jahrelang totgeschwiegen wurden.
Insofern ist die Geschichte auch extrem spannend und man möchte das Buch einfach nicht aus der Hand legen, weil man wissen möchte, wie es weitergeht. Gleichzeit war ich fast ein wenig traurig, als das Buch ausgelesen war.
Neben den Figuren und der spannenden Handlung hat mich zutiefst beeindruckt, wie tiefgründig die Autorin wieder erzählt. In den Erzählsprüngen der Gegenwert kommen viele aktuelle Tendenzen vor wie Social Media, New Adult-Literatur, Nachhaltigkeit etc., vor allem aber auch erschreckende Parallelen zur Zeit vor 100 Jahren, wenn es um Antisemitismus und Kriegstreiberei geht.
Insofern sind solche Bücher wie dieses wichtiger denn je, denn es darf niemals vergessen werden, welche Schuld Deutsche auf sich geladen haben und wie die Gesellschaft den Aufstieg der Nationalsozialisten ermöglicht hat. Interessant fand ich übrigens auch, dass die Menschen damals den Begriff „Nazis“ noch nicht verwendet haben.
Mich hat das Buch sehr bewegt und berührt und es wird mich sicherlich noch lange beschäftigen.
Schön fand ich auch, dass es ein Wiedersehen mit Anna aus „Zwei Handvoll Leben“ gab - ich mag es immer, wenn mir lieb gewonnene Personen in Bücher wieder begegnen.
Fazit:
Ein wichtiger und grandios erzählter Familienroman, der mich sehr gefesselt hat. Unbedingt lesen!