"Pass auf sie auf"
Was ich von ihr weiß...lautet die Übersetzung des französischen Original-Titels "Veiller sur elle" - treffender als die deutsche Version, aber vage im Hinblick auf die Handlung. Umso gelungener sind hingegen Cover und Umschlaggestaltung: ...
...lautet die Übersetzung des französischen Original-Titels "Veiller sur elle" - treffender als die deutsche Version, aber vage im Hinblick auf die Handlung. Umso gelungener sind hingegen Cover und Umschlaggestaltung: Pietra d'Alba lässt sich erahnen, der Schauplatz dieses Romans von Jean-Baptiste Andrea.
Ich habe mir das Buch nicht selbst ausgesucht, mag jedoch literarische Überraschungen. Daher habe ich den Klappentext erst nach Beendigung der Lektüre gelesen. Er sorgt für einen guten Überblick, was Lesende auf den folgenden 500 Seiten erwartet: die Komplexität einer Gesellschaft und ihrer Beziehungen kombiniert mit italienischem Flair. Der Autor war mir zuvor unbekannt, sodass ich mich unvoreingenommen auf den Inhalt einlassen konnte. Ich mochte vor allem die Perspektivwechsel und den Rückblick auf das ungewöhnliche Leben von Bildhauer Mimo Vitaliani. Der Stil ist anspruchsvoll, poetisch und gelegentlich etwas ausschweifend – was zu Lasten des emotionalen Zugangs der überschaubaren Anzahl an Protagonisten geht. Man muss sich darauf einlassen.
"Vor der Villa erstreckten sich, so weit das Auge reichte, Orangenbäume, Zitronenbäume, Pomeranzen. [...] Unmöglich konnte man nicht stehen bleiben, so überwältigend war die Landschaft, buntfarbig, pointillistisch, ein nie verlöschendes Feuerwerk in allen Tönen, Mandarine, Melone, Aprikose, Mimose, Schwefelblüte. Im Kontrast zum Wald hinter dem Haus zeigte sich anschaulich die zivilisatorische Mission der Familie, und so stand es auch in ihrem Wappen. Ab tenebris, ad lumina. Fern der Finsternis,
hin zum Licht."
"Mit den Händen in den Taschen ging ich von Raum zu Raum und bemühte mich, größer zu wirken. Das Grün dominierte, zog sich durch Tapeten, Vorhänge, Raffhalter, Kettenhüllen von Kronleuchtern und Fransensessel in den Tönen Linde, Aventurin und Seladon. Unser fliegender Flügel, den wir vor zwei Tagen fertiggebaut hatten und auszuprobieren kaum erwarten konnten, zeigte die gleiche Farbmelange."
Die unvorhersehbare Handlung vermag durchweg zu fesseln. Vor allem der Handlungsstrang der Gegenwart wirft Fragen auf und sorgt bis zur letzten Seite für Spannung. Wer die Bücher von Luca di Fulvio schätze, kommt sich auch bei Jean-Baptiste Andrea auf seine Kosten. Der Autor selbst fasst den Erfolg seiner Geschichte wie folgt zusammen: "Ich habe einfach eine Geschichte geschrieben, die mir am Herzen lag und die mich tief bewegt hat. Ich habe lange nach der besten Form dafür gesucht, einer Form und einer Sprache, die die Geschichte tragen. Ich habe den Figuren Leben eingehaucht, und zwar so sehr, dass ich das Gefühl habe, sie sind real." Das Werk wurde mit dem Prix Goncourt 2023 ausgezeichnet, dem prestigeträchtigsten Literaturpreis Frankreichs.